Idomeneo-Debatte "Das Abschlagen von Köpfen ist nicht trivial"

Die Erregung flaut nicht ab. Zehn Tage nach der Absetzung der Mozart-Oper "Idomeneo" gab es in der Berliner Oper eine Podiumsdiskussion darüber, wie es weiter gehen soll. Ein Bischof fiel aus dem Rahmen des Redens über Göttliches und Menschliches.
Von Henryk M. Broder

Berlin - "Ich komme mir vor wie im absurden Theater", raunt die Berliner Schriftstellerin Sophie Dannenberg ("Das bleiche Herz der Revolution"), "ich frage mich nur, von wem ist das Stück: Beckett oder Ionesco?"

Das Stück ist eine Podiums-Diskussion in der Deutschen Oper. Der Inhalt ist hinlänglich bekannt: Die Absetzung der Mozart-Oper "Idomeneo" durch die Intendantin Kirsten Harms aufgrund einer vagen Gefährdungsanalyse des Berliner Landeskriminalamtes, die ihr vom Innensenator Ekkehard Körting telefonisch übermittelt wurde. Szenen der Inszenierung, so hieß es in dem LKA-Papier, stellten "derzeit ein unkalkulierbares Sicherheitsrisiko für das Haus" dar, "Störungen der Aufführungen" könnten "nicht ausgeschlossen werden".

Also wurde die Inszenierung, bei der am Ende die abgeschlagenen Köpfe von Buddha, Poseidon, Mohammed und Jesus gezeigt werden, aus dem Programm genommen. Zugleich mit der "Spielplanänderung" bat der Pressesprecher der Deutschen Oper die Berliner Journalisten, "davon abzusehen, über den Sachverhalt der Inszenierung zu berichten", um die Sache nicht "unnötig" hochzuspielen. Denn: "Wir kennen die Auswirkungen des Karikaturen-Streits. Wir sind der Meinung, dass damit auf keinen Fall gespaßt werden darf und hoffen auf ihre Unterstützung."

Die Bitte, den Fall diskret zu behandeln, verhallte ungehört. Der Skandal war da. Seit zehn Tagen wird in Berlin nur noch darüber diskutiert, ob es richtig oder falsch war, "Ideomeneo" abzusetzen, ob es sich um eine begründete Vorsichtsmaßnahme oder um einen Akt vorauseilender Kapitulation handelte und wer für das Desaster verantwortlich ist: Die Intendantin, der Kultursenator, der Innensenator?

Fürsorgepflicht siegt

Und so saßen sie Sonntag Mittag alle friedlich miteinander auf der Bühne der Deutschen Oper, um sich darüber zu unterhalten, warum das Kind in den Brunnen gefallen ist und wie der Unfall hätte vermieden werden können: Die Intendantin, der Kultursenator, der Innensenator, dazu der Berliner Integrationsbeauftragte, der Vorsitzende des Rats der Evangelischen Kirche in Deutschland, der Intendant des Hamburger Thalia-Theaters, ein ehemaliger amerikanischer Botschafter und eine Islamwissenschaftlerin. "Wir wollen heute keine Schuldfragen stellen", stellte der Moderator Eike Gebhardt gleich zu Anfang klar, und bat die Intendantin, "in drei Sätzen" zu sagen, "wie es zu dieser Entscheidung gekommen war".

Natürlich reichten drei Sätze nicht aus, denn die Situation war, wie immer betont wurde, überaus "komplex". Sie sei dreimal vom Landeskriminalamt angerufen worden, erinnerte sich Frau Harms, beim ersten Anruf wurde sie gefragt, ob sie ein Stück aufführen wolle, in dem der "Prophet Mohammed sich nackt auszieht und dann geköpft wird". Von Anfang sei klar gewesen, "dass es ein Thema sein würde".

Später habe sie der Innensenator angerufen und um eine "Abwägung" gebeten, "zwischen dem, was meine Aufgabe ist, nämlich die Kunst zu schützen, und einer Fürsorgepflicht für das Publikum und meine Mitarbeiter". Sie habe sich für die Fürsorgepflicht entschieden. "Was wäre passiert, wenn etwas passiert wäre? Hätte ich anders entscheiden dürfen?" Der Beifall, mit dem das Publikum ihre Fragen beantwortet, zeigt, dass ihre Entscheidung gebilligt wird.

