Ideologie-Krise Warum Linke keinen Humor haben

Können Linke lustig sein? Klar, aber es gibt einen Unterschied zwischen Humor und Witz. Dem Linken geht es immer gleich ums Ganze und die eigentlich ernste Lage. Deshalb, findet Jan Fleischhauer, ist das politische Kabarett so verkrampft - und allein der Konservative darf befreit auflachen.

Können Linke lustig sein? Der Schriftsteller Martin Mosebach, mit dem ich neulich über die Linken und den Humor sprach, hat dazu eine Theorie, und die besagt, kurz gefasst: Nein, sie können es nicht. Wenn die Linken lustig seien, dann wider Willen oder aber in bewusster Distanz zu ihrer Gesinnung. Damit wäre der lustige Linke dann also lustig gegen seine politischen Überzeugungen, ein humorpolitischer Überläufer sozusagen.

Linke Sodann, Lafontaine: Ergriffenheit kennt keine Grenzen

Linke Sodann, Lafontaine: Ergriffenheit kennt keine Grenzen

Foto: DDP

Mosebach ist zum Thema, anders als man vielleicht vermuten sollte, ein bestens geeigneter Gesprächspartner. Da er die größte Zeit seines Lebens in Frankfurt verbracht hat, ist er mehr oder weniger gut mit den meisten Vertretern der sogenannten Neuen Frankfurter Schule bekannt, die sich ab Mitte der achtziger Jahre um die Satirezeitschrift "Titanic" versammelte, also Bernd Eilert, Eckhard Henscheid, Robert Gernhardt, Hans Traxler, F. W. Bernstein und weiteren. Mit Gernhardt verband Mosebach sogar so etwas wie Freundschaft, wenn man bei Gernhardt überhaupt von Freundschaft reden kann.

Merkwürdigerweise halten sich auch die meisten Linken für besonders humorfähig. Als gesellschaftlich bedeutendste Leistung auf diesem Gebiet gilt ihnen die Etablierung des politischen Kabaretts, das Deutschland mit den Mitteln der Satire zu einem liberaleren, toleranteren, demokratischeren Land freigelacht habe und genau da liegt meines Erachtens schon das Problem: Was ist von einem Humor zu halten, der das Land verbessern will? Nicht viel, würde ich sagen.

Tatsächlich funktioniert das SPD-Kabarett bis heute als linkspädagogische Spaßanstalt, bei der den Mächtigen auf die Finger gehauen und den Rechten ordentlich eingeheizt wird. Den aufklärerischen Impetus tragen die sozialdemokratischen Humoreinrichtungen schon im Namen: Sie heißen "Kneifzange", "Distel", "Stachelschweine" oder "Wühlmäuse", denn natürlich geht es dem Selbstverständnis zufolge immer irgendwie subversiv und unbequem zu.

So schunkelt sich das Publikum von Pointe zu Pointe, man lacht über gemeinsame Feinde und erprobte Vorurteile: die Nato will den Krieg, die CDU gehört der Wirtschaft, die Amerikaner sind einfältig und alle Manager Lumpen. Sicher, die vergangenen Jahre waren nicht ganz einfach für das politische Kabarett, erst übernahm Rot-Grün die Regierung, dann gingen ihm mit dem Abtritt von Politikern vom Schlage Kohls und Stoibers die Pappkameraden aus. Angela Merkel eignet sich nicht recht für die Bühne, ihr Witzpotential ist eher gering; jetzt ist auch noch Bush weg, deshalb muss nun die zweite Besetzung herhalten, Ursula von der Leyen, die gestrenge Mutter der Nation, und der gutmütige Verteidigungsminister Franz Josef Jung. Aber das ist nur noch der halbe Spaß.

Bleibt die "Titanic", seit dem Gründungsjahr 1979 Heimstätte der deutschen Hochkomik und gern genannter Beleg für die Humorfähigkeit der Linken. Der Name fällt zuverlässig in jeder Diskussion zum Thema, was einen zurück zum Zeugen Mosebach bringt, der die Qualität mit der ideologischen Desinteressiertheit der Redaktion erklärt, die Komik also gerade auf die Abstinenz von einer politisch eindeutigen Haltung zurückführt. Folgt man Mosebachs Beobachtung der deutschen Humorlandschaft, dann ist der Grund dafür, dass die Linke, wenn sie sich treu bleiben wolle, nicht wirklich komisch sein könne, ihre Zielgerichtetheit. "Die Linke schreckt zurück vor dem Abgrund der Absurdität", glaubt er. Wenn der Linke eine Humorbombe zünde, habe der Humor-TÜV zuvor sicher gestellt, dass sie garantiert nur in eine Richtung explodiere.

