Ideenbasar Wir wollen helfen!

Vor vier Wochen hat der SPON-Kolumnist Georg Diez gemeinsam mit SPIEGEL-Kollege Maximilian Popp dazu aufgerufen, Ideen und Initiativen vorzustellen, die einen konstruktiven Ansatz in die aktuelle Flüchtlingsdiskussion einbringen. Hier sind die Antworten.

Spenden in den Messehallen Hamburg: Viele wollen helfen
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Spenden in den Messehallen Hamburg: Viele wollen helfen


Ideen sind ein Rohstoff, der mehr wird, wenn man ihn teilt. Das ist das Geheimnis auch dieser Aktion. Die Rückmeldungen waren überwältigend und positiv. Und je mehr die Menschen, die sich engagieren, wiederum darüber erfahren, wie andere Menschen sich engagieren, entsteht daraus neue Inspiration für weiteres Engagement.

Ein humanitäres Perpetuum mobile also, im Idealfall. Wir stellen an dieser Stelle einige der Ideen und Initiativen vor. Sie geben die Meinung und Haltung der Leser wieder. Der Journalismus ist hier Medium: als Überbringer einer Botschaft, als Vermittler zwischen Menschen.


Kaufen, spenden, helfen

"Wie wäre es, wenn man Zahnpasta, Hygieneartikel, alles, was Flüchtlinge gerade brauchen, direkt im Drogeriemarkt kaufen und in eine Kiste legen könnte, die regelmäßig von den Organisationen, Freiwilligen oder Paten geleert wird? Im Markt selbst könnten benötigte Artikel entsprechend zusätzlich in den Verkaufsregalen gekennzeichnet werden."

Martin Mayer


Besser bürokratisch

"Der Stau bei der Registrierung der Migranten verhindert die rasche Integration. Was spricht eigentlich dagegen, dass man auch die Einwohnermeldeämter einbindet? Man könnte große bestehende Strukturen nutzen, die man personell verstärkt. Das hätte auch den Vorteil, den Migranten zu ermöglichen, bei Bekannten oder Verwandten zu wohnen."

Dr. Christian Veauthier


Gemeinsam bauen, gemeinsam leben

"Wir überlegen, in Bickenbach eine Wohnungsbaugenossenschaft zu gründen. Wo sollen die Menschen nach der Anerkennung im Ballungsgebiet Rhein/Main wohnen? Eine Genossenschaft mit Bürgerbeteiligung könnte sie in die Mitte der Orte bringen, Integration selbstverständlicher werden lassen und dabei die Akzeptanz innerhalb der Bürgerschaft steigern."

Andreas Fetzer


Würde wahren

"Was fast allen Berichten und Initiativen fehlt, ist die Wahrung der Würde des Flüchtlings. Da wird "bemuttert", was das Zeug hält. Aber wollen die Betroffenen überhaupt so "bemuttert" werden? Leider fehlt sehr viel Anreiz zur Selbsthilfe. Das ganze Technikgeplänkel mit Apps bringt nicht viel, wenn die Menschen an der eigenen Hilflosigkeit verzweifeln."

Dr. Jens Callsen


Die Zukunft als Experiment

"Mein Vorschlag: Eine geförderte Wohnsiedlung als Integrationsprojekt für Flüchtlinge und als Reintegration für Europäer in finanziellen Nöten - in ganz Europa verteilt, um Ghettos zu vermeiden, und außerhalb der großen Städte, um Regionen neu zu beleben. 50 Prozent der Bewohner sind Flüchtlinge, 50 Prozent Landsleute mit fließender Muttersprache. Hier soll ein Mikrokosmos entstehen. Gleichzeitig könnte es ein Experiment für die Zukunft sein: Alternativ Energie, Fisch- und kleine Landwirtschaft innerhalb der Siedlung. Ein Stimmungsbarometer der Wohnsiedlung zeigt anhand von Smart Data die soziale Dynamik und dient als Motivator. Man könnte Sponsoren wie Google oder Siemens dafür gewinnen."

Janine Wald


Flüchtlings-Start-Ups

"Gibt es eine Möglichkeit, Flüchtlinge dabei zu unterstützen, Start-Ups zu gründen? Viele haben sicher gute Ideen, die mit ihrer eigenen Situation oder ihren Herkunftsländern zu tun haben. So könnte man Flüchtlinge unterstützen, die innere Motivation stärken und nutzen - und gleichzeitig Verbindungen zur Start-Up-Szene in Deutschland schaffen. Sicher wird aus einigen der Ideen ein längerfristiger Erfolg werden, der Arbeitsplätze schafft und Deutschland und Europa wettbewerbsfähiger macht."

