Serie "Das Wort" Spaßgesellschaft und Stahlgewitter

Bei der EM hat er wieder seine Grimasse gezeigt, seinetwegen wird sich geschämt: der Hooligan. Aber wer ist dieser Spielverderber, der sich um die Feierlaune der Nationen nicht schert?
Von Jan Hedde
Hooligan während der Fußball-EM

Hooligan während der Fußball-EM

Foto: Lars Baron/ Getty Images

Das Wort "Hooligan" geht angeblich zurück auf eine Familie O'Hoolihan, die im Irland des 19. Jahrhunderts für ihren Jähzorn und ihre Gewalttätigkeit berüchtigt war. Nach einer anderen Version war "O'Hooligan" der Name eines Gewaltverbrechers, der in London sein Unwesen trieb. Die deutsche Sprache hat den Hooligan aufgenommen, ebenso die französische, spanische, italienische und russische. Der Hooligan ist international.

Hooligan ist maskulin, und das gilt nicht nur für das Wort. Hooligans sind meist zwischen 15 und 35 Jahre alt; jüngeren Männern fehlt es noch an körperlicher Kraft, die älteren sind schon familiär entschärft. Hooliganismus ist also auch ein Jugendphänomen.

Hooligans entstammen allen sozialen Schichten. Sie sind vernetzt, mobil, beruflich integriert und außerhalb ihrer Gewaltexzesse Meister der Unauffälligkeit.

Ihr Kampf ist roh und direkt. Gesucht wird die Auseinandersetzung Mann gegen Mann, aber stets in der Gruppe. Zum Einzelkämpfer taugt der Hooligan nicht. Waffen sind verpönt, aber greifbares Mobiliar wird verwendet. Es wird geschlagen und getreten, und wie der ganze Körper zum Kampf eingesetzt wird, ist auch der ganze Körper Angriffsziel. Das Ausmaß der Gewalt wird nicht durch die Verletzungen des Gegners bestimmt, sondern durch Energie und Wut des Angreifers.

Die Schlachten, die Hooligans schlagen, sind nie endgültig entschieden. Es kämpfen Gruppen gegeneinander, aber Sieg und Niederlage sind nicht von Dauer. Man trifft sich, wo man Gegner findet; in der Nachbarstadt, im Nachbarland.

Es geht immer um Gewalt

Eine Organisation der Hooligans gibt es nicht, weder als Partei noch als Verein. Ihre Zusammenschlüsse sind informell und beschränken sich auf Regionen, Heimatorte, Treffpunkte. Hooligan-Gruppen sind unterscheidbar, verfügen aber nicht über feste Strukturen. Die Hierarchie der Hooligans ist die Hierarchie des Rudels. Der ideologische Überbau ist uneinheitlich: Die meisten Hooligans sind politisch desinteressiert, ein Teil ist rechts bis rechtsextrem und zeigt sich als "Hooligans gegen Salafisten." Eine eigene Weltanschauung fehlt jedoch.

Es gibt keine Idee von einer Welt, die besser oder wenigstens anders wäre; es geht um Spaß an der Gewalt. Das trennt die Hooligans von der Antifa, die zwar selbst weithin gewaltaffin ist, aber ihre Gewalt stets politisch begründet.

Von normalen Fußballfans und Ultras unterscheiden sich Hooligans durch ihr geringes Interesse für Vereinssport. Fußball war nie Voraussetzung für Hooliganismus, sondern immer nur Gelegenheit: Spiele an Wochenenden, unübersichtliche Menschenansammlungen, Polizei.

Die Verbindung von Fußball als körperbetontem Mannschaftsspiel und Hooliganismus ist kein Zufall, aber auch nicht zwingend: Die meisten Auseinandersetzungen zwischen Hooligans finden ohne Öffentlichkeit an abgelegenen Orten statt. Dort existiert eine Parallelwelt der unentdeckten Kämpfe.

Die mediale Wahrnehmung des Hooliganismus' ist dagegen mit großen Fußballturnieren verbunden. Während die Spieler auf dem Rasen um den Sieg kämpfen, bekriegen sich Hooligans auf der Tribüne und vor dem Stadion. Besonderen Nachrichtenwert haben die Exzesse der Hooligans, wenn nicht andere Hooligans, sondern Polizisten, Ordner, Fußballfans oder Touristen angegriffen oder verletzt werden. Hooligans werden dann als Gefahr wahrgenommen, die jeden treffen kann.

1982 wurde erstmals in Deutschland ein Fußballfan von Hooligans getötet, bei der Europameisterschaft 1998 wurde im französischen Lens ein Polizist von deutschen Hooligans so schwer verletzt, dass er ins Koma fiel. Die Taten erregten allgemein Abscheu. Den Hooligans wurde abgesprochen, wahre Fußballfans zu sein.

Hooliganismus ist Subkultur. Der Hooligan strebt nach Gefahr in einer Gesellschaft, die Risiken nicht schätzt, sondern lieber versichert. Ihn umgibt die Aura des unangepassten Kämpfers, der sich der Gefahr stellt und dem die Verbindung von Spaßgesellschaft und Stahlgewitter gelingt. Die Ablehnung der Gesellschaft trifft ihn nicht. Was für die Mehrheit primitiv und archaisch ist, kann einer Minderheit authentisch erscheinen.

Im Gegensatz zu anderen Moden und Trends wird Hooliganismus nie Eingang in den Mainstream finden. Die merkantile Verwertbarkeit hält sich in Grenzen, Hooligans kommen ohne Spezialkleidung, Sportgerät und Herrenduft aus. Der Kult um Gewalt und Männlichkeit, die Rohheit und die Kulturferne stoßen den Durchschnittsbürger ab. Die Aktivitäten der Hooligans sind durchweg strafbar und es besteht Aussicht auf eigene Verletzungen bis zur Invalidität.

Hooligans haben der Gesellschaft nichts zu bieten.


Jan Hedde, 52, ist Jurist und untersucht an dieser Stelle alle zwei Wochen ein Wort. Zuletzt analysierte er die Begriffe Angst, Populismus, "Terror", "Satire" und "Toleranz".

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