Rassismus Das Gefühl, immer Gast zu sein

1985 zog Hussein Jinah als Student nach Dresden, wurde Sozialarbeiter. Viele Leute, denen er damals half, sah er später bei Pegida-Demos. Er fühlt sich als "Fremder unter Fremdelnden" - wegziehen will er trotzdem nicht.

Hussein Jinah: Wer war mit "unserem Volk" gemeint?
Michael Hudler/ mikrotext

Hussein Jinah: Wer war mit "unserem Volk" gemeint?


Als sich zum ersten Mal Anhänger von Pegida im Herbst 2014 in Dresden versammelten, ging Hussein Jinah als einer der ersten Gegendemonstranten auf die Straße.

Anfangs ohne Banner, ohne Plakat. Nur mit seinem Gesicht. Dunkle Haut, braune Haare. Manche Pegida-Teilnehmer kamen ihm bekannt vor. An einem Abend drängte sich Jinah in die Masse, er wollte wissen, was die Leute antrieb. Einer der Ordner sagte, er solle sich entfernen. Jinah sah das Gesicht. "Kennst du mich nicht mehr? Wir haben zusammen gegrillt." Betretene Blicke. Da durfte Jinah doch auf den Platz.

Viele Leute in Dresden kennen Jinah. Denn sein Arbeitsplatz ist die Straße. Seit rund 30 Jahren trifft er dort als Sozialarbeiter Menschen, die Probleme haben. Menschen, die "am Rand stehen", wie er es selbst ausdrückt.

Lutz Bachmann kannte Jinah noch als Türsteher von der Diskothek eines afghanischen Bekannten. In jenem Herbst 2014 traf er ihn wieder. Als Bachmann gegen die "Islamisierung des Abendlandes" schimpfte, fühlte sich Jinah plötzlich selbst am Rand: Jinah ist Muslim, geboren in Tansania, heute besitzt er die deutsche Staatsbürgerschaft und nennt sich selbst "Weltbürger". In seinem neuen Buch erzählt er, wie er als Student in die DDR kam, vorbei an Grenzbeamten mit Kalaschnikows. Wie Kommilitonen eine Freundin noch vor der Wende "Ausländerschlampe" nannten. Wie zur Fußball-EM 2008 an Dönerbuden Fensterscheiben zersplitterten. Und warum er trotzdem blieb.

Pegida-Anhänger 2015 in Dresden
AFP

Pegida-Anhänger 2015 in Dresden

Für das Gespräch treffen wir Jinah in einem Dresdner Café, ein paar Hundert Meter vom Hauptbahnhof entfernt. Durch das Fenster sieht man die gläserne Fassade des UFA-Palasts. "Dort bin ich oft für meine Arbeit", sagt er. Als Streetworker traf Jinah hier am Kino oft Cliquen von Jugendlichen. Manche von ihnen wuchsen in Heimen auf. Andere hatten Monate im Knast gelebt.

Jinah hatte solche Probleme nie. Seine Eltern waren wohlhabend, Händler aus Indien. Zur Welt kam er 1958, auf einem britischen Dampfer. Seine Mutter war gerade von Indien nach Tansania unterwegs. Im britisch besetzten Indien liefen die Geschäfte schlecht. Sein Vater hatte in der Küstenstadt Daressalam einen Kolonialwarenladen aufgemacht, verkaufte Radiergummis und Bleistifte.

Doch als Tansania unabhängig wurde, rutschte die Familie in der Hierarchie nach unten. Der Vater wurde enteignet, die Familie zog nach Südafrika. Im Apartheidsregime kamen die Schwarzen eine Klasse unter ihm. Auf den Parkbänken für Weiße durfte er trotzdem nicht sitzen.

1985 zog Jinah als Gaststudent nach Dresden. In der DDR war er plötzlich wer. In seiner Tasche hatte er einen Reisepass. Jinah durfte über die Grenze, kam an Westgeld. In der DDR galt er damit vielen als Mann aus dem Westen.

Frei von Wut oder Verurteilung

"Seit ich nach Dresden kam, habe ich mich als Gast gefühlt", sagt Jinah. Mit der Wiedervereinigung aber habe sich die Lage verschärft. "In der Umbruchzeit habe ich gemerkt, was Identität ist - und was Identität zweiter Klasse." Am 19. Dezember 1989 nahm Jinah zum ersten Mal wahr, was Grenzen sind - und was es bedeutet, eine Hautfarbe zu haben, die als "fremd" gilt.

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An diesem Abend, so erinnert er es, stand er vor den Ruinen der Frauenkirche, zwischen Tausenden anderen Dresdnern. Um ihn wehten Deutschlandfahnen. Vorn am Rednerpult stand Helmut Kohl. Der damalige Kanzler der Bundesrepublik sprach von "Solidarität", "Selbstbestimmung unseres Volkes", der "Einheit unserer Nation".

Wer war aber mit "unserem Volk" gemeint? In der Menge fragten Jinah an diesem Abend manche, was er hier zu suchen habe. Es gehe doch um "innerdeutsche Angelegenheiten". Ein paar Wochen später kamen Beschimpfungen dazu. In der Straßenbahn wollten sich manche nicht mehr neben ihn setzen. Die Wiedervereinigung feierte Jinah daheim in seiner Wohnung. Über den Fassaden leuchteten Feuerwerke. Man habe ihm damals geraten, die Straße besser nicht zu betreten, sagt er. Körperlich angegriffen wurde er nie, und doch spürte er eine wachsende Angst. 1991 attackierten Neonazis nachts in einer Straßenbahn den Mosambikaner Jorge Gomondai. Wenig später fand die Schaffnerin ihn blutend auf den Gleisen, im Krankenhaus starb er.

Jinahs Umschulung zum Streetworker kam mehr durch einen Zufall. Die Stadt hatte gerade eine Stelle frei, Jinah war arbeitslos. In seinem neuen Job zog er durch die Plattenbauviertel von Johannstadt, vorbei an den damals sanierungsbedürftigen Wohnblöcken am Straßburger Platz. Manche Bewohner wollten ihm die Hand nicht geben.

Jinah erzählt davon in ruhigem Ton, frei von Wut oder Verurteilung. Für ihn waren es Leute, die "menschliche Probleme haben". Manche von ihnen hatten keine Wohnung, manche nahmen Drogen. Andere hatten Missbrauch erfahren. Wenn Jinah von ihnen spricht, dann sind es einzelne Schicksale. Da ist jene junge Frau, die sich prostituierte und früher manchmal am Postplatz stand. Oder Thomas, der Probleme zu Hause hatte. Rechtsorientiert, sagt Jinah. Vor anderen hätte Thomas ihn, Jinah, trotzdem verteidigt.

"Wenn Menschen Unterdrückung erfahren, dann versuchen sie das zu kompensieren", sagt Jinah. Die Menschen in der DDR hätten lange Zeit Unterdrückung erfahren. Als die Mauer fiel, da fielen auch die Grenzen zwischen Ostdeutschen und Westdeutschen. "Wer sich vor der Wende als zweitklassiger Bürger fühlte, der konnte sich nun als erstklassiger Bürger fühlen", sagt Jinah. "Die Menschen zweiter Klasse waren nun wir - Menschen mit Migrationshintergrund."

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Jinahs Büro liegt in Gorbitz. Einmal ging Jinah in den Jugendklub Espe, damals noch Treffpunkt für Neonazis um Rainer Sonntag. Vor ihm saßen Jugendliche mit Springerstiefeln und Glatzen. Jinah zeigte in einer Diashow, wie man in Indien Hochzeit feiert. Kochte mit seinen Besuchern Reis mit Erbsen. An solchen Tagen fühlte er sich mulmig. "Wir müssen den Menschen aber doch andere Kulturen zeigen", sagt er. "Wie soll ich sonst etwas ändern."

Seit den Pegida-Demonstrationen sieht Jinah die Probleme nicht mehr nur am Rand der Gesellschaft. Heute rät er Migranten manchmal, sich in bestimmten Vierteln von Dresden lieber nicht aufzuhalten. Bierbars, in denen sich Hooligans treffen. Auch unter den Jugendlichen beschwerten sich manche über Ausländer. Jinah hörte ihnen zu. Versuchte sie zu überzeugen. In seinen Gesprächen zitiert er Quellen, sucht Beweise. Wenn es um Kultur und Religion geht, was Menschen anziehen, was sie zu Hause essen, zitiert Jinah das Grundgesetz. "Wollt ihr eure Freiheiten wirklich aufgeben?"

Er will durch Vernunft Vorurteile abbauen, er glaubt daran. Und sagt gleichzeitig, dass es sich manchmal noch heute für ihn so anfühle, als sei er gerade erst vom Bahnhof in die Stadt gekommen. "Ich lebe als Fremder unter Fremdelnden in einem doppelt fremden Land", sagt er. Wegziehen, sagt er, will er trotzdem nicht. Es gibt viel für ihn zu tun.



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