Hundeausstellung in Kiel Liebe auf vier Beinen

Schlüpfrige Doppelporträts von Hund und Mädchen oder der hässlichste Vierbeiner der Welt im Großformat. Eine Ausstellung in der Kunsthalle zu Kiel fragt: Was ist des Pudels Kern, wenn Menschen ihre Hunde mit Liebesschwüren bedenken - und wer hechelt eigentlich wen an?


Die Hölle, das sind die anderen. Und die Hunde der anderen. Denn mit den Vierbeinern ist es wie mit Kleinkindern. Gucken sie einen lieb an, kann man sie nicht nicht mögen. Werden sie aber laut, ist Schluss mit Eititei. Vor allem wenn es nicht die eigenen Kinder oder Hunde sind.

Dazu kommt noch, dass man zwar um den Verdienst der Vierbeiner bei der Jagd, dem Schlittenziehen oder der Drogenfahndung weiß, ihnen aber im Alltag vor allem dann begegnet, wenn sie ihr Häufchen genau dort hingesetzt haben, wo man gerade hintappt.

Nicht bekannt war bisher, dass Hunde den Großteil ihrer Zeit mit Modellsitzen verbringen. Diesen Eindruck jedenfalls erweckt die Ausstellung "Cocker Spaniel and Other Tools for Human Understanding" in der Kieler Kunsthalle. Sie ist üppig mit Hundebildnissen aller Art ausgestattet: vom Porträt eines verschüchterten kleinen Spaniels von 1739 über eine virtuos flirrend gemalte Meute tänzelnder Jagdhunde (Erik Schmidt, 2005) bis zum Lefzen und Zähne zeigenden Monster, für das Santiago Ydáñes 2007 einen Gewinner des berüchtigten kalifornischen "World's Ugliest Dog Contest" konterfeite.

Erst einmal scheint eine Ausstellung, die dem Hund in der Kunst nachspürt, keine besonders tiefsinnige Angelegenheit zu sein - eher schon ein probates Mittel, manch eher kunstfernes Herrchen von Daisy, Hasso oder Rex ins Museum zu locken. Schließlich gibt es derzeit 5,2 Millionen Hunde in Deutschland. Und jeder dritte Halter bekennt, dass er keinem Menschen so nahe steht wie seinem Vierbeiner. Wer möchte da nicht seine leidenschaftlichste Beziehung nobilitiert sehen in den Hallen der Kunst?

Eine posthume Meute aus Kampfhunden

Also bietet die Kieler Hundeschau Erbauliches: nett und harmlos die gusseisernen Jagdhunde-Plastiken von Alfred Jacquemart aus dem 19. Jahrhundert, knuddelig ein kleines "Dog Painting" des Dackel liebenden Malerstars David Hockney, eigentümlich die Fotos der dekadent auf Ledermöbeln herumlümmelnden Gäste eines New Yorker Hundehotels. Und die britische Intimitäten-Spezialistin Tracey Emin hat ausgeblichene Filmbilder, die ihren Schäferhund zeigen, mit hymnischen Liebesschwüren überschrieben, die auch für einen ihrer Geliebten nicht inniger geraten sein könnten.

Doch auch wenn die Schau nach dem Cockerspaniel, diesem Schmuselappen in Tiergestalt, benannt ist - als des Pudels Kern erweist sich etwas anderes: Seit einigen Jahrzehnten scheinen offensichtlich zunehmend dämonische Hunde durch die Kunstgeschichte zu streunen. Während in vergangenen Jahrhunderten eher die Tugenden der domestizierten Tiere hervorgehoben wurden, müssen sie in der Gegenwartskunst oft als Widerpart der nichtdomestizierten menschlichen Anteile herhalten.

Verschlagen wirken etwa die Hunde-Mädchen-Phantasien von Martin Eder. Hinter ihrer hingezauberten Fluffigkeit tut sich abgründige Schlüpfrigkeit auf. Und der Künstler Jochem Hendricks hat etliche eingeschläferte Kampfhunde erworben, lebensecht ausstopften lassen und die stämmigen Köter posthum zu einer Meute arrangiert, die witternd die Stelle fixieren, an der die Besucher den Ausstellungsraum betreten.

Richtig reif für den Schrecken dieser Begegnung ist man, wenn man im Raum davor den Kurzfilm "Dobermann" von Florian Henckel von Donnersmarck ("Das Leben der Anderen") gesehen hat. Der vielfach ausgezeichnete Vierminüter ist ein Mix aus Slapstick und Thriller und zeigt den Morgenspaziergang eines Hundehassers, der es mit einem sicher eingeschlossen geglaubten Dobermann zu tun bekommt.

Duftmarken der jüngeren Kunst

Der Hund in der Kunst ist also zweifellos ein Thema mit, nun ja, Biss. Doch obwohl die Kunstgeschichte mit Publikationen wie Robert Rosenblums "Der Hund in der Kunst" oder "Hunde und ihre Maler" von Erika Billeter die Fährte bereits aufgenommen hat, hat sich dem getreuen Freund bisher noch keine umfassende Ausstellung gewidmet. Die ganz große historische Aufarbeitung des Themas ist jetzt auch in Kiel nicht zu sehen. Schließlich ist die Auswahl der älteren, nicht zeitgenössischen Arbeiten nicht systematisch und repräsentativ; sie setzt allenfalls Duftmarken in den Parcours der jüngeren Kunst.

