Holocaust-Darstellungen "Darf man das? Die Frage ist zu einfach"

Mit welchen Bildern wollen wir die NS-Zeit erinnern? Die Medienwissenschaftlerin Lea Wohl darüber, wie Filme Deutsche entlasten, warum jüdische Perspektiven fehlen - und den Wert des Tarantino-Splatters "Inglourious Basterds".

Szene aus "Schindlers Liste"
ddp/ interTOPICS/ LMKMEDIA

Szene aus "Schindlers Liste"

Ein Interview von


  • privat
    Lea Wohl, Jahrgang 1984, ist Film- und Medienwissenschaftlerin. Sie forscht an der Filmuniversität Babelsberg zu deutsch-jüdischen Themen und Erinnerungskultur. Zuletzt veröffentlichte sie als Co-Herausgeberin den Sammelband "Schlechtes Gedächtnis? Kontrafaktische Darstellungen des Nationalsozialismus in alten und neuen Medien".

SPIEGEL ONLINE: Frau Wohl, gerade wurde die US-Serie "Holocaust" wieder ausgestrahlt, die die Schoah 1979 als emotionales Hollywooddrama erzählte und deshalb in der deutschen Öffentlichkeit stark kritisiert wurde. Die Diskussion über eine Verkitschung der NS-Zeit durch Filme und Romane wird in Deutschland immer wieder geführt. Warum?

Wohl: Die Holocaust-Debatte in den deutschen Medien dreht sich immer um die Frage "Darf man das?", also um ethische Angemessenheit. Hier wird es aber so allgemein nie eine eindeutige Antwort geben, es ist eine zu einfache Frage, weil sie nicht tief genug greift. Aus deutsch-jüdischer Perspektive verläuft die rote Linie sicherlich an anderer Stelle als bei jemandem, dessen Großvater in der Waffen-SS war. Deshalb sind auch die Debatten in vielen Fällen spannender als die Serie, der Roman oder Film, über den geredet wird.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie damit?

Wohl: An Empörungswellen wird sichtbar, wer politische Deutungshoheit beansprucht oder sie anderen abspricht und welche Vergangenheitsbeziehung dahintersteht. Die Wirkung von "Holocaust" selbst wird heute überschätzt, die Debatte darüber kann man aber nicht hoch genug hängen: In den Zeitungen war der Tenor von Intellektuellen wie Martin Walser und Günter Grass, deren eigene NS-Verstrickungen übrigens erst viel später verhandelt wurden: Wir lassen uns von den Amerikanern nicht unsere Geschichte erzählen.

Szene aus "Holocaust": kompliziertes Verhältnis zur Schoah
WDR/ SWR

Szene aus "Holocaust": kompliziertes Verhältnis zur Schoah

SPIEGEL ONLINE: Wir als Deutsche wollen uns auch die Deutungshoheit über das Schlimmste nicht nehmen lassen?

Wohl: Genau. Als Steven Spielberg 1993 "Schindlers Liste" verfilmte, gab es eine ganz ähnliche Diskussion - nachdem ja übrigens der jüdische Produzent Artur Brauner bereits zweimal mit dem Schindler-Stoff an der deutschen Filmförderung gescheitert war; auch Juden wird hier eben vielfach keine Deutungshoheit zugestanden - entgegen der landläufigen Meinung. Aber ist die deutsche Perspektive wirklich eine, die besonders objektiv die eigene Geschichte erzählen kann? Diese mangelnde Pluralität von Perspektiven hat eher dazu geführt, dass in der deutschen Kulturgeschichte vor allem Entschuldungsnarrationen dominieren.

SPIEGEL ONLINE: Wo sehen Sie diese Entlastungsgeschichten?

Wohl: Denken Sie etwa an aufwendige TV-Produktionen wie "Dresden" oder "Die Gustloff", in denen das deutsche Leid stark im Vordergrund steht. Gleichzeitig greifen sie auf so konventionelle Erzählmuster zurück, dass sie nicht als Entlastungsversuche wahrgenommen wurden.

SPIEGEL ONLINE: Das müssen Sie erklären.

Wohl: Im Umgang mit Narrativen zeigt sich auch, wie kompliziert das Verhältnis der Deutschen zur Schoah ist. Die Verfilmung des Schindler-Stoffes scheiterte an der Angst, er würde als Geschichte wahrgenommen, die belegen soll, dass nicht alle Deutschen schlecht waren. Man kann das aber auch anders sehen: Solche Rettungsgeschichten erzählen, was tatsächlich möglich gewesen wäre, hätte man gewollt. Deshalb können sie durchaus quer laufen zu einem Entschuldungsnarrativ.

SPIEGEL ONLINE: Welche Rollen spielen jüdische Figuren in der kulturellen Verarbeitung des Holocaust in Deutschland?

Wohl: Vorweg allgemein: Ich halte es für eine Verkürzung, dass jüdische Figuren in deutschen Büchern und Filmen vor allem als Opfer der Schoah gezeichnet werden und jüdische Identitäten nicht vielfältiger behandelt werden. Wenn wir heute über Antisemitismus diskutieren und darüber, warum "Du Jude" als Schimpfwort oft gleichgesetzt wird mit "Du Opfer", müssen wir uns auch fragen, welche Bilder jüdischen Lebens wir allen sichtbar machen. Zur Frage: Gerade in deutschen Filmproduktionen über den Holocaust stellen Juden oft Spiegelfiguren für die deutschen Protagonisten dar. Sie sind nicht psychologisch ausgestaltet, es geht nicht vorrangig um ihre Erfahrungen, sondern sie haben die Funktion, das Gegenüber moralisch zu bewerten - im Umgang mit ihnen kristallisiert sich, wer zu den Integren gehört, die sich gegen den Nationalsozialismus stellen, und wer Antagonist ist.

