Idomeneo in Izmir "Sollen wir etwa Shakespeare zensieren?"

In der Türkei gibt es einen Mann, der den Berliner Rummel um die "Idomeneo"-Inszenierung lächerlich findet. Mehmet Ergüven ist gerade dabei, seine eigene Inszenierung der Mozart-Oper fertigzustellen. Dabei muss er sich mit ganz anderen Problemen als die Deutsche Oper herumschlagen.

Von Dilek Zaptcioglu, Istanbul


"So viel Werbung hätten wir nie machen können für dieses schwierige Stück", sagt der erfolgreiche Künstler und plant jetzt, zur türkischen Uraufführung am 13. Januar 2007 in Izmir auch die hochrangigen Politiker des Landes einzuladen.

Umstrittene Berliner Operninszenierung "Idomeneo": Kritik an der Schöpfung der Götter
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Umstrittene Berliner Operninszenierung "Idomeneo": Kritik an der Schöpfung der Götter

Der säkulare Staatspräsident Ahmet Sezer kommt bestimmt - aber ob auch Ministerpräsident Tayyip Erdogan die Operneinladung annimmt? Die Oper ist in den Augen der gläubigen Muslime eines der wichtigsten Symbole der westlichen Kunst – oft unverständlich, für Fundamentalisten nichts als verwerflich. Umso mehr fühlen sich die prowestlichen Kräfte der Türkei berufen, die "Opera" als eine Kulturbastion zu verteidigen. So wird "Idomeneo" auch in der islamischen Türkei zu einem Politikum: Wer die Oper liebt, bejaht das Leben und befürwortet den Zweifel an Göttern als Schöpfer der modernen Zivilisation.

In der sonnigen Hafenstadt Izmir arbeiten drei Männer emsig an der Verbreitung dieser Kunst. Der 60-jährige Opernregisseur Mehmet Ergüven, der sein Studium in München abschloss, hat zwei Deutsche an seiner Seite. Der Dirigent Winfried Müller und Chordirektor Hans-Joachim Gallus bestücken das Repertoire der Staatlichen Oper an der Ägäis mit den Klassikern: "La Traviata", "Tosca", "Falstaff", "Figaros Hochzeit", "Norma" und "Carmen" zieren den diesjährigen Spielplan.

Parallelgesellschaft wie aus dem Bilderbuch

"Idomeneo" soll im Stil ihrer Münchner Uraufführung im kommenden Jahr viermal gespielt werden. Nach der "großen Reklame" für das Stück könnten es auch acht Termine werden. Denn im bürgerlich-weltoffenen Izmir gibt es eine Menge Opernliebhaber, die Karten sind immer ausverkauft. Allerdings hat die Mehrheit der Türken noch nie im Leben eine Oper besucht - eine Parallelgesellschaft wie aus dem Bilderbuch.

Die Absetzung des Stücks in Berlin finden die türkischen Opernkünstler "inakzeptabel und lächerlich". Es sei Geschmackssache, ob man solche "Schock-Inszenierungen" mag oder nicht. In Europa sei das in den vergangenen Jahren immer mehr in Mode gekommen und nicht unumstritten. Über jede Kritik erhaben bleiben jedoch die Inhalte: Ergüven erinnert daran, dass Othello mit seinem ersten Satz seine Freude über die Versenkung der "Muselmanen" im Meer beginnt. In Falstaff, das in Izmir auf dem Spielplan steht, wird viel über die Türken gespottet. "Idomeneo" zielt auf die Kritik an den Göttern.

"Sollen wir etwa Shakespeare zensieren? Das ist doch absurd!", sagt der Regisseur: "Diese Werke wurden in ihrer Zeit so geschrieben und sind heute nur noch Kunst. Wir müssen darüberstehen und zivilisiert genug sein, sie auch zu verstehen."

Das Haus plante ursprünglich eine Konzertserie mit Arien aus "Idomeneo". Ergüven macht klar, dass die Inszenierung für ihn schwierig ist: "Es gibt hier kaum Ensembles. Es sind sehr schwere, sehr lange Arien - ich habe mich deshalb lange nicht an dieses Stück herangewagt." Eigentlich ist er als Allround-Talent nicht zurückhaltend: Ergüven betätigt sich nebenbei als angesehener Kunstkritiker und Autor. Für seine Essaysammlung "Die listige Haut" ("Pusudaki Ten"), in der er auf hochintellektuellem Niveau über Erotik nachdenkt und etwa über das "Leibphänomen" Heideggers sinniert, wurde er wegen Obszönität angeklagt - aber wieder freigesprochen.

"Ich kann damit auch grandios scheitern"

Die türkische Idomeneo-Inszenierung