Von Linken wird schon im zweiten Satz verlangt, dass ihnen das Lachen im Halse stecken bleiben müsse. Das ist der humorpolitische Imperativ jeder gehobenen Kabarettsendung, er ergibt sich aus dem Anspruch an die Lebensführung. Der Konservative darf Freude an einfachen Lebensgenüssen haben, an schnellen Autos, ungesundem Essen und dekadentem Umgang, das nimmt niemand krumm, schließlich gilt der Reaktionär als von der Welt verdorben, weshalb ja auch nach der Machtübernahme des Sozialismus das Umerziehungslager auf ihn wartet. "Von einem Franz Josef Strauß hat kein Mensch, sagen wir vorsichtiger, kein Linksintellektueller erwartet, dass er zuerst an die Allgemeinheit und zuletzt an sich denkt", hat Martin Walser in einer Rede an der Humboldt-Universität über Kritik und "Kritikroutine" festgestellt.

Auf dem Linken lasten andere Ansprüche, etwas Feineres, Besseres soll er bewirken. Deshalb ist seine Lebensweise auch grundsätzlich rechtfertigungsbedürftig, weniger beim Volk, das hat sich für solche Details nie wirklich interessiert, aber bei den eigenen Leuten. Der Linke muss immer fürchten, dass jemand hinter ihm steht und die Trauben nachzählt, die er sich in den Mund schiebt - deshalb ist es kein Wunder, dass er mitunter etwas zwanghaft wirkt, so etwas schlägt aufs Gemüt.

Einige haben versucht, dem pietistischen Bescheidenheitsgebot durch demonstrativen Genuss zu entkommen. Sie haben sich, wie Gerhard Schröder, in Brioni-Anzüge geworfen und Pferdelederschuhe von Alden bestellt, Joschka Fischer besitzt seit kurzem eine Villa im Grunewald, aber immer haftet diesen Ausbruchsversuchen etwas Unfreies, eigenartig Fremdbestimmtes an, so als müsste man nachträglich beweisen, wie unabhängig man sich fühlt. "Typisch Neureich" hieß bei uns Zuhause der demonstrativen Genuss, der die gesellschaftliche Unsicherheit des Aufsteigers verrät.

Wenn das Gefühl regiert, ist der Humor am Ende

Man kann auch sagen: Die Linke nimmt sich selber zu ernst, um wahrhaft komisch zu sein. Es geht hier nicht darum, ob einer gekonnt Witze zu erzählen vermag; niemand würde behaupten wollen, dass Linke nicht gesellig sein können, auch sehr amüsant. Aber aus gutem Grund wird Humor vom Scherz unterschieden. Er entsteht aus dem Gefühl der Unzulänglichkeit, seinen Reiz bezieht er aus der künstlichen Verdoppelung der Schwäche, nicht dem Überlegenheitsgefühl.

Irgendein Missverständnis hat vor Jahren aus Woody Allen, dem Großmeister der ironischen Selbsttröstung, einen Liebling der Linken gemacht, dabei ist sein Humor ein Paradebeispiel für eine Form von Komik, die ihre Antriebskraft aus dem Absurden bezieht. "Das Essen ist furchtbar hier, und die Portionen sind zu klein" - kann man ein Grundproblem menschlicher Existenz besser auf den Punkt bringen? In jedem Fall ist Allens Witz meilenweit entfernt von den Kabarettspäßen, die von der Verballhornung eines Namens leben, der Stimmenimitation oder den Scherzen über die Leibesfülle eines Politikers. Als "Flucht vor der Verzweiflung" hat der britische Dramatiker Christopher Fry Humor definiert; das setzt allerdings voraus, dass man dieses Gefühl wenn schon nicht teilen, dann doch nachempfinden kann.

Der Konservative steht staunend vor der Unvernunft der Welt, aber er akzeptiert sie kopfschüttelnd als Tatsache des Lebens. Der Linke nimmt sie als Beleidigung. Das ist gut für bissige Sottisen, auch für gelegentlichen Sarkasmus und Spott - aber kaum für den heiteren Pessimismus und die Selbstironie, ohne die es keinen wahren Humor geben kann. Außerdem neigt der politische Überzeugungstäter zur dramatischen Weltsicht und damit einer seelischen Aufgewühltheit, die Gift für jeden Witz ist.