Eli Roth und Brad Pitt in "Inglourious Basterds": welche Haltung?
ddp/ interTOPICS/ Capital Pictures

Eli Roth und Brad Pitt in "Inglourious Basterds": welche Haltung?

SPIEGEL ONLINE: Haben sich die Holocausterzählungen nicht dennoch pluralisiert? In den vergangenen Jahren gab es viele ironisierende Darstellungen, etwa die Hitler-Satire "Er ist wieder da" oder auch Tarantinos "Inglourious Basterds".

Wohl: Es hat zweifellos eine Öffnung oder Pluralisierung stattgefunden. Die Schoah spielt international mittlerweile in allen Gattungen und Genres eine Rolle, auch in Computerspielen - eine Debatte darüber, ob der Holocaust als TV-Serie gezeigt werden darf, würden wir heute wohl nicht mehr führen. Dass wir 1997 nach Roberto Benignis "Das Leben ist schön" diskutierten, ob Komödie und Schoah zusammengehen, öffnete ab den Nullerjahren den Raum für neue Ideen - etwa für kontrafaktische Erzählungen, die, oft auch humoristisch überspitzt, durchdeklinieren, was passiert wäre, wenn Geschichte anders gelaufen wäre. Dabei gibt es viele diese Erzählformen natürlich schon länger, aber jetzt führen sie kein Nischendasein mehr, sondern erreichen ein breites Publikum.

SPIEGEL ONLINE: Darf man heute also über den Holocaust lachen?

Wohl: Ich würde auch da nicht primär danach fragen, ob man das darf, sondern, welche Haltung zur Schoah und den Opfern hinter einer Komödie steht. Und über was und wen man da tatsächlich lacht.

SPIEGEL ONLINE: Tarantino etwa erzählt exploitativ bis zur Komik, wie eine Gruppe US-Amerikaner Nazis niedermetzelt.

Wohl: Der Film benutzt eine B-Movie-Erzählung, aber er behält seine respektvolle Haltung der Schoah gegenüber - und nimmt Motive ernst, die sonst keine große Rolle gespielt haben, indem er etwa eine jüdische Rache erzählt.

SPIEGEL ONLINE: In aktuellen Umfragen geben junge Deutsche an, kaum etwas über den Holocaust zu wissen. Sollte man nicht gerade vor diesem Hintergrund vorsichtig sein mit historisch ungenauen Erzählungen?

Wohl: Natürlich hat das eine Brisanz, vor allem, weil Jugendliche gleichzeitig paradoxerweise oft eine Ermüdung beschreiben, das Gefühl haben, gegen ihren Willen permanent mit dem Holocaust konfrontiert zu werden. Gedenkstättenfahrten für Schulklassen sind offenbar kein Allheilmittel, mit dem man AfD-Wählerzahlen drückt. Auch hier könnten neue Perspektiven und ein anderer Umgang mit Opferperspektiven, der die Opfer zu Subjekten ihrer Geschichte macht, helfen. Gleichzeitig steckt hinter der Kritik an den jungen Ahnungslosen aber auch oft die Abtrittsangst einer Generation.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie damit?

Wohl: Die 68er verarbeiteten den Holocaust durch eine Abgrenzung von der Elterngeneration. Wenn die, die jetzt langsam die Deutungshoheit verlieren, vor einem falschen Umgang mit der NS-Zeit warnen, müssen sie sich auch fragen, ob denn die Erinnerungskultur aktuell tatsächlich so ein Erfolgsmodell ist. Das diskreditiert die Kämpfe dieser Generation in der Vergangenheit nicht, die ungemein wichtig waren. Gleichzeitig müssen neue Generationen mit größerem zeitlichen Abstand auch eigene Zugänge zur Geschichte finden dürfen.

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SPIEGEL ONLINE: Welche blinden Flecken gibt es noch?

Wohl: Es fehlen bis heute die konkreten Auseinandersetzungen mit Familiengeschichten, die über den allgemeinen Elternkonflikt hinausweisen. Die also nicht nach dem Schwarz-Weiß-Prinzip funktionieren, sondern genau hinschauen und auch Grautöne erfassen, indem sie sich tatsächlich mit Archivmaterial auseinandersetzen und mit der konkreten Frage "Wer in meiner Familie hat was getan?". Das könnte auch über eine größere zeitliche Distanz einen Bezug zur eigenen Biografie schaffen.

SPIEGEL ONLINE: Ist dieser analytische Zugang zur eigenen Geschichte erst durch den größeren historischen und so auch emotionalen Abstand möglich?

Wohl: Das spielt sicherlich eine Rolle, auch wenn ich damit nicht meine, dass man unberührt auf die Schoah blickt - das tun wir ja Gott sei Dank auch nicht, sonst würden Filme und Bücher uns ja nicht immer wieder empören. Zum 25-jährigen Jubiläum von "Schindlers Liste" schrieb die "FAZ" über die "Wirksamkeit" von Holocaustfilmen. Aber was bedeutet wirksam? Dass der Kinogänger aus dem Film kommt und weint? Dass er schockiert ist? Dass er sagt "Nie wieder", weil er den Holocaust endlich verstanden hat? Es gibt hier keine klare Antwort. Aber es lohnt sich, über diese Fragen zu streiten.

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