Willi Brendle


Hütten, nicht Paläste

"Vielleicht gibt es Schrebergärtner oder Schrebergarten-Besitzer, die ihr Grundstück für Flüchtlinge - zumindest zum Luft holen - zur Verfügung stellen. Natürlich wissen wir alle, dass man in manchen Schreberhütten besser wohnt als in mancher Wohnung. Und natürlich wissen wir auch, dass man da irgendwie aufpassen muss wegen der "Nazis"."

Claudia Herdt


Kultur hilft

"Das Leipzig KOLLEKTIV, Zusammenschluss Leipziger Heimat- und Bürgervereine, sammelt gerade kostenlose Kulturangebote. Im nächsten Schritt lassen wir sie in Fremdsprachen übersetzen und stellen die Broschüre den Bürgervereinen zur Verfügung, damit dort Bürgerinnen und Bürger interessierte Neubürgerinnen und Neubürger an die Hand nehmen können und ihnen unsere Stadt und ihre Angebote näher bringen können. Das ist so quasi überall adaptierbar."

Matthias Schätzl


Geld hilft

"Sie wünschen sich Ideen für die Lösung der "Flüchtlingskrise". Bitte schön hier sind sie. 1, siehe Europäische Stabilitätsmechanismus / ESM, 2. siehe Kapitalausstattung des ESM. Mit bis zu 700 Milliarden Euro könnten wir in Europa alle Probleme der Flüchtlingskrise mit einem Lächeln im Gesicht lösen."

Jochen Zeitler


Natur hilft

"Es ist an den Vereinen, einen Teil zur Integration der jüngeren Flüchtlinge beizutragen. Ich bin Gruppenleiter einer Ortsgruppe der Waldjugend. Ich habe gerade eine neue Gruppe gegründet und würde mich freuen, Kinder begrüßen zu dürfen, die der Kasernierung der Flüchtlingslager entkommen möchten, um in ihrer neuen Heimat aktiv zu werden."

Andreas Kaffanke


Kompetenz hilft

"Das Kinderhaus St. Josef hat ein spezielles Kompetenztraining für minderjährige unbegleitete Flüchtlinge entwickelt. Es gibt Kurse in "Demokratie", "Gleichberechtigung von Mann und Frau" und und und. Ich erlebe jedoch selbst, dass die Stimmung sich wandelt. Das Ende der "Teddybärisierung" ist eingetreten. Nun gilt es, nachhaltig zu helfen und Hilfe zur Selbsthilfe zu geben."

Nadine Schier


Verbindungen schaffen

"Gestartet haben wir mit einer Facebook-Seite. Wir haben uns zunächst mit allen wichtigen Playern in Worms (die Stadt, der Arbeiter-Samariter-Bund, die Diakonie, die Caritas, die evangelische Kirche, die Volkshochschule, der interkulturelle Runde Tisch) vernetzt. Heute haben wir etwa 30 sehr aktive Engagierte, die zusammen mit dem Kernteam Kurse anbieten, Freizeitaktivitäten oder Behördengänge begleiten, Tandems durchführen. Zur Zeit arbeiten wir an einer App/Website, die es ermöglichen soll, dass Flüchtlinge einen Überblick bekommen, wo sie welche Unterstützung selbstständig wahrnehmen können."

Laurien und Lilian Breitschuh


Café International

"In der "Goldenen Rose", dem ältesten Gasthaus von Halle, gibt es einen Flüchtlingsstammtisch: das "Café International". Flüchtlinge und Einheimische können sich treffen, ins Gespräch kommen und eine entspannte Zeit verbringen. Nebenher können Initiativen und Organisationen über Angebote berichten. Wir möchten noch Räume und Kapazitäten zur Verfügung stellen, für Sprachkurse, gemeinsames Kochen, Malen, Häkeln. Was mich bremst: Rechte Idioten. Es gab einen Brandanschlag - ein Gastraum fiel den Flammen zum Opfer. Dann durchschlug ein Stein ein Gastraumfenster. Ich bin dennoch zuversichtlich. Der Oberbürgermeister Bernd Wiegand nimmt die ganze Thematik sehr ernst. Zwei kommunale Wohnungsunternehmen stellen hunderte Wohnungen zur Verfügung. Hier werden keine Flüchtlinge in Zelte oder leerstehende Baumärkte gepfercht. Aus den Medien erfährt man sonst vor allem über Zustände wie in Heidenau. Deshalb sehe ich die Herangehensweise in Halle als gutes Beispiel."

