Homöopathie Staatlich gefördertes magisches Denken

Natürlich dürfen Menschen versuchen, ihre Leiden mit Globuli zu lindern, obwohl die nicht besser wirken als Placebos - klar ist aber auch: Sie helfen damit vor allem denen, die an homöopathischen Mitteln verdienen.

Globuli: wie mit jeder anderen Ideologie
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Globuli: wie mit jeder anderen Ideologie

Eine Kolumne von


Es ist mühsam, sich mit Leuten anzulegen, die von Homöopathie überzeugt sind. Prinzipiell müsste man das auch nicht unbedingt. Wenn Leute ihre Leiden mit Mitteln lindern wollen, die in wissenschaftlichen Studien nicht besser als Placebos wirken, dann können sie das machen.

Problematisch wird es, wenn magisches Denken nicht nur Privatsache ist, sondern staatlich unterstützt wird, und solange es für gesetzliche Krankenkassen kein Erstattungsverbot homöopathischer Mittel gibt, ist das der Fall. Problematisch wird es außerdem, wenn Leute ihre Kinder oder pflegebedürftigen Angehörigen nur mit Globuli versorgen, weil sie glauben, dass sie ihnen damit etwas Gutes tun.

Frankreich ist gerade dabei, die Kostenübernahme staatlicher Krankenkassen für Homöopathie abzuschaffen und auch in Deutschland gibt es seit Jahren immer wieder Forderungen danach. Gerade erst hat der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen, erklärt, es könne nicht sein, dass Eltern darum ringen müssten, Krebsmedikamente für ihre Kinder erstattet zu bekommen, und "gleichzeitig viel Geld für nutzlose Pseudopillen" ausgegeben werde: "Auf der einen Seite gibt es extrem harte Maßstäbe für die Bewilligung von Therapien für lebensbedrohlich kranke Menschen. Auf der anderen Seite wird Geld rausgeworfen. Für mich als Arzt ist das unerträglich."

Man muss zugunsten der Homöopathiegläubigen sagen, dass sie das meiste Geld für Homöopathie immerhin selbst ausgeben - im vergangenen Jahr wurden 87 Prozent der homöopathischen Mittel von den VerbraucherInnen rezeptfrei gekauft-, aber durch die teilweise Erstattung der Kosten kann der Eindruck entstehen, es handle sich um seriöse Medizin, und die 13 Prozent, die ärztlich verordnet wurden, kosteten immer noch 100 Millionen Euro, die auch für etwas ausgegeben werden könnten, das tatsächlich hilft.

Natürlich hilft Homöopathie, aber hauptsächlich denen, die daran verdienen. Die Krankenkassen, die diese Mittel aus Marketinggründen bezuschussen, werden attraktiv für diejenigen, die sich "sanfte", "natürliche" Mittel wünschen, die Apotheken verdienen mit Homöopathie trotz Warnungen von Ärzten weiterhin sehr gut, ebenso Medien, die Werbung dafür schalten.

Und die Unternehmen, die diese Mittel herstellen, setzen alles daran, ihren Ruf zu halten - wenn es sein muss, auf juristischem Wege, da ist es dann vorbei mit der Sanftheit: Der Hersteller Hevert hat kürzlich der Ärztin Natalie Grams eine Unterlassungsaufforderung geschickt, nachdem sie ein Interview über Homöopathie gegeben hatte.

"Wirken Homöopathika?" wurde sie gefragt, und antwortete: "Nicht über den Placeboeffekt hinaus. Alleine das Gefühl, dass man gut behandelt wird, führt zur Verbesserung der Symptome. Auch die Einstellung zur Erkrankung verbessert sich. Das fasst man unter Placebo- und Kontexteffekten zusammen. Diese treten bei jeder Behandlung auf. Je besser das Verhältnis zum Arzt ist und je größer das Vertrauen, umso stärker können die Effekte sein."

