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10. September 2019, 16:03 Uhr

Homöopathie

Staatlich gefördertes magisches Denken

Eine Kolumne von

Natürlich dürfen Menschen versuchen, ihre Leiden mit Globuli zu lindern, obwohl die nicht besser wirken als Placebos - klar ist aber auch: Sie helfen damit vor allem denen, die an homöopathischen Mitteln verdienen.

Es ist mühsam, sich mit Leuten anzulegen, die von Homöopathie überzeugt sind. Prinzipiell müsste man das auch nicht unbedingt. Wenn Leute ihre Leiden mit Mitteln lindern wollen, die in wissenschaftlichen Studien nicht besser als Placebos wirken, dann können sie das machen.

Problematisch wird es, wenn magisches Denken nicht nur Privatsache ist, sondern staatlich unterstützt wird, und solange es für gesetzliche Krankenkassen kein Erstattungsverbot homöopathischer Mittel gibt, ist das der Fall. Problematisch wird es außerdem, wenn Leute ihre Kinder oder pflegebedürftigen Angehörigen nur mit Globuli versorgen, weil sie glauben, dass sie ihnen damit etwas Gutes tun.

Frankreich ist gerade dabei, die Kostenübernahme staatlicher Krankenkassen für Homöopathie abzuschaffen und auch in Deutschland gibt es seit Jahren immer wieder Forderungen danach. Gerade erst hat der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen, erklärt, es könne nicht sein, dass Eltern darum ringen müssten, Krebsmedikamente für ihre Kinder erstattet zu bekommen, und "gleichzeitig viel Geld für nutzlose Pseudopillen" ausgegeben werde: "Auf der einen Seite gibt es extrem harte Maßstäbe für die Bewilligung von Therapien für lebensbedrohlich kranke Menschen. Auf der anderen Seite wird Geld rausgeworfen. Für mich als Arzt ist das unerträglich."

Man muss zugunsten der Homöopathiegläubigen sagen, dass sie das meiste Geld für Homöopathie immerhin selbst ausgeben - im vergangenen Jahr wurden 87 Prozent der homöopathischen Mittel von den VerbraucherInnen rezeptfrei gekauft-, aber durch die teilweise Erstattung der Kosten kann der Eindruck entstehen, es handle sich um seriöse Medizin, und die 13 Prozent, die ärztlich verordnet wurden, kosteten immer noch 100 Millionen Euro, die auch für etwas ausgegeben werden könnten, das tatsächlich hilft.

Natürlich hilft Homöopathie, aber hauptsächlich denen, die daran verdienen. Die Krankenkassen, die diese Mittel aus Marketinggründen bezuschussen, werden attraktiv für diejenigen, die sich "sanfte", "natürliche" Mittel wünschen, die Apotheken verdienen mit Homöopathie trotz Warnungen von Ärzten weiterhin sehr gut, ebenso Medien, die Werbung dafür schalten.

Und die Unternehmen, die diese Mittel herstellen, setzen alles daran, ihren Ruf zu halten - wenn es sein muss, auf juristischem Wege, da ist es dann vorbei mit der Sanftheit: Der Hersteller Hevert hat kürzlich der Ärztin Natalie Grams eine Unterlassungsaufforderung geschickt, nachdem sie ein Interview über Homöopathie gegeben hatte.

"Wirken Homöopathika?" wurde sie gefragt, und antwortete: "Nicht über den Placeboeffekt hinaus. Alleine das Gefühl, dass man gut behandelt wird, führt zur Verbesserung der Symptome. Auch die Einstellung zur Erkrankung verbessert sich. Das fasst man unter Placebo- und Kontexteffekten zusammen. Diese treten bei jeder Behandlung auf. Je besser das Verhältnis zum Arzt ist und je größer das Vertrauen, umso stärker können die Effekte sein."

Lustigerweise verlangte Hevert offenbar nur, dass Grams nicht mehr behaupten soll, dass homöopathische Mittel nicht über den Placeboeffekt hinaus wirken, nicht aber, dass sie nicht mehr sage, dass es sich um eine "Quasi-Religion" handelt. Das scheint okay zu sein.

Mit Homöopathie ist es wie mit jeder anderen Ideologie, deswegen ist eine Diskussion darüber so schwierig: Es ist nicht einfach nur alles falsch daran. Wenn Menschen sagen, dass es ihnen - oder ihrer Katze - mit diesem oder jenem Mittel besser ging, dann kann das komplett richtig sein. Es ist dann nur mitunter sehr schwer sie zu überzeugen, dass es nicht an diesem Mittel lag, sondern womöglich einfach nur daran, dass sie angefangen haben, sich um sich selbst - oder die Katze - zu kümmern.

In diesem Sinne argumentieren viele BefürworterInnen der Kostenerstattung von Homöopathie: Wenn es den Leuten doch hilft. Die Krankenkassen zahlen die Kosten sogar, obwohl eine Untersuchung 2017 zeigte, dass homöopathisch behandelte Versicherte überdurchschnittlich hohe Kosten verursachen.

Wer für die Kostenerstattung bei Homöopathie ist, argumentiert häufig so: Die Leute wollen es ja, lasst uns ihnen doch die Hoffnung nicht nehmen, wir sind doch eine Demokratie und ein freies Land. Schön. Bleibt nur zu hoffen, dass demnächst keine Untersuchung ergibt, dass die Mehrheit der Leute sich wünscht, individuell erstellte Horoskope von der Krankenkasse bezahlt zu bekommen. Ich würde wahnsinnig werden, aber wahrscheinlich auch nur, weil ich Widder bin.

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