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10. Mai 2005, 08:45 Uhr

Holocaust-Mahnmal

Über dem Führerbunker, Berlin

Von Henryk M. Broder

Es war einmal ein böser Ort, heute ist es ein guter: Nur 100 Meter vom ehemaligen Führerbunker-Gelände entfernt wird heute das Holocaust-Mahnmal eingeweiht. Bei allem Streit über Ausgestaltung, Sinn und Nutzen der monströsen Gedenkstätte - eine bessere Stelle hätte man nicht finden können.

Holocaust-Mahnmal in Berlin: Kein Anfang und kein Ende, nur Höhen und Tiefen
DDP

Holocaust-Mahnmal in Berlin: Kein Anfang und kein Ende, nur Höhen und Tiefen

An einem klaren und sonnigen Tag liegt das Holocaust-Mahnmal in der Mitte von Berlin da wie der Inhalt eines Lego-Kastens, der von einem Kind ausgeschüttet und dann sauber im Sandkasten aufgebaut wurde. Aus größerer Höhe, von 500 Metern aufwärts, sieht das "Stelenfeld" mit den 2711 Betonpfeilern vielleicht wie der Friedhof einer klassenlosen Gesellschaft aus. Jedes der Gräber ist genau 95 cm breit und 238 cm lang, nur die Höhenmaße sind verschieden, von 0,2 bis 4,7 Meter.

"Das 19.000 Quadratmeter große Stelenfeld ist sanft aber unregelmäßig geneigt", heißt es in der Projektbeschreibung, die am Zaun hängt. Die Stelen ergeben optisch eine Welle, die ihrerseits endlose Weite und Ewigkeit suggerieren soll, denn eine Welle hat keinen Anfang und kein Ende, nur Höhen und Tiefen. Es ist suggestive Architektur, die den Besucher in ihren Bann ziehen soll. Wie im Jüdischen Museum, wo es einen fensterlosen "Holocaust-Turm" gibt, den die Besucher neugierig betreten und erschüttert verlassen. Eine, zwei Minuten lang haben sie das Gefühl, allein und von der Welt verlassen zu sein. Ja, so müssen damals die Juden auf dem Weg in den Tod gefühlt haben...

Verzicht auf Geschmacksverstärker

Suggestive Architektur, die temporäre Aufwallungen erzeugt, gehört in ein Gruselkabinett. Der Holocaust war so gruselig, dass ein Holocaust-Mahnmal auf solche Geschmacksverstärker verzichten könnte. Wer jemals ein KZ besucht oder nur an der Rampe am Bahnhof Grunewald gestanden hat, von wo aus die Juden in den Osten deportiert wurden, der weiß, welche Kraft authentische Orte haben. Nun ist auch das Berliner Holocaust-Mahnmal ein authentischer Ort, denn kaum hundert Meter südlich der Stelen liegen die Ruinen des "Führerbunkers", in dem Hitler und seine Höflinge die letzten Tage vor dem Kriegsende verbracht haben.

Die niemals ganz fertig gestellte unterirdische Anlage im Garten der Neuen Reichskanzlei soll gewaltig gewesen sein: Ein "Vorbunker" für 150 Menschen, der "Hauptbunker" mit zwanzig Zimmern, darunter auch Büros, Wohn- und Schlafräume, eine Arztpraxis, ein Konferenzzimmer, eine Telefonzentrale. Es existieren nur zwei Fotos vom Bunker aus der Zeit vor dem 30. April 1945, auf einem lachen SS-Männer scheinbar unbeschwert in die Kamera wie bei einer Party. Auf dem letzten überlieferten Foto starrt Hitler stumpf in die Trümmer der Neuen Reichskanzlei über dem Vorbunker. Besser dokumentiert sind die Abrissarbeiten aus den Jahren 1947, 1959 und 1988. Der Marmor aus der Neuen Reichskanzlei wurde in der nahe gelegenen U-Bahnstation Mohrenstraße und im Treptower Ehrenmal für die Rote Armee verbaut. An den Orten selbst, die mit den Resten so fein geschmückt worden sind, fehlt allerdings jeder Hinweis darauf.

