Gegenwartsbefund von Francis Fukuyama Es geht um Würde, nicht um Wirtschaft

Wie kaum ein anderer Autor seziert Francis Fukuyama die großen gesellschaftlichen Umbrüche. In "Identität" erklärt er, warum Linke sich verzetteln und damit Rechten den Schulterschluss ermöglichen. Eine bedrückende Lektüre.
Stahlarbeiter bei einer Demonstration in New York

Stahlarbeiter bei einer Demonstration in New York

Foto: Mario Tama/ Getty Images

Es ist möglicherweise das wichtigste politische Buch des Jahres, und um es gleich vorwegzunehmen: Einer linksliberalen Leserschaft wird es keine guten Gefühle bereiten. Berühmt wurde der Autor Francis Fukuyama 1989 durch seinen Essay "Das Ende der Geschichte", in dem er den Zusammenbruch der Sowjetunion als Zeichen dafür deutete, dass das Zeitalter der Ideologien vorbei sei. Mit seinem neuen Buch ruft er nun das Ende der Demokratie aus. Oder zumindest ihren Dämmerzustand.

Verantwortlich dafür macht der US-Politologe eine hochaktuelle Technik gesellschaftlicher Gestaltung: die Identitätspolitik. Also den Kampf von Gruppen, die durch spezifische ethnische, sexuelle oder kulturelle Merkmale geeint werden, um Anerkennung, Einfluss und, vor allem, Würde.

Fukuyamas Befund ist berückend einfach und bestürzend pessimistisch: Während sich die Linke in verschiedenen, scheinbar oft gegeneinander wirkenden identitätspolitischen Themen wie Migration, Inklusion oder Gendergerechtigkeit aufsplittert, findet die Rechte im Nationalismus eine große, vereinende Erzählung. Daher der Wahlerfolg von Trump in den USA, der Abschied der Briten von Europa, der Siegeszug der Rechtspopulisten in allen Teilen der Welt.

Francis Fukuyama

Francis Fukuyama

Foto: Daisuke Tomita/ AP

Fukuyamas Buch, in dem er das Leitmotiv der Würde mit langem Atem von der antiken Philosophie bis zu aktuellen sozialen Bewegungen wie #MeToo durchspielt, lädt bei aller ideengeschichtlicher Epik zu einem polemisch verkürzten Blick auf die Gegenwart ein: Links verschärft das, nun ja, identitätspolitische Klein-Klein die Erosion der Mehrheitsgesellschaft, rechts werden jene, die ihre Zugehörigkeit zu dieser erodierenden Mehrheitsgesellschaft flöten zu sehen glauben, in großen nationalistischen Bewegungen gesammelt.

Also links Vereinzelung, rechts Schulterschluss? Ganz so einfach ist es dann doch nicht. Schon im Oktober letzten Jahres veröffentlichte Fukuyama eine essayistische Fundamentalkritik an der Identitätspolitik  im SPIEGEL, seine nun als Buch erscheinenden Thesen formulierte er unter dem direkten Einfluss der Trump-Wahl und der Brexit-Abstimmung. Die aus dieser aufgeladenen Situation abgeleitete gesellschaftliche Vorhersage ist extrem zugespitzt, abweichende aktuelle politische Phänomene werden von Fukuyama nicht berücksichtigt.

Hoffnung im Linkspopulismus?

Zum Beispiel Alexandria Ocasio-Cortez. Eine Politikerin wie die demokratische Abgeordnete kommt in der Zwangsläufigkeit der Demokratiedämmerung, wie sie Fukuyama beschreibt, als Möglichkeit gar nicht vor. Ocasio-Cortez ist Sozialistin, Kind puerto-ricanischer Einwanderer, war vor ihrer Politikkarriere prekär beschäftigt und solidarisiert sich immer wieder mit den Anliegen der LGBT-Community; sie ist also in mehrfacher Hinsicht als identitätspolitische Aktivistin unterwegs. Gleichzeitig erscheint sie für die sich abgeschlagen glaubenden weißen Arbeiter wählbar, die in ihr eine Vertreterin der eigenen Schicht sehen. Minderheitenrechte und Mehrheitsgesellschaft, das geht in ihrem Sprechen und ihrem Handeln zusammen. Dafür wird Ocasio-Cortez Hoffnung der Demokraten genannt. Oder Linkspopulistin.

Alexandria Ocasio-Cortez

Alexandria Ocasio-Cortez

Foto: J. Scott Applewhite/ dpa

Doch auch wenn bereits zur Veröffentlichung von "Identität" zeitaktuelle Erscheinungen von Fukuyamas Prognose abweichen - sie liefert ein wichtiges Instrumentarium, um die Aushöhlung jahrzehntelang funktionierender Konsens- und Diskursmodelle nachzuvollziehen. Auch deshalb, weil Fukuyama das Wanken der liberalen Demokratien nicht auf äußere Angriffe, sondern auf ihre innere Verfasstheit zurückführt, auf ihre Seele sozusagen.

Das Ur-Streben aller politischen Belange

Als zentral für das Wesen der Demokratie hält er das, was Platon in seinem Werk "Der Staat" Thymos nennt: Fukuyama sieht darin das Verlangen nach Würde, die bewusste oder unbewusste Sehnsucht von den anderen gesehen und wertgeschätzt zu werden. Es ist sozusagen das Ur-Streben hinter allen demokratischen politischen (und demnach auch allen identitätspolitischen) Belangen.

Mit Kant, Rousseau und Hegel zeichnet Fukuyama schließlich nach, dass es dabei nicht um interessengeleitetes Handeln, sondern wertebasiertes Verhandeln geht. Liberale Demokratien, das heißt für Fukuyama: Menschen sind Akteure, die durch ihr moralisches Handeln politische Macht verdienen. Teilhabe ist das Zauberwort.

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Fukuyama, Francis

Identität: Wie der Verlust der Würde unsere Demokratie gefährdet

Verlag: HOFFMANN UND CAMPE VERLAG GmbH
Seitenzahl: 240
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28.11.2022 09.09 Uhr

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Dabei geht es eben nicht vornehmlich um wirtschaftliche Aspekte. Der Satz "It's the economy, stupid!", mit dem der Demokrat Bill Clinton 1992 die US-Präsidentschaftswahlen gewann, um dann vor allem über die Finanzpolitik zu punkten (und letztendlich den späteren Niedergang der Demokraten einzuläuten), ergibt nach Fukuyama keinen Sinn im politischen Gestaltungsprozess. Stattdessen müsste es heißen: Es geht um die Würde, Dummkopf! Oder eben doch um beides: wirtschaftliches Wohlergehen und öffentliche Anerkennung. Bezeichnenderweise stellte Adam Smith, der Begründer der klassischen Nationalökonomie, den Fukuyama als Stichwortgeber heranzieht, schon im 18. Jahrhundert fest: Der Arme werde aus "dem Gesichtskreis der Menschen" ausgeschlossen.

Sichtbarkeit aber ist das eigentliche Kapital, das einen Menschen zum potenten Mitspieler in Demokratien macht. Diese Sichtbarkeit glauben Vertreter der (echten oder vermeintlichen) Mehrheitsgesellschaft in dem Maße schwinden zu sehen, wie sie die Vertreter von Minderheiten durch ihr identitätspolitisches Handeln einfordern. Ein Vorgang, der nicht auf der Verrechnung von Fakten, sondern auf der von Gefühlen basiert.

Eben das führt zum Erstarken des Rechtspopulismus; mit realen konjunkturellen Schwankungen hat das nichts zu tun. Wie Fukuyama mit Bezug auf den Politikwissenschaftler Samuel Huntington schreibt: "Es sind eben nicht die hoffnungslos Armen, die destabilisierend auf Systeme wirken, sondern Angehörige der Mittelschicht, die ihren Status im Vergleich zu anderen Gesellschaftsschichten einzubüßen fürchten. Die Armen sind mit dem Überleben beschäftigt, aber der Mittelstand, der ausgebildet ist und Zeit für politische Aktivitäten hat, lässt sich mobilisieren."

Eine Analyse, die in Bezug auf die Trump-Wähler im Mittleren Westen genauso zutrifft wie auf die AfD-Wähler in den Speckgürteln Deutschlands. Man muss Fukuyamas pauschales Verdammen der Identitätspolitik nicht unterschreiben - vor den von ihn beschriebenen Fliehkräften der Demokratie fürchtet man sich trotzdem.

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