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Hysterie um Clownsattacken: Die Ambivalenz des Lächelns

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Hysterie um Clownsattacken Der Horror hinter der Maske

Ob Stephen Kings "Es" oder Krusty bei den Simpsons, von Trash-Kino bis Steven Spielberg: Im Film mutieren Clowns oft zu fiesen Monstern. Eine Annäherung an eine der ambivalentesten Figuren der Kulturgeschichte.

Der zehnjährige Jack feiert seinen Geburtstag. Als der Clown, den seine Eltern für die Party gebucht haben, kurzfristig absagt, ist die Enttäuschung groß. Jacks Vater rettet den Tag und wirft sich spontan in ein antikes Clownskostüm, das er auf dem Dachboden eines zum Verkauf stehenden Hauses gefunden hat. Als er nach seinem Auftritt versucht, die rote Nase wieder abzunehmen, kommt ein Stück Haut mit. Die Clownsperücke klebt am Kopf, das Kostüm scheint mit dem Körper des Familienvaters zu verwachsen. Bald bekommt er Hunger, die ersten Kinder verschwinden.

Jon Watts' Horrorfilm "Clown" feierte im Frühjahr dieses Jahres seine DVD-Premiere in Deutschland und er kommt zur rechten Zeit: Mit der aktuell in den USA grassierenden "Great Clown Panic of 2016" , die langsam nach Deutschland überschwappt, hat sich der Clown als eine der einschlägigsten Horrorfiguren vor dem diesjährigen Halloween etabliert. Dass sich viele der Videos von Clownsattacken als Fakes herausstellen, tut der Wirkung keinen Abbruch. Die Panik wurzelt in einem tiefen Unbehagen: Nach einer von den Psychologen Francis T. McAndrew und Sara S. Koehnke in diesem Jahr veröffentlichten Studie rangiert der Clown auf der Liste der unheimlichsten Berufe auf dem ersten Platz , noch vor dem Tierpräparator, dem Sex-Shop-Besitzer und dem Bestattungsunternehmer.

Die Angst vor Clowns ist ein anerkanntes Krankheitsbild

Die Angst vor Clowns ist verbreiteter, als man denken mag, und inzwischen von der Weltgesundheitsorganisation als eigenes Krankheitsbild mit dem Namen "Coulrophobie" anerkannt, wenngleich auch sehr umstritten. Glaubt man den Psychologen McAndrew und Koehnke, ist es zuallererst die Unberechenbarkeit, die den Clown zu einer der populärsten Angstfiguren macht. Gerade Kinder könnten nicht einschätzen, was sich hinter der Maske verbirgt, die Mimik des Clowns sei nicht zu entschlüsseln. Jon Watts' kinderfressender Familienvaterclown enthält dementsprechend auch alle signifikanten Merkmale, die Clowns zu Angstfiguren machen: ein Trickster, der in falschen Zungen redet, nicht einzuschätzen ist und schamlos lügt, in diesem Fall, um sein eigenes Kind in einem schutzlosen Moment zu packen und zu verspeisen.

Clowns seien nicht erst vor Kurzem von lustigen Spaßmachern zu fiesen Monstern mutiert, schreibt der Kulturhistoriker Ben Radford in seinem Buch "Bad Clowns". Die Figur ist von Beginn an eine ambivalente Erscheinung gewesen - von ihrer Entstehung im 16. Jahrhundert bis zum versoffenen Clown Krusty aus den "Simpsons". Im Horrorgenre haben sich die irritierenden Aspekte der Figur erhalten. Wer in den vergangenen dreißig Jahren hin und wieder Horrorfilme geschaut hat, weiß, wie schnell sich das eingefrorene Clownsgrinsen in sardonisches Gelächter verwandeln kann. "Ihre Gesichter - wie gemalte Alpträume", raunt Casey im 1989 erschienenen "Clownhouse", in dem sich drei Insassen einer Psychiatrie als Clowns verkleiden und Jagd auf den Jungen, der von einer veritablen Clownphopie geplagt wird, machen.

"Clownhouse" steht in einer ganzen Reihe von Horrorfilmen, in denen die unterschwelligen und unheimlichen Potenziale der Figur manifest werden. Schon in dem von Steven Spielberg produzierten "Poltergeist" (1982) zog eine belebte Clownspuppe ein Kind unter lautem Geschrei unters Bett. Aber erst Stephen Kings Roman "Es" schuf vier Jahre später mit Pennywise mit den ikonischen roten Haaren und dem weißgeschminkten Gesicht den bekanntesten Horror-Clown des Genres: ein Gestaltenwandler, der in den Kanälen der Kleinstadt Derry haust und mit seinen bunten Ballons die Kinder anlockt. Wie die realen Clowns fungiert Pennywise als Projektionsfläche für die Ängste seiner Opfer und verwandelt sich in das, wovor das Kind am meisten Angst hat. Inspirieren ließ King sich aller Wahrscheinlichkeit nach von dem realen Fall des Serienmörder John Wayne Gacy, der 33 Männer missbrauchte und tötete und bis zu seiner Verhaftung 1978 im selbstgeschneiderten Clownskostüm vor Kindern auftrat.