Spurensuche am China-Restaurant

Nach mehreren vergeblichen Sprengversuchen wurde der Bunker, der nach dem Mauerbau plötzlich mitten auf dem Todesstreifen lag, "tiefenenttrümmert", mit Schutt aufgefüllt und planiert. Das DDR-Regime befürchtete, westliche Spione könnten unter dem "antifaschistischen Schutzwall" heimlich den Grenzwechsel organisieren. Wenn heute Touristen nach Spuren des Bunkers suchen, finden sie nichts. Nur Eingeweihte finden eine Tafel, die allerdings an der falschen Stelle steht: fünfzig Meter entfernt, vor dem China-Restaurant "Pekingente" an der Ecke Voßstrasse und Wilhelmstraße. Wer den Hinweis lesen will, der einen Fuß hoch über dem Pflaster angebracht ist, muss sich erst einmal hinknien.

Szene aus "Der Untergang": Herzkammer des NS-Regimes
Constantin Film

Szene aus "Der Untergang": Herzkammer des NS-Regimes

Trotz der Tiefenenttrümmerung wollen die Gerüchte nicht verstummen, dass es irgendwo im Erdreich noch ein paar Räume geben muss, die teilweise erhalten geblieben sind. Es hält sich die Mythe, dass der Bunker mehrstöckig war, noch viel tiefer in der Erde lag und von fünfzig weiteren Schutzräumen umgeben war. So ist er im retrograden Größenwahn zu einer Art Königspalast geworden, der unter dem märkischen Wüstensand liegt. In Wirklichkeit war der "Führerbunker" trotz seiner vielen Räume ein schäbiger, enger Unterstand mit roh verschalten Betonwänden. Schon damals war er feucht, wegen einiger Baumängel lief er ständig mit Wasser voll und musste permanent leer gepumpt werden. Schon im Juli 1945 stand er handbreithoch unter Wasser.

Wäre dem "Führer" etwas früher der Sprit ausgegangen, wäre er recht schnell ersoffen. Vorschläge, den nicht mehr vorhandenen "Führerbunker" zu einer Gedenkstätte auszubauen, hatten schon allein wegen dieses Zustands keine große Chance. Inzwischen wissen allerdings Millionen Deutsche in etwa, wie es in der Herzkammer des NS-Regimes aussah - aus dem Kino. In dem Film Der Untergang spielt der "Führerbunker" eine zentrale Rolle. Die wenigen Außenaufnahmen - wenn sich der "Führer" zum Beispiel eine Pause im Garten gönnt - unterstreichen nur das Gespenstische des unterirdischen Zuhauses.

"Ein feines Plätzchen"

Käme heute ein Marsmensch nach Berlin oder auch nur ein Besucher aus der Eifel, der von Geschichte keine Ahnung hat, wäre er versucht zu sagen: "Da hat sich der Hitler aber ein feines Plätzchen ausgesucht." Besser, günstiger, zentraler könnte die Lage des Bunkers und des Holocaust-Mahnmals nicht sein. Im Westen macht sich der Tiergarten breit, im Norden wird mit dem Bau der amerikanischen Botschaft begonnen, die Akademie der Künste, das Hotel Adlon und die britische Botschaft sind schon da. Im Süden stehen die Vertretungen der Länder beim Bund: die Landesvertretungen von Hessen, Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Rheinland-Pfalz und des Saarlandes.

Nur der Osten muss noch erschlossen werden. Da gibt es schon einen kleinen Sportplatz, einen Sauna- und Fitnessclub und ein "Hotel für Frauen" namens Intermezzo. Die Nähe zum Potsdamer Platz ist ein großes Plus, das einen ständigen Umlauf von Touristen garantiert. Wenn Hitler geahnt hätte, dass er eines Tages das Café LebensArt, eine Filiale der US-Kette Subway, den China Club und Metzkes N.Y. Deli zu Nachbarn haben würde, hätte er sich wahrscheinlich schon eher umgebracht. "Führerbunker" hin, Holocaust-Mahnmal her - das ganze Gelände zwischen Brandenburger Tor und Potsdamer Platz hat enorm an Attraktivität gewonnen.

