Ich will! Ich will! Ich will! Das konsumistische Manifest

Shoppen, Shoppen, Shoppen! Gegen den Klimawandel und gegen die Wirtschaftskrise
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Shoppen, Shoppen, Shoppen! Gegen den Klimawandel und gegen die Wirtschaftskrise

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2. Teil: "Wenn jeder an sich denkt, ist an jeden gedacht"


Das Lohas-Konzept sei eine "neoliberale Wirtschaftsideologie" mit einfacher Formel: "Wenn jeder an sich denkt, ist an jeden gedacht". Eine Formel, die nicht aufgehe: Zum einen, weil der Öko-Lifestyle eine Nische ist, die die massive mediale Berichterstattung zu einem Scheinriesen gemacht hat; der Anteil am Lebensmittelmarkt beträgt nicht einmal vier Prozent. Zum anderen, weil der ökokorrekte Konsum von notwendigen Reformen ablenkt. "Es gibt kein richtiges Kaufen im falschen Weltwirtschaftssystem." Zudem interessierten sich Lohas nicht für die Armut im eigenen Land, denn gegen sie "gibt es kein richtiges und schickes Produkt, das man kaufen und genießen kann".

Nun kann man Hartmann vorwerfen, dass sie oft überspitzt und verzerrt, weil es natürlich einen Unterschied macht, bewusst einzukaufen, und weil der politische Konsum natürlich auf Kompromisse hinausläuft, nicht anders als klassische Politik. Auch hat der Kulturwissenschaftler Wolfgang Ullrich in seinem Buch "Habenwollen" schon vor Jahren bemerkt, dass Konsumobjekte nicht nur eine Signalwirkung nach außen haben, also einen sozialen Status demonstrieren, sondern auch nach innen die Ziele des Konsumenten prägen. Der Markt sei ein Medium: "Politische Sensibilität formiert sich also auch über den Konsum." Ökoprodukte stimulieren demnach Ökobewusstsein.

Hartmann hingegen verficht eine andere These - und die ist grundsätzlicher: Der Ökokonsum mag Stimulus politischer Überzeugungen sein, aber er ist auch Ventil politischen Engagements. Er entlastet das Gewissen und wiegt die Lohas in der wohligen Gewissheit, schon genug zu tun. Und so sind sie Konsumbürger, die ihre Ansichten lieber im Kaufhaus artikulieren als in der Wahlkabine oder gar auf einer Demo - eine Privatisierung der Politik. Das große Ganze ändert sich so nicht. Im Gegenteil: Gerade die Lohas laden den Konsum mit Sinn auf, und Konsum ist per se nicht nachhaltig. Echter Umweltschutz war noch nie sexy.

Der "G-Punkt des Homo consumens"

Eine Studie der Beratungsgesellschaft Stratum stützt Hartmanns Position: "Die Erwartungen hinsichtlich des gesellschaftsverändernden Potentials der Gruppe sind deutlich überzogen", heißt es da. Lohas seien unpolitisch und egoistisch, Verzicht sei ihre Sache nicht. Und eben darauf kommt es an, predigt Klaus Wiegandt, einst Chef des Handelskonzerns Metro und heute Vorstand seiner eigenen Stiftung "Forum für Verantwortung": Wirtschaftswachstum und Nachhaltigkeit seien nicht kompatibel.

Hartmanns Schlussfolgerung: politische Proteste statt politischem Konsum, mehr Gesetze statt mehr Produkten. "Wir sollten uns lieber wieder an Bäume ketten, anstatt von Autokonzernen welche pflanzen zu lassen."

Es ist ein Rezept gegen Umweltprobleme, das auch sinnvoll wäre im Kampf gegen künftige wirtschaftliche Verwerfungen: Politische Reformen! Wirtschaftliche Stagnation! Askese! Die Krise als Chance, den Konsumismus zu überdenken.

Doch da gibt es ein Problem: unser Gehirn. "Konsum bereitet Lust", berichtet die Wissenschaftsjournalistin Eva Tenzer, 41, in ihrem neuen Buch "Go Shopping!". Produkte, die Status und Wohlstand symbolisieren, aktivieren den Nucleus accumbens im Vorderhirn - ein Belohnungszentrum, das Glückshormone ausschüttet und sich auch mit Drogen, Sex und Süßigkeiten stimulieren lässt. Tenzer nennt es den "G-Punkt des Homo consumens".