Verselbstständigt sich eine mediale Dynamik?

Seit dem durchschlagenden Erfolg von Kings Roman geistern die überkandidelt geschminkten Sonderlinge durch das Genre, überwiegend in kostengünstig produzierten Filmen, darunter auch forcierter Trash wie "Killer Klowns from Outer Space" oder filmische Rundumkatastrophen wie "Blood Harvest" (1987). Anders als "Es" oder zuletzt "Clown" kommen viele jüngere Horrorfilme ohne die komplexeren Potenziale der Figur aus. In schwarzhumorigen Low-Budget-Produktionen wie "100 Tears" (2007), "Drive Thru" (2007), "Stitches" (2012) oder der inzwischen vierteiligen "Killjoy"-Reihe (2000-2012) gehen vergleichsweise eindimensionale Clowns ohne große Umstände auf die jugendlichen Figuren los.

Captain Spaulding hingegen, der lustige mordende Clown aus Rob Zombies "House of 1000 Corpses" (2003) und dem Sequel "The Devil's Rejects" (2005), repräsentiert die brutal-anarchischen Seiten der Figur, und steht in dieser Hinsicht in einer Linie mit Batmans Nemesis, dem Joker. Aber auch mit der Gang aus "Clockwork Orange", die sich, bevor sie loszieht, um Leute zusammenzuschlagen, überdimensionierte Nasen aufsetzt. In Rob Zombies nächstem Film "31" spielt wieder ein Clown eine zentrale Rolle; da wird die "Great Clown Panic" werbetechnisch nicht schaden.

Eine komplexere, weil beklemmende und zugleich anrührende Ausprägung hat der Horror-Clown zuletzt in der vierten Season der Serie "American Horror Story" erfahren. Twisty the Clown, ein melancholischer Serienkiller im Kostüm und mit entstelltem Gesicht, hat der Figur in den USA auch jenseits der Slasher-Nische erneut immense Popularität verliehen. Twisty schließt an eine weitere kulturhistorisch tradierte Ambivalenz an: Bevor der Clown zur monströsen Angstfigur wurde, war er vor allem eine tragische Erscheinung, die ihre Trauer hinter einem geschminkten Lachen und ununterbrochener Blödelei verbirgt. Stummfilmlegende Lon Chaney hat die unglückliche Witzfigur gleich zweimal gespielt, einmal 1924 in "Der Mann, der die Ohrfeigen bekam" und vier Jahre später in "Lach, Clown, lach". In beiden Film stirbt ein liebeskranker Clown einen tränentreibenden Tod. Aber auch Chaney wusste, dass der Grat zwischen Mitleid und Schrecken schmal ist: "Nichts ist grauenerregender", definierte er vor fast hundert Jahren, "als ein Clown im Mondlicht".

Wie viele der Clownattacken wirklich stattgefunden haben und was Film- beziehungsweise Internet-induzierte Hysterie ist, lässt sich momentan nicht sagen; es spricht aber einiges dafür, dass sich da gerade eine mediale Dynamik verselbstständigt . Die Enthüllung des Green Bay Clowns zeigt, wie die Wahrnehmung sich verzerrt, wenn sich erst Anzeichen einer Massenhysterie einstellen: Im Mai 2016 platzierte der junge Regisseur Adam Krause einen Schauspieler im Clownskostüm nachts in den Straßen des Ortes Green Bay und machte Fotos von der unheimlichen Gestalt, mit denen er seinen Kurzfilm "Gags" bewerben wollte. Die Bilder wurden von Zeitungen als Beweise für eine sich in der Stadt ausbreitende Clownsplage verwendet . Der Schauspieler C. J. Guzan informierte kurz darauf die Medien. "Es war ein bisschen unheimlich, wir haben ein paar beunruhigende Bilder auf Facebook gesehen", begründete Guzan seine Enthüllung im August. "Nicht von dem Clown, aber von Menschen, die sich bewaffnet haben oder das Haus nicht mehr verlassen wollten, weil sie Angst hatten. Das ging mir dann ein bisschen zu weit." Das Leben imitiert die Kunst.

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