Mahnmal-Initiatorin Rosh: Gut vernetzt
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Mahnmal-Initiatorin Rosh: Gut vernetzt

Es war mal ein böser, heute ist es ein guter Ort. So gesehen, gibt es nicht nur historische Kollateralschäden, es gibt auch historische Kollateralnutzen. Wobei man nie im Voraus wissen kann, wie sich die Dinge entwickeln. Am 30. Januar 1989 erschien in der Frankfurter Rundschau ein "Aufruf" der Bürgerinitiative Perspektive Berlin, die sich an den Berliner Senat, die Regierungen der Bundesländer und die Bundesregierung (damals noch in Bonn) richtete. Der Aufruf begann mit den Worten: "Ein halbes Jahrhundert ist seit der Machtübernahme der Nazis und dem Mord an den Juden Europas vergangen. Aber auf deutschem Boden, im Land der Täter, gibt es bis heute keine zentrale Gedenkstätte, die an diesen einmaligen Völkermord, und kein Mahnmal, das an die Opfer erinnert. Das ist eine Schande."

Es stand eins zu eins

Es war eine Feststellung, der man nicht widersprechen konnte. Zumal sich die Bundesrepublik ebenso wie die DDR inzwischen mit den Folgen des Zweiten Weltkrieges arrangiert hatte. Die deutsche Teilung war eine "Tatsache", an der nicht mehr gerüttelt wurde; wenn es so etwas wie eine ausgleichende historische Gerechtigkeit gab, dann war die Mauer die verdiente Strafe für alles, was die Deutschen zwischen 1933 und 1945 angestellt hatten. So deutlich wurde es zwar nicht ausgesprochen, dass aber die Existenz zweier deutscher Staaten die Garantie für den Fortbestand des Friedens in Europa war, das galt als selbstverständlich. Die Deutschen hatten den Krieg angefangen, die Deutschen hatten den Krieg verloren. Es stand also eins zu eins. Am Status quo sollte nicht gerüttelt werden.

Und weil die Deutschen schon "bestraft" waren und zudem "Wiedergutmachung" geleistet hatten, drohte der Holocaust in Vergessenheit zu geraten. Deswegen wollte die Perspektive Berlin ein Zeichen setzen, das die Erinnerung an die Vergangenheit retten sollte. "Deshalb fordern wir, endlich für die Millionen ermordeter Juden ein unübersehbares Mahnmal in Berlin zu errichten. Und zwar auf dem ehemaligen Gestapo-Gelände, dem Sitz des Reichssicherheitshauptamtes, der Mordzentrale in der Reichshauptstadt. Die Errichtung dieses Mahnmals ist eine Verpflichtung für alle Deutschen in Ost und West."

Unterzeichnet war der Aufruf unter anderem von Willy Brandt und Günter Grass, Christoph Hein und Hilmar Hoffmann, Inge und Walter Jens, Beate Klarsfeld und Udo Lindenberg, Heiner Müller und Horst-Eberhard Richter, Otto Schily und Christa Wolf - der moralischen Elite aus Ost und West und den üblichen Verdächtigen, deren Namen man auch heute noch unter jedem Aufruf für Abrüstung in Europa und gegen Armut in der Dritten Welt findet.

Die Triebkraft hinter dem harmlosen Label Perspektive Berlin war die Berlinerin Lea Rosh, die sich in ihrer journalistischen Arbeit gründlich mit dem "Dritten Reich" und seinen Folgen beschäftigt hatte. Sie galt nicht nur als tüchtig, intelligent und zielstrebig, sie war auch gut vernetzt und kannte die richtigen Leute, die sie auf ihre Seite zu ziehen vermochte, unter anderem den damaligen Verleger des "Tagesspiegel", der sich seinerseits bestens im Berliner Klüngel auskannte.