Stephan Schirrmeister


Gelebte Menschenliebe

"Eine Stadt ist gerade besonders interessant als Modellstadt für "Wir schaffen das" - Schwäbisch Gmünd. Das liegt an der Tatkraft und Beliebtheit des Oberbürgermeisters Richard Arnold. Sein Geheimnis? Er begeistert alle. Sein Prinzip ist: Wir nehmen alle mit, auch die Fremden, und werkeln so lange, bis alles funktioniert. Und alle machen mit. Das Ganze geschieht auf der Basis von offen gelebter Menschenliebe und Verständnis. Das ist sein Christentum. Und er erhält Vertrauen zurück."

Evelyn Thriene


Paten für Flüchtlinge

"In Bellheim, ein kleines Dorf bei Germersheim zwischen Speyer und Karlsruhe, gibt es wie fast überall ein Grüppchen Ehrenamtliche. Die haben einen Sprecher gewählt, und dieser Sprecher sitzt einmal pro Woche im Ausländeramt und trägt direkt die bei den Ehrenamtlichen aufgelaufenen Dinge vor. Damit werden die individuellen Anrufe bei Behörden eingedämmt. Toll dabei: Jeder Flüchtling und jede Flüchtlingsfamilie bekommt einen Paten. Die schaffen enorm viel. Funktioniert nur im Dorf? Da bin ich mir nicht so sicher. Mein Vorschlag: Übertragung der Paten-Organisation auf Bezirksebene."

Friederike von Franqué


Lesen schafft Freunde

"Die BremerLeseLust e.V. richtet in Flüchtlingsunterkünften Leseecken ein. Das Projekt ist auf ein Jahr angelegt und hat den Titel "Lesen schafft Freunde". Wir lassen Holzstühle und Tische, die wir über Aufrufe erhalten, von unserem Kooperationspartner, dem Beschäftigungsträger bras e.V., aufarbeiten und statten die Leseecken mit für interkulturelle Adressaten passenden Büchern und Malheften aus. Die Räume werden mit Landkarten dekoriert. Lesen ist eine Schlüsselqualifikation. Ehrenamtliche betreiben in Absprache mit den Heimleitungen die Leseecken."

Ulrike Hövelmann


Spinnen wir zusammen

"1. Massive Mobilisierung von Architekturdiskussionen in deutschen Feuilletons zu Themen wie: "Lager zum Überleben", "Dach über dem Kopf", "Containerstädte", "leerstehende Bürohäuser in Europa".

2. Sofortige Versorgung von Flüchtlingen mit Live-Musik, Jazz, Theater, Workshops. Die müssen auf andere Gedanken kommen können!

3. Deutschland verfügt über einen öffentlich ungenutzten, hervorragenden Personenpool: die Versicherten der Künstlersozialkasse. Warum werden diesen Freiberuflern nicht Sonderkonditionen eingeräumt? Man kann sich zwei Jahre für "Flüchtlingsarbeit" in jeder Form freistellen lassen und wird danach für diese zwei Jahre wieder versichert, damit man wieder Künstler, freier Journalist, Schauspieler sein kann.

4. Der Flüchtlings-Krise sollten vorübergehend TV-Formate angepasst werden, es ließen sich auch neue entwickeln. Ganz wichtig: Singen. Ich will also jetzt, dass RTL mit Dieter Bohlen & Co. Menschen in Flüchtlingslagern und Deutsche zum Heulen bringt! Singt uns was Arabisches oder was Afrikanisches!

5. Ich hätte gerne, dass Helene Fischer zu Weihnachten irgendetwas mit einem Araber singt. Ja genau: irre und abwegig! So wie die Lage eben. Nur eines will ich nicht mehr hören müssen: NEIN, das geht nicht."

Henning Kniesche




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notbehelf 29.11.2015
1. willi Brendle
Flüchtlings-Start-Ups "Gibt es eine Möglichkeit, Flüchtlinge dabei zu unterstützen, Start-Ups zu gründen? Viele haben sicher gute Ideen, die mit ihrer eigenen Situation oder ihren Herkunftsländern zu tun haben. So könnte man Flüchtlinge unterstützen, die innere Motivation stärken und nutzen - und gleichzeitig Verbindungen zur Start-Up-Szene in Deutschland schaffen. Sicher wird aus einigen der Ideen ein längerfristiger Erfolg werden, der Arbeitsplätze schafft und Deutschland und Europa wettbewerbsfähiger macht." Ganz einfach: leihen Sie den Flüchtlingen das Startkapital.
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