Holocaust-Forschung Kirche lässt neues Goldhagen-Buch verbieten

Mit einer einstweiligen Verfügung lässt das Erzbistum München den Deutschland-Vertrieb des Buches "Die katholische Kirche und der Holocaust" verbieten. Das neue Werk des US-Historikers Daniel J. Goldhagen enthält eine Fotografie, die angeblich den früheren Münchner Kardinal in Verbindung mit der SA bringt.


München/Berlin - In Goldhagens Buch ist auf Seite 237 ein Foto zu sehen, auf dem laut Bildunterschrift Münchens früherer Kardinal Michael Faulhaber durch ein Spalier von SA-Leuten marschiert. Bei der Person soll es sich jedoch keineswegs um Faulhaber handeln, teilte das Münchner Erzbistum am Dienstag mit, das per einstweiliger Verfügung beim Münchner Oberlandesgericht bewirkte, dass die Auslieferung von "Die katholische Kirche und der Holocaust - Eine Untersuchung über Schuld und Sühne" (Siedler Verlag) in Deutschland gestoppt wurde. Eine Sprecherin des Berliner Verlags wollte zunächst keine Stellungnahme abgeben, da dem Verlag die schriftliche Verfügung noch nicht vorliege.

Das Gericht folgte in seiner Entscheidung der Argumentation der Kirche, wie Gerichtssprecher Christian Ottmann am Dienstag bestätigte. Das Bistum habe glaubhaft machen können, dass die Abbildung nicht den Kardinal zeige. Solange das Buch die Bildunterschrift enthält "Auf einer NS-Kundgebung in München marschiert Michael Kardinal Faulhaber durch ein Spalier von SA-Leuten", dürfe es weder vom Verlag vertrieben werden, noch mit seiner Billigung verkauft werden, so Ottmann. Der Verlag müsse nun das Buch zurückrufen oder die entsprechenden Stellen schwärzen lassen. Ansonsten drohe dem Verlagshaus ein Strafgeld von 250.000 Euro. Dem Verlag bleibe die Entscheidung frei, die Gerichtsentscheidung anzufechten.

Das Erzbistum München erklärte, das umstrittene Foto stamme aus dem Fotoarchiv des United States Holocaust Memorial Museum in Washington. Es gebe jedoch eidesstattliche Versicherungen und Vergleichs-Fotografien, die belegten, dass es sich bei der abgebildeten Person mit Sicherheit nicht um den Münchner Kardinal handle. Nach Angeben des Bistums habe sich der Verlag zunächst zum Einlenken bereit gezeigt und angekündigt, den Einwand gegen die Bildunterschrift noch einmal zu überprüfen, damit eine Korrektur auch für die internationale Ausgabe des Buches berücksichtigt werden könne. Dann hätten Verlagsanwälte jedoch erklärt, dass, selbst wenn es sich nicht um eine Abbildung von Faulhaber handeln sollte, 50 Jahre nach dem Tod des Kardinals ein entsprechender Persönlichkeitsschutz nicht mehr bestehe, der eine Klage rechtfertige.

Das Bistum hält dagegen Faulhaber für eine historische Persönlichkeit, "die noch heute in einem gewissen Sinn das Erzbistum München und Freising verkörpere", wie ein Sprecher erklärte. Das Bistum betonte zugleich, dass sich die Klage "nicht gegen eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Haltung der Kirche in den Jahren des Nationalsozialismus richtet". Die katholische Kirche werde weiter ihr Archive offen halten. Die Auseinandersetzung über die Rolle der katholischen Kirche im Nationalsozialismus könne aber nur auf der Basis gesicherter Fakten geführt werden. Daher sei es notwendig gewesen, gegen die falsche Bildunterschrift zu intervenieren.

Der Politologe Daniel Jonah Goldhagen hatte vor sechs Jahren die Deutschen als "Hitlers willige Vollstrecker" gebrandmarkt. Sein gleichnamiges Buch erregte monatelang die Gemüter. In seinem neuen Buch beschuldigt der Amerikaner in einem Rundumschlag Papst und Klerus, sie trügen nicht nur Mitschuld am Holocaust, sondern seien zudem allesamt uneinsichtige Antisemiten ­ bis heute.



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