Aber Kunst sei doch "eine Enklave für Alternativen zum Bestehenden, ein Labor für Grundlagenforschung", hält Moderator Gebhardt dagegen, und Kultursenator Thomas Frierl, an der Entscheidung der Intendantin nicht beteiligt, gibt ihm in seinen eigenen Worten Recht. Es gehe um die "Gewährung eines Raumes für verantwortungsvolle Kunstausübung", man müsse das "Institutionsgefüge verteidigen" und den "interkulturellen Dialog" anregen, worauf sein Kollege, der Innensenator, an die "Emotionalisierung im Karikaturenstreit" erinnert und die Analyse der Kriminalisten vom LKA mit dem Hinweis verteidigt, die Aufführung hätte zu "Weiterungen" führen können, weit über die Berliner Kulturlandschaft hinaus. Allerdings räumt er ein, es wäre "sinnvoller gewesen, vorher darüber zu diskutieren".

Auch seine späte Einsicht wird mit Beifall belohnt. Eike Gebhardt unternimmt eine Provokation - mündige Bürger könnten doch selbst entscheiden, was sie auf der Bühne sehen wollen, sie brauchen "keine Fremdbestimmung, auch keine göttliche".

So mäandert die Debatte eine Weile zwischen dem Menschlichen und dem Göttlichen, der Freiheit der Kunst und der Pflicht zur Rücksichtnahme auf religiöse Gefühle hin- und her, bis ausgerechnet Bischof Huber sie aus dem Metaphysischen auf den Boden der Realität holt.

"Jesus, Mohammed und Buddha haben neben Poseidon nichts zu suchen", das hätte der Regisseur wissen müssen, der immerhin so viel "Kontextsensibilität" hatte, dass er es unterließ, auch Moses zu enthaupten, wissend, dass man ihm das übel genommen hätte. Und es ist Huber, der sich gegen den Integrationsbeauftragten ("Das Stück ist integrationspolitisch kontraproduktiv") und gegen die Islamwissenschaftlerin ("Die Muslime fühlen sich bevormundet") zu Wort meldet und den engagierten Platitüden ("Die Kunst hat die Aufgabe, den Finger in die Wunde zu legen") ein paar Erkenntnisse entgegensetzt, die über die Tagesaktualität hinaus reichen. Das Christentum habe in einem langen Prozess Abstand von der Gewalt gewonnen, "das Abschlagen von Köpfen ist nicht trivial, auch wenn die Köpfe aus Pappe sind", diese "Leidensgeschichte" habe der Islam noch vor sich.

"Es gibt einen Klärungsbedarf, der in die Mitte des Islam zielt und nicht nur an die Ränder. Wie steht es mit der Religionsfreiheit im Islam, nicht nur in Saudi-Arabien, auch in der Türkei? Wie steht es mit der Stellung der Frau in der Mitte des Islam?" Man müsse sich nicht nur "von falschen Feinbildern sondern auch von falschen Verharmlosungen verabschieden". Zugleich plädiert Huber gegen eine "Ausweitung des Blasphemiebegriffs", egal welcher Gott beleidigt wird.

Kein Thema in der arabischen Welt

Der Diener Gottes verteidigt eine säkulare Ordnung, die auf der Trennung von Staat und Kirche basiert, während die Islamwissenschaftlerin darauf besteht, dass "Idomeneo" eigentlich "eine koranische Geschichte" ist und der Kultursenator erlöst werden möchte: "Wir brauchen diese Aufführung um unserer selbst Willen!"

Der absolute Höhepunkt der Debatte, die wie jede Debatte im Kreise verläuft, ist die Erklärung des Innensenators, er habe sich auch heute wieder die Website von "Al-Dschasira" angesehen und dort nur "eine Meldung" zum Berliner Opernstreit gefunden, "sonst nix". Womit vermutlich auch geklärt wäre, wie die "Gefährdungsanalysen" des Landeskriminalamtes zustande kommen. Auch die Islamwissenschaftlerin gibt Entwarnung: "Bisher war das kein Thema in der arabischen Welt." Und die Intendantin wünscht sich "ein schlüssiges Sicherheitskonzept", bevor die Oper wieder auf den Spielplan kommt.

Manchen Besuchern ist das nicht genug. "Diese Inszenierung beleidigt Mozart und die Muslime", ruft einer aus dem Saal, "ich möchte, dass meine Kinder und Enkel in Ruhe zur Schule gehen können!"

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