Im Scharmützel der Hundebilder zwischen Idealisierung und Dämonisierung aber ist eine so amüsante wie hintergründige Ausstellung entstanden, bei der viele Exponate in ihrer Wirkmächtigkeit an große Hundeaugen heranreichen. Doch auch wenn die Kunsthallenleitung kurzzeitig angedacht hat, Besuchern mit Hund freien Eintritt zu gewähren - für die vierbeinigen Begleiter heißt es auch bei "Cocker Spaniel": Wir müssen leider draußen bleiben! Und das nicht zuletzt aus konservatorischen Gründen.

Schade. So manch dünnhaarig-schwachnervigem Zwergpudel, der sonst in der Begegnung mit zupackenderen Artgenossen stets den Schwanz einziehen muss, hätte man gewünscht, im Saal mit den ausgestopften Kampfhunden einem Pitbull mal so richtig ans Bein pinkeln zu können.


Cocker Spaniel and Other Tools for International Understanding: 25.10. bis 10.01.2010, Kunsthalle zu Kiel



insgesamt 7 Beiträge
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lichtschalter 25.10.2009
1. Hundeliebe
Vielen Leuten gibt ein Hund, was sie von Menschen nicht bekommen (können). Das ist Geschmackssache. Allerdings ist die hündische Zuneigung weniger hoch organisiert und ein animalischerer Dialog. Die Augen eines Hundes senden ein mattes "Licht" aus, wärend die eines Menschen sehr kohärent strahlen können. Der Hund ist sozusagen eine Notlösung in unserer Gesellschaft. In Familien die sich sonst sonntags zu Hause anöden würden bringt er Schwung in die Bude. Einsame Frauen legen sich einen großen Hund zu... Wem's gefällt-
lemming51 25.10.2009
2. Nun,
Nichts gegen Hunde, des Menschen bester Freund wie man hört (und auch nachvollziehen kann).Wenn man ihn dann auch einen Hund sein läßt. Ich selber bevorzuge Katzen, die meines Erachtens einfach intellektueller und ausgesprochene Individualisten sind. Zudem neigen sie bei weniger Bewegung nicht so intensiv wie Hunde zu Zivilisationskrankheiten, was mir in Sachen wohligem gemeinsamen und intensivem Mittagsschläfchen sehr entgegenkommt.
Tamarind 25.10.2009
3. abc
Zitat von sysopSchlüpfrige Doppelporträts von Hund und Mädchen oder der hässlichste Vierbeiner der Welt im Großformat - eine Ausstellung in der Kunsthalle zu Kiel fragt: Was ist des Pudels Kern, wenn Menschen ihre Hunde mit Liebesschwüren bedenken? http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,656971,00.html
Es ist keine Hundeausstellung sonst eine Kunstausstellung mit dem Motiv Hund. Eine Hundeausstellung ist ein "Schönheitswettbewerb" der Vierbeiner.
Supermissy[SEK], 25.10.2009
4. Gehorsam
Ich mag keine Hunde, denn man muß diese Tiere zu Gehorsam erziehen. Und Gehorsam widerstrebt mir, weder mag ich gehorsam sein, noch von anderen Leuten ihn einfordern. Auch nicht vom Hund, dem unselbständigen Tier, das noch nicht mal allein auf die Toilette gehen kann, sondern an der Leine dorthin geführt werden muß. Außerdem riechen Hunde nach Hund. Die Katze hingegen ist ein kluges und selbständiges Wesen, und sie verteidigt ihren starken Willen mit ihren scharfen Klauen und nadelspitzen Fangzähnchen, wenn der Mensch von ihrem Zischen, ihren angelegten Öhrchen und aufgerissenem Schnäuzchen nicht beeindruckt ist :D In ihren Augen sieht man keinen matten Glanz, sondern in den bernsteinfarbenen Tiefen funkelt die Mordlust, der das Tier in schönen Nächten auch ausgiebig frönt. Die Katze ist flauschig und faul, hoheitlich thront sie da, wo sich Hunde nicht hin trauen (Sofa, Bett...) und lässt sich von uns bedienen. Freundlicherweise erlaubt sie uns wenigstens, in ihrer Wohnung zu wohnen. Sie muß nicht bespaßt werden. Sie geht selbständig spazieren, inspiziert ihr Revier, fängt Beute und streitet sich mit ihren Konkurrenten. Man kann ihr das Futter für einen Tag auf einmal in die Schüssel tun, da sie sich nicht überfrisst. Sie sitzt auf der Balkonbrüstung wenn sie weiß dass es Zeit ist, dass man nach Hause kommt. Ich wollte sie nicht hergeben, die Katze. Und schon gar nicht gegen einen Hund tauschen. Gruß Missy
magrat 25.10.2009
5. Intellektuelle ^.^?....!
Zitat von lemming51Nichts gegen Hunde, des Menschen bester Freund wie man hört (und auch nachvollziehen kann).Wenn man ihn dann auch einen Hund sein läßt. Ich selber bevorzuge Katzen, die meines Erachtens einfach intellektueller und ausgesprochene Individualisten sind. Zudem neigen sie bei weniger Bewegung nicht so intensiv wie Hunde zu Zivilisationskrankheiten, was mir in Sachen wohligem gemeinsamen und intensivem Mittagsschläfchen sehr entgegenkommt.
...sehr süß:)) diesen Aspekt habe ich bei unseren beiden Katern bisher sträflich vernachlässigt - wahrscheinlich deswegen aber damit ist jetzt Schluß - jetzt ist Sartre fällig! ;))
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