Holocaust-Mahnmal: "Wir brauchen es ganz dringend"
REUTERS

Holocaust-Mahnmal: "Wir brauchen es ganz dringend"

Auch wenn man hinterher immer schlauer ist: Wahrscheinlich hätte der massive Aufmarsch der Promis und Gutmenschen nichts genutzt, wenn Genosse Zufall nicht aktiv geworden wäre. Mit dem Fall der Mauer ergab sich eine ganz neue, vollkommen unerwartete und irre Situation. Deutschland war - sieht man von den Ostgebieten ab, die schon längst abgeschrieben waren - als nationalhistorische Einheit wieder hergestellt, es hatte quasi seine Strafe verbüßt. Und wie bei jedem Gewalttäter, der nach langer Haft wieder in die Freiheit entlassen wird, fragten sich viele, vorneweg die besseren Deutschen, ob der Delinquent seine Lektion gelernt hatte, ob er geläutert war, ob man ihm trauen konnte oder ob er bald wieder rückfällig werden könnte.

Vielen Deutschen war die Idee von einem Deutschland einfach unheimlich. Das Wort vom "Vierten Reich" machte die Runde. Sogar Kanzler Kohl sprach anfangs von einer "Konföderation" zweier deutscher Staaten, die Bürgerrechtler in der DDR wollten es gerne noch einmal mit einem anderen, weichen Sozialismus versuchen, die Linken in der Bundesrepublik waren zuerst sprachlos, dann enttäuscht und schließlich empört über die Brüder und Schwestern aus der DDR, die vom Klassenkampf genug hatten und sich nun dem Konsum hingaben.

Symbolische Geste an die Welt

Auch Lea Rosh war sich in dieser Situation nicht bewusst, dass sie eine Option vorbereitet hatte, mit der sich die Bundesrepublik schmücken konnte. Das Mahnmal für die ermordeten Juden Europas wurde zum Grundstein der Berliner Republik. Es ging nicht mehr darum, an die Verbrechen der Nazis und die Leiden der Juden zu erinnern, sondern darum, zu demonstrieren, dass die Bundesrepublik sich zu ihrer moralischen Schuld bekannte - auch fünfzig Jahre danach. So wie das Abkommen von Luxemburg aus dem Jahre 1952, mit dem die Zahlung von Entschädigungen an überlebende Juden und Reparationen an Israel geregelt wurde, die Voraussetzung für die Wiederaufnahme Deutschlands in die Völkerfamilie war, so war der Bau des Holocaust-Mahnmals die symbolische Geste an die Welt: Schaut her, wir stehen zu unserer Geschichte, als Schurken waren wir schon gut, aber als reuige Sünder sind wir noch besser. Kohl, der anfangs gegen das Mahnmal war, erkannte die Chance und sorgte dafür, dass die Bundesrepublik eine Parzelle als Baugrund zur Verfügung stellte, um die sich alle Investoren und Spekulanten Europas gerissen hätten.

Ich erinnere mich an ein Gespräch, das ich Anfang der neunziger Jahre mit einem deutschen Diplomaten in einer wichtigen westlichen Metropole hatte. "Wir brauchen dieses Mahnmal", sagte er, "wir brauchen es ganz dringend." Ich war nicht grundsätzlich gegen das Mahnmal, ich hatte nur Bedenken, ob es eine gute Idee war, es allein den ermordeten Juden zu widmen und die Zigeuner, die Schwulen und die anderen Opfer der Nazis zu ignorieren und damit die Agenda der Nazis zu reproduzieren, für die die Vernichtung der Juden auch an erster Stelle stand. "Darauf kommt es nicht an", sagte der Diplomat, "wir brauchen das Mahnmal für unsere Selbstdarstellung in der Welt, vor allem in den USA."

Seitdem bin ich gegen das Mahnmal. Nicht nur, weil ich es für unanständig halte, die Opfer zu hierarchisieren oder die Macht der Zahlen auszuspielen - sechs Millionen Juden gegen eine halbe Million Zigeuner -, sondern weil ich sicher bin, meine Mutter, die in Auschwitz war, würde es nicht gut finden, als PR-Helferin für die Selbstdarstellung der Bundesrepublik zwangsverpflichtet zu werden.

Jüdisches Museum in Berlin: Fensterloser "Holocaust-Turm"
DPA

Jüdisches Museum in Berlin: Fensterloser "Holocaust-Turm"

Aber dieser Punkt ist nicht debattentauglich. Denn im Holocaust-Mahnmal konvergieren deutsche und jüdische Interessen ohne Rücksicht auf Geschichte, Logik und Moral. Die Deutschen wollen zeigen, dass sie aus der Geschichte gelernt haben, dass sie die Schuld annehmen und sich vor den Konsequenzen nicht drücken. "Kein anderes Volk hat sich so wie wir mit der eigenen Geschichte auseinander gesetzt" - diesen Satz konnte man überall hören und lesen, als wäre er Teil einer Litanei. Die Juden dagegen, die man von der Schuld der Deutschen nicht erst überzeugen muss, sind geschmeichelt, dass sie von den Tätern endlich als Opfer erster Klasse anerkannt werden. "Kein anderes Volk hat so gelitten wie wir" ist ein Satz, den man im jüdischen Milieu immer wieder vorgesetzt bekommt. Man könnte sagen: dem deutschen "Sündenstolz" (Hermann Lübbe) steht der jüdische "Opferstolz" gegenüber, und beide finden im Holocaust-Mahnmal einen gemeinsamen Nenner.

"Wir haben unsere Lektion gelernt"

Das ist wahrscheinlich ganz menschlich und natürlich, so wie Hass, Neid und Eifersucht menschlich und natürlich sind, aber deswegen muss man solche Interessenlagen nicht schön oder erbaulich finden. Zumal sie in der Praxis zu absurden Situationen führen. "Ja, haben denn die Juden nichts aus ihrer Geschichte gelernt?", fragen immer mehr Deutsche, wenn sie die Politik der Israelis gegenüber den Palästinensern anprangern wollen. Und setzen hinzu: "Wir haben unsere Lektion gelernt, wir wissen, wie man Menschen nicht behandeln darf! Das müssen die Juden erst noch lernen."

So werden aus resozialisierten Gewalttätern Bewährungshelfer, die darauf aufpassen, dass deren Opfer sich anständig verhalten. Und es ist das Holocaust-Mahnmal, das allen guten Intentionen seiner Betreiber zum Trotz diese Haltung weiter befördern wird. Es gibt kaum noch Deutsche, die den Holocaust leugnen, die Revisionisten bleiben unter sich. Aber etwa die Hälfte der Deutschen ist überzeugt, dass die Israelis den Palästinensern das antun, was die Nazis den Juden angetan haben. Und da kann man sich die bescheidene Anfrage nicht verkneifen, wozu all die fleißige Aufklärung und die demonstrative Reue gut war, wenn nicht dazu, sich ein moralisches Alibi und ein gutes Gefühl zu verschaffen.

Das Holocaust-Mahnmal wird zu einer touristischen Attraktion werden, wie das Jüdische Museum. Berlin wird sich mit dem größten und teuersten Holocaust-Mahnmal aller Zeiten schmücken. Staatsbesucher werden Kränze niederlegen, Schulklassen, die sonst nach Sachsenhausen, Dachau und Buchenwald gefahren wären, werden nun alles, was sie für den Leistungsschein Geschichte brauchen, in Berlin-Mitte finden. Das ist praktisch, denn es spart Zeit und Geld. Man muss ja auch nicht unbedingt in die Karibik fahren, wenn man unter Palmen liegen möchte. Die gibt es schon im Vergnügungspark Tropical Islands Resort in der Lausitz.

Beim Mahnmal neben dem tiefenenttrümmerten "Führerbunker" müssen nur noch ein paar praktische Probleme gelöst werden. Wer wird für die Sicherheit auf dem Gelände verantwortlich sein? Wird man das Mahnmal rund um die Uhr bewachen müssen? Was passiert bei Schnee und Glatteis? Wird es einen Streudienst geben oder wird man Schilder aufstellen: "Betreten auf eigene Gefahr"? Und was passiert, wenn ein Besucher kommt und fragt: "War hier irgendwo nicht auch der 'Führerbunker'?" Dann wird man ihm vielleicht antworten: "Der ist alle, jetzt hamwa den Holocaust."


Der Text ist erstmals in dem Buch "Böse Orte. Stätten nationalsozialistischer Selbstdarstellung - heute" von Stephan Porombka/Hilmar Schmundt (Hrsg.) erschienen; Claassen Verlag, Berlin 2005; 224 Seiten, ca. 19,90 Euro

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