"Hypermental"-Ausstellung Niemand ist normal

Alltag oder Irrsinn: Die spektakuläre Ausstellung "Hypermental" untersucht wahnhafte Wirklichkeiten der letzten 50 Jahre.

Von Sven Siedenberg


Porzellanfigur von Jeff Koons: "Woman in a tub" (1988)
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Porzellanfigur von Jeff Koons: "Woman in a tub" (1988)

Nette Begrüßung: Ein von der Decke hängender Riesenlöffel gießt eine ketchuprote Flüssigkeit aus. Nicht in einen Topf oder Suppenteller, sondern direkt vor die Füße des Besuchers. Und während man diese in Streifen geschnittene Folie, 1967 von James Rosenquist angefertigt, staunend umkreist, stellt man sich die Frage, was das denn sei: Reklame oder Kunst? Gemälde oder Skulptur? Alltag oder Irrsinn? So geht es einem öfter in dieser Ausstellung: Man staunt, man erschrickt, man grübelt. Immer aber lassen einen die präsentierten Kunstwerke nicht unbeteiligt, wollen befragt, erkundet und manchmal auch - wie Max Mohrs geheimnisvolle Eisbox - angefasst werden.

Die Ausstellung "Hypermental. Wahnhafte Wirklichkeit", die zurzeit im Kunsthaus Zürich zu sehen ist, wirft einen aufregenden Blick auf die Kunst der letzten 50 Jahre. Befreit von jeder historischen Einordnung dürfen sich hier die Werke neu formieren. Und in der Neuordnung zeigt sich, wie viel sie mitzuteilen haben, wenn man sie einmal aus ihren Kategorien entlässt. So finden sich beispielsweise Marcel Duchamps bronzene "Keuschheitsecke", Yayoi Kusama blutrotes "Phallus-Boot", Luise Bourgeois' kopfloses "Couple" und Cindy Shermans zerstückelte Puppen in einem Raum zusammen, um sich gegenseitig etwas von der Liebe zu erzählen - und der Last, die der menschliche Körper damit hat.

Als geistiger Übervater dieser Schau fungiert Salvador Dalí, der Meister des Surrealismus. Mit seinen Recherchen auf dem Gebiet der Wahrnehmung und der optischen Illusion, mit seinen Rasterbildern und fiebrigen Farbverflüssigungen hat er nicht nur die Vorstellung von Ich und Wirklichkeit revolutioniert, mit ihm, so behaupten die Veranstalter, begann auch die Abkehr von den traditionellen Kunstmedien, hin zur Collage, zum Zeitschriftenbild und zur Fotografie. Sie ist - neben zahlreichen Raum- und Video-Installationen - besonders stark vertreten.

"Policeman and Rioter"-Skulptur von Duane Hanson
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"Policeman and Rioter"-Skulptur von Duane Hanson

In sechs Kapiteln werden Neurosen und Sinnestäuschungen untersucht, kollektive Halluzinationen und hybride Geschlechterbeziehungen. Dabei tauchen immer wieder Schlagworte wie Kalter Krieg, Jugendbewegung, Digitalisierung, Migration oder Feminismus auf, etwa wenn Valie Export Ende der sechziger Jahre ihren Lebenspartner auf allen vieren an einer Hundeleine durch die Straßen Wiens führt, Ana Mendieta eine auf dem Campus der Universität von Iowa vorgefallene Vergewaltigung rekonstruiert oder Duane Hanson mit seiner lebensgroßen Skulptur "Policeman and Rioter" einen weißen Polizisten auf einen schwarzen Demonstranten einprügeln lässt.

In die Welt der Cybermystik dominieren die Vexier-Spiele von Bridget Riley, die beim Betrachter Schwindelgefühle erzeugen. Karin Davie malt Bilder mit Windungen und Schlaufen, bei denen man glaubt, der Farbe beim Laufen zuschauen zu können. Ähnliche körperliche Reaktionen löst nur noch Bruce Naumanns leerer Akustikraum "Get Out Of My Mind, Get Out Of This Room" aus, dessen bedrohliches Stimmengetöse und -gewimmer unter die Gänsehaut geht. Am Ende verpulverisiert all der Wahn im Universum der Atome: Sigmar Polke belichtet seine Foto-Negative nicht, sondern bestrahlt sie mit Uraniumgestein. Das ist mindestens so gespenstisch wie Meret Oppenheims "Röntgenaufnahme meines Schädels".

In dieser grandiosen Ausstellung, in der auch Louise Bourgeois, Sarah Lucas, Richard Hamilton, Jeff Wall, Damien Hirst, Jean Tinguely, Yves Klein, Matthew Barney, Jeff Koons, Robert Gober, Gilbert & George und Pipilotti Rist vertreten sind, sprechen die Kunstwerke neu zu uns. Sie sagen: Das Übertriebene ist die Norm. Und niemand ist normal.

"Hypermental. Wahnhafte Wirklichkeit 1950 - 2000 von Salvador Dalí bis Jeff Koons", Kunsthaus Zürich, bis 21. Januar 2001; danach in der Hamburger Kunsthalle.



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