Wer laufend gegen das Unrecht kämpft, gegen übermächtige Feinde und böse Machenschaften, dessen Gemütszustand ist naturgemäß eher angespannt. Diese Grundnervosität hat durchaus vorteilhafte Seiten: Der Kampf gegen drohendes Unheil gibt dem Leben eine Richtung, was bei der Nachwuchsgewinnung äußerst hilfreich sein kann; der Reiz, den die Einschreibung bei den Linken ausübt, hängt unzweifelhaft mit ihrer Erregungsbereitschaft zusammen.

Nur führt die nervöse Weltsicht auch dazu, dass sich die Perspektiven verschieben und die Beobachtungsgabe leidet, was Humor leider nie gut bekommt. Eine Folge aus dem "Herrn der Ringe" reicht als Anschauungsmaterial, um zu wissen, wie sich Überzeugungslinke schon morgens fühlen, wenn der Tag noch nicht einmal richtig begonnen hat. Es geht gleich wieder ums Ganze, überall lauern Gefahren, immer steht der Weltfrieden auf der Kippe, dabei ist noch nicht einmal der Kaffee ausgetrunken.

Hinzu kommt eine unselige Neigung zum "Authentischen", eine "Intimisierung der Politik" (Cora Stephan), die neben die gesellschaftliche Realität die gefühlte Wirklichkeit treten ließ, deren Signaturbegriff die "Betroffenheit" ist. Wenn das Gefühl regiert, ist der Humor am Ende. Was bleibt ist Kitsch. "Zieh die Schuhe aus/ die schon so lange dich drücken/ lieber barfuß lauf/ aber nicht auf ihren Krücken" sang die Frauen-Combo Schneewitchen 1978 in ihrem Lied "Unter dem Pflaster liegt der Strand", was die SPD-Abgeordnete und spätere Bildungsministerin Gisela Böhrk so ergreifend fand, dass sie den kompletten Text im schleswig-holsteinischen Landtag vortrug.

Das Protokoll verzeichnet Heiterkeit bei der CDU-Fraktion und die Zurechtweisung der Lacher durch den SPD-Fraktionsführer Klaus Matthiesen, sie hätten von Lyrik "nichts begriffen und von Literatur auch nichts". Fünf Jahre später trat die Gruppe Gänsehaut in der ZDF-Hitparade mit ihrem Umweltsong "Karl der Käfer"auf ("Karl der Käfer wurde nicht gefragt, er wurde einfach fortgejagt"), womit der Anschluss an den Massengeschmack gelungen war. Diesmal lachte niemand mehr.

Mit Kitsch verhält es sich wie mit Pornografie: Er ist schwer zu definieren, aber man erkennt ihn sofort, wenn man ihn vor sich hat. Der röhrende Hirsch der Linken sei der singende Wal, hat der Kulturkritiker Gerhard Henschel angemerkt, der unter dem Titel "Das Blöken der Lämmer" eine bis heute tränentreibende Blütensammlung vorlegte. Kitsch entsteht aus dem Versuch, der großen Sache durch große Worte noch mehr Bedeutung zu verleihen und dem Innigen besondere Innigkeit, deshalb kommen die fleißigsten Kitschproduzenten seit Jahren verlässlich aus dem linken Milieu.

An herausgehobener Stelle sind hier Herbert Grönemeyer, Wir sind Helden und Erich Fried zu nennen, Günther Wallraff nicht zu vergessen, der kürzlich eine Spätprofessur für Armutsreportagen bei der "Zeit" antreten durfte und sich mit solch unsterblichen Zeilen wie "Heinrich Böll ist tot/ Es wird dunkler und kälter/ mitten im Sommer/ ...Widerstand leisten!/ Nicht erst, wenn's zu spät ist/ in Diktaturen" verewigt hat.

Ergriffenheit kennt keine Grenzen, und der Polit-Kitsch verbindet die Linke auch global. Lauschen wir deshalb zum Schluss für einen Moment in das Gedicht, dass sich US-Präsident Bill Clinton zu seiner Amtseinführung 1993 von der Autorin Maya Angelou gewünscht hat:

"Der Fluss singt und singt.
Es gibt eine wahre Sehnsucht nach Kommunikation mit
Dem singenden Fluss und dem weisen Fels.
Das sagen der Asiate, der Hispanic, der Jude,
Der Afroamerikaner und der Ureinwohner der Sioux,
Der Katholik, der Muslim. Der Franzose, der Grieche,
Der Ire, der Rabbi, der Priester, der Scheich,
Der Schwule, der Hetero, der Prediger, Der Privilegierte, der Obdachlose, der Lehrer
Sie hören. Sie alle hören
Die Worte des Baums."

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