Ibsen am Hamburger Schauspielhaus Gefesselt und benebelt

Neue Spielzeit, neuer Intendant: Am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg startete Friedrich Schirmers Amtszeit sehr maritim mit Ibsens "Die Frau vom Meer". Eine im doppelten Sinne große Inszenierung: Die Bühne wurde zum Ozean der Gefühle.


Kukla, Breckwoldt: Unterdrückte Wünsche
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Kukla, Breckwoldt: Unterdrückte Wünsche

Mehr Platz fürs Meer! Das Deutsche Schauspielhaus in Hamburg räumte für die Premiere von Henrik Ibsens Stück "Die Frau vom Meer" die ganze große Bühne frei und setzte obendrein vorn noch ein paar Meter dran: Ein gewagter Sprung gleich zu Anfang, den Regisseurin Jacqueline Kornmüller und ihrem Bühnengestalter Etienne Plus da hinlegten. Kaum Dekoration, lediglich eine Plexiglas-Säumung, auch hinten alles frei, tief und scheinbar endlos. Hingeworfen darin ein paar Menschen, die mit der Leere ihres Lebens und miteinander kämpfen, tragisch, komisch und heldenhaft. Ein einfaches Bild, ein großes Bild, und wir sind sofort mittendrin. Friedrich Schirmers Intendanten-Einstand im Schauspielhaus hätte kaum symbolkräftiger und druckvoller ausfallen können.

Ellida Wangel führt mit ihrem Mann und ihren beiden Stieftöchtern eine harmlos langweilige Ehe, denn die Verbindung der beiden beruht aus Sicht von Ellida auf einem Handel: Sie heiratete den netten verwitweten Arzt, um fortan versorgt zu sein. Dafür zog sie in die enge Fjordlandschaft, weit weg von ihrer Heimat am Meer und ihrer ersten Liebesleidenschaft, einem geheimnisvollen Seemann. Die Rückkehr dieses rauen und düsteren Sailors - ganz das Gegenteil des sanften Cordhosen-Ehemanns - schwebt als Damoklesschwert über der zerbrechlichen Ehe der Wangels. Am Ende erweist sich der gute Doktor als kluger Kopf: Er gibt Ellida frei, woraufhin sie losgelöst von selbst auferlegten Zwängen, aus neuer Freiheit ihre alte Ehe wählt: Happy End dank Psychologie. Das war neu und spannend, als Ibsens Stück 1888 erschien. Wie man aus der eher klammen und verwinkelten Seelen-Story beinahe so etwas wie ein Action-Melodram herauspräparieren kann, demonstrierte Regisseurin Kornmüller mit größter Ökonomie der Mittel - und einem Schauspieler-Ensemble, das sich geschmeidig durchs Stück bewegte, wie Fische im Wasser.

Wir lassen uns gemeinsam gehen

Marion Breckwoldt, geborene Hamburgerin und bis 2005 an den Münchner Kammerspielen, spielt die getriebene Ellida Wangel wunderbar mehrdimensional. Durchaus ironisch, komödiantisch, derb - diese Arztgattin quält nicht die Blässe von Gedanken und Philosophie, sondern sehr reale unterdrückte Wünsche und der Verlust ihres eigenen Lebens. Ihr Jogginganzug passt prima zu Doktor Wangels (brillant besetzt: Otto Kukla) schlampigem Outfit, seinen fettigen Haaren und den Bartstoppeln: Alles nicht mehr wichtig, wir lassen uns gemeinsam gehen, dann geht's schon irgendwie.

Ibsen im Schauspielhaus: Es graust den Ehemann
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Ibsen im Schauspielhaus: Es graust den Ehemann

Breckwoldt zieht alles an Verästelungen und Untiefen aus dieser Figur, sie quengelt wie ein Kind, sie schreit und winselt, aber sie stöhnt auch erdhaft und bedrohlich dröhnend ihre Erinnerung an den Sex am Strand mit dem sagenhaften Seemann heraus. Da graust es den Ehemann, umso mehr, als Ellida nach der Geschichte leicht und entspannt wie ein Teenie mit den Armen wedelt. Man spürt, woran es dieser Ehe mangelt. Marion Breckwoldt: ein Orkan. Ihre beiden Stieftöchter (kraftvoll und sicher: Ute Hannig und Monique Schwitter) sehen ein Leben vor sich, das sie abstößt, sie aber zur Wiederholung zwingt. Bolette, der älteren Tochter, droht eine "Sicherheitsbindung" mit dem leicht schwiemeligen Oberlehrer Arnholm (Klaus Rodewald), während sie den ruhelosen Künstler Lyngstrand (Felix Kramer) ziehen lässt.

Die Meereswellen, die als pralles Symbol nach der Verschollenen suchen, brechen sich auf der Bühne nur langsam Bahn, doch sie kommen unaufhaltsam. Erst trockeneistechnisch verhalten, dann wild und wolkenähnlich als Meer, das alle zu verschlingen droht. Die Nebelmaschine tobt, die See wird rauh, die Sicht ist schlecht. Der Plexiglasrahmen vor der Bühne mühte sich verzweifelt, die ersten Reihen zu schützen, dieser Eisnebel-Ozean brandete gnadenlos ins Parkett und schafft eine wunderbare Eintracht aus Publikum und Akteuren: gemeinsames Husten verbindet. Auch das geschah sicher gern und gezielt, denn es ist diese Ironie, die das Stück stärkt und seine Kraft eher beflügelt.

Schräge Situation im Ehebett

Auch zu einem übergroßen Ehebett kann man die Bühne machen: Man kippe sie einfach zu knapp 90 Grad nach vorn - schon liegen/stehen die Ellida und Mann dem Publikum gegenüber und diskutieren ihre schräge Situation zwischen Schlaf und Morgengrauen. Gute Lösung.

Kramer, Schwitter, Hannig: Abstoßendes Leben vor sich
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Kramer, Schwitter, Hannig: Abstoßendes Leben vor sich

Ibsens Showdown-Dramaturgie hat Jaqueline Kornmüller in ihrer Inszenierung nicht konterkariert, aber konsequent ausgebremst. Die harten Kämpfe der Eheleute Wangel, die Annäherungen von Lehrer Arnholm und Künstler Lyngstrand, sie müssen stets gegen die Weite, die Kraft raubende Distanz der Bühne anspielen. Im dauernd präsenten Ozean schwimmen alle hilflos aber durchaus kraftvoll, sie treiben, aber sie suchen ihr Ziel. Und am Ende ist Licht: Das letzte Bild, Sonnenaufgang (riesengroß, natürlich), taucht alle in honiggelbes, warmes Licht. Alle stehen einsam in der Weite, aber sicher auf ihren Füßen. Eine Erlösung, als Ergebnis von Kämpfen und Lernprozessen, eine Möglichkeit für ein neues Leben. Der Lichtblick als Monumentalsonne: Noch so eine charmante ironische Brechung, die diese "Frau vom Meer" so erfrischend wie eine Nordseebrise macht.

Friedrich Schirmers erste Saison als Intendant will ja das Maritime pflegen: Der neuen Symbol-Delfin im Schauspielhaus-Logo war erst der Anfang, mehr Meer soll folgen. Auf der Welle der Sympathie, die ihm entgegenschlägt, surft er jedenfalls schon mal gut. Mit Jaqueline Kornmüller hat er aus Stuttgart gleich eine Regisseurin mitgebracht, die Klugheit, Herz und Händchen zeigte. Was beweist: Man kann auch am Deutschen Schauspielhaus mit Erfolg starten. Großer Beifall für Ensemble und Produktion, laute Bravos für Marion Breckwoldt.



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