Lustigerweise verlangte Hevert offenbar nur, dass Grams nicht mehr behaupten soll, dass homöopathische Mittel nicht über den Placeboeffekt hinaus wirken, nicht aber, dass sie nicht mehr sage, dass es sich um eine "Quasi-Religion" handelt. Das scheint okay zu sein.

Preisabfragezeitpunkt:
06.06.2019, 13:21 Uhr
Ohne Gewähr

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Mit Homöopathie ist es wie mit jeder anderen Ideologie, deswegen ist eine Diskussion darüber so schwierig: Es ist nicht einfach nur alles falsch daran. Wenn Menschen sagen, dass es ihnen - oder ihrer Katze - mit diesem oder jenem Mittel besser ging, dann kann das komplett richtig sein. Es ist dann nur mitunter sehr schwer sie zu überzeugen, dass es nicht an diesem Mittel lag, sondern womöglich einfach nur daran, dass sie angefangen haben, sich um sich selbst - oder die Katze - zu kümmern.

In diesem Sinne argumentieren viele BefürworterInnen der Kostenerstattung von Homöopathie: Wenn es den Leuten doch hilft. Die Krankenkassen zahlen die Kosten sogar, obwohl eine Untersuchung 2017 zeigte, dass homöopathisch behandelte Versicherte überdurchschnittlich hohe Kosten verursachen.

Wer für die Kostenerstattung bei Homöopathie ist, argumentiert häufig so: Die Leute wollen es ja, lasst uns ihnen doch die Hoffnung nicht nehmen, wir sind doch eine Demokratie und ein freies Land. Schön. Bleibt nur zu hoffen, dass demnächst keine Untersuchung ergibt, dass die Mehrheit der Leute sich wünscht, individuell erstellte Horoskope von der Krankenkasse bezahlt zu bekommen. Ich würde wahnsinnig werden, aber wahrscheinlich auch nur, weil ich Widder bin.

insgesamt 485 Beiträge
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Seite 1
Legalantos 10.09.2019
1. Das sind nur Peanuts
Es geht bei der Kostenerstattung der Kassen primär nicht darum, die Homöoapthie durch die Hintertür als Medizin zu adeln, sondern um etwas ganz anderes. Frau Stokowski, sie sind eine einfühlsame Autorin...sie hätten selbst darauf kommen müssen...Man will diese Patienten nicht komplett an die Scharlatane verlieren, sondern sie sollen wenigstens ab und zu mal bei einem richtigen Arzt vorbeischauen, der ihnen dann...seis doch drum...die Zuckerkugeln verschreibt...Wenn sie solche Zusammenhänge nicht sehen könne, dann halten sie sich bitte als letzte Isntanz wenigstens vom Gesundheitssektor fern...Das mit der Luxussteuer auf Tampons kann man auch regeln, wenn Ihnen die 2,90 im Monat so existenziell wichtig sind, das dafür sogar in Berlin Autos und Apotheken abgefackelt werden können um die notwenige Aufmerksamkeit zu erzeugen
weissblau 10.09.2019
2. Ach Frau Stokowski
ich finde es erbaulich wie sich der Spiegel unermüdlich um die Abschaffung der Homöopathie bemüht, Leitartikel, Experten, jetzt noch Frau Stokowski - das muss doch helfen. Da muss man nur feste dran glauben, dann wird das schon.... Das gleiche Eiferertum das Sie den "Gläubigen" unterstellen, bringen Sie selbst ans Licht. Wer der hier immer wieder auftauchenden Kommentar-Experten, die erst bei Dr. Google nachschlagen und sich die Zweitmeinung bei Mr. Yahoo einholen, hat denn Erfahrung mit der Homöopathie? Keiner? Na, dann mal los, erfahrungsfrei argumentieren ist ja wunderbar möglich......
sucher533 10.09.2019
3. Überdosis unmöglich
Es wird hier wohl gleich wieder von Anhängern der Homöopathie wimmeln, die von positiven Bespielen berichten. Homöopathie gleicht heute das aus, was früher in der Regel das ausführliche Arztgespräch war - Vertrauen in die Behandlung und das Mittel - wie im Artikel schon beschrieben ein Placeboeffekt. Das es kein Ersatz für Medikamente mit einem klinisch erprobten Wirkstoff ist, läßt sich wohl auch daran erkennen, dass es in der Homöopathie kein Überdosis gibt.
claudiusk 10.09.2019
4. Ist ja toll ...
... Frau Stokowski recycelt die üblichen Argumente der Homöopathie-Gegner! War die Deadline so knapp, dass gar kein eigenständiger Gedanke gebildet werden konnte? Dabei gibt es ja Experimente, die auf spezifische physikalisch-chemische Eigenschaften potenzierter Präparate hindeuten, https://www.liebertpub.com/doi/pdf/10.1089/acm.2019.0064 und Studien, die angeblich die Unwirksamkeit der Homöopathie belegen, tun das auf den zweiten Blick doch nicht: https://www.bph-online.de/hintergruende-zur-veroeffentlichung-der-australischen-studie/ Es lässt sich auch einiges zu dem Vorgehen der sogenannten Skeptiker sagen, die seit einiger Zeit eine Kampagne gegen die Homöopathie betreiben: https://www.bph-online.de/brief-an-gesundheitsminister-spahn/ Und so weiter. Aber wir wollen ja nicht zu viel von Frau Stokowski verlangen.
stadtmöwe 10.09.2019
5. Wieso ist Homöopathie wohl so beliebt?
Bestimmt nicht, weil sie nichts bringt. Sondern weil so viele Menschen erlebt haben, wie Homöopathische Behandlungen geholfen haben - und oft eben auch dann, wenn nichts anderes geholfen hat. Es scheint ein Journalist*innen-Sport geworden zu sein, sich über Homöopathie abfällig zu äußern. Die Schulmedizin wird dagegen weiterhin so hingenommen, auch wenn sie sehr Apparate-fixiert ist (wo Geld vielleicht auch eine Rolle spielt) und die meisten Mediziner einfach nur Symptom-orientiert an Krankheit herangehen, anstatt den Ursachen für Krankheit auf den Grund zu gehen. Dafür braucht es aber Heilpraktiker, Homöopathen und andere, die ganzheitlich an das komplexe Zusammenspiel von Körper, Geist und Seele herangehen. Ich selbst war früher ständig krank. Dann habe ich mich ein paar Jahre lang immer wieder homöopathisch begleiten lassen und habe nun seit über 15 Jahren keine Ärzte oder Homöopathen mehr benötigt. Mit Mitte 50 bin ich kerngesund. Könnte das vielleicht mit der homöopathischen Herangehensweise zu tun haben? Meine Stieftochter hatte als kleines Kind schon 8 Lungenentzündungen, die alle mit Antibiotika behandelt wurden. Dann hat ihre Mutter sie getraut, die nächste Lungenentzündung (da war sie 6 Jahre alt) homöopathisch zu begleiten - und war dabei natürlich sehr achtsam mit allen Symptomen. Das war die letzte Lungenentzündung, die dieses Mädchen je hatte. Könnte das möglicherweise mit der homöopathischen Herangehensweise zu tun haben? Es gibt so viele Dinge zwischen Himmel und Erde, die die Naturwissenschaft noch gar nicht durchschaut - und alle seriösen Wissenschaftler werden dem zustimmen. Der wissenschaftliche Stand von gestern ist heute oft schon überholt, besonders im medizinischen Bereich. Das kann man ja auch wunderbar an den vielfältigen SPON-Artikeln zum Thema nachlesen. Wer weiß schon, wie Homöopathie in 100 Jahren gesehen wird. Und wer behauptet, das zu wissen, zeigt einfach, dass es Glaubenssystemen aufsitzt. Eine wissenschaftliche Annäherung würde mit einem offenen Verstand beginnen.
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