Der Mensch kennt kein Genug

Die Uni Ulm zum Beispiel hat Versuchspersonen Bilder von Autos gezeigt und dabei ihr Gehirn durchleuchtet: Bei einem Porsche geht das Belohnungszentrum an, beobachtete Hirnforscher Manfred Spitzer, bei einem Daihatsu geht es aus. Und man darf davon ausgehen, dass auch die Ulmer Versuchspersonen schon mal etwas gehört hatten von Klimawandel und Killerpreisen.

Der Mechanismus, schreibt Tenzer, sei in uns angelegt: "Die Evolution favorisiert Luxus", weil Vorratskammern und Statussymbole von jeher das Überleben sicherten. "Das menschliche Gehirn selbst liebt den Konsum, und es verschmäht Askese." Ein und derselbe Wein schmeckt uns besser, je teurer er etikettiert ist, selbst Schmerzmittel helfen uns besser, je höher ihr Preis ist. Unser Gehirn belohnt zudem unerwartete Genüsse, also nicht nur den Genuss von etwas Teurem, sondern vor allem von etwas Neuem. Und so laufen Kapitalismuskritik und Aufrufe zum Konsumverzicht oft ins Leere: "Go Shopping! scheinen die Neuronen wider alle Vernunft selbst in wirtschaftlichen Krisenzeiten zu rufen."

Tenzers Buch stärkt also auch die These hinter Hartmanns Streitschrift: Der Markt regelt die Probleme des Planeten nicht selbst, der Mensch kennt kein Genug. Nicht Konsumanreize sind daher das Gebot der Stunde, sondern Konsumschranken.

Einen Trost immerhin gibt es: Ein neues Auto, eine neue Uhr und ein neuer Fernseher machen glücklich - aber nur im ersten Moment. Nach zwei Wochen findet man sie selbstverständlich.

Nicht mal die Konsumlust ist nachhaltig.



insgesamt 72 Beiträge
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Seite 1
tetaro 22.12.2009
1. ..
"Einen Trost immerhin gibt es: Ein neues Auto, eine neue Uhr und ein neuer Fernseher machen glücklich - aber nur im ersten Moment. Nach zwei Wochen findet man sie selbstverständlich." Wer konsequent konsumiert, kauft sich eben alle paar Wochen das oben Genannte neu. Nur das Entsorgen des zwei Wochen alten Krempels wird zunehmend erschwert durch Vorschriften zur Mülltrennung.
H. Hipper, 22.12.2009
2. Richtig
Richtig! Unfassbar, dass die ganzen Hungerleider bei ALDI Und LIDL einkaufen gehen - kann das Prekariat sich nicht gefälligst Fair-Trade-Produkte im Bioladen holen? Außerdem sind wir in den westlichen Industrienationen ohnehin alle saturiert - dann kann man auch ruhig mal den Gürtel enger schnallen und ein paar Jahre lang Reallohnverluste hinnehmen.
Hanspanzer 22.12.2009
3. Die Ursachen erforschen
In einer kapitalistischen Weltwirtschaft wird sich dieses Problem nicht lösen lassen. Kommunismus kann zwar den Konsum stoppen, aber eben auch das Essen. Also was neues muss her! Marktwirtschaftlich-sozialistische Technokratie oder so was in der Art :-)
zynik 22.12.2009
4. kuchen
Zitat von H. HipperRichtig! Unfassbar, dass die ganzen Hungerleider bei ALDI Und LIDL einkaufen gehen - kann das Prekariat sich nicht gefälligst Fair-Trade-Produkte im Bioladen holen? Außerdem sind wir in den westlichen Industrienationen ohnehin alle saturiert - dann kann man auch ruhig mal den Gürtel enger schnallen und ein paar Jahre lang Reallohnverluste hinnehmen.
Genau. Wer kein Brot hat, soll eben Kuchen essen.
mardas 22.12.2009
5. Arbeitslos? Was für ein Irrsinn!
Zitat von sysopKonsumkritiker sind anscheinend die ersten, die durch die Finanzkrise arbeitslos geworden sind: Einkaufen gilt plötzlich als erste Bürgerpflicht. Wer richtig shoppt, rettet Wirtschaft und Umwelt, heißt es. Was für ein Irrsinn! http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,668298,00.html
Konsumkrtiker sind anscheinend die ersten, die nach der Krise wieder ihren Job zurückbekommen, wie unser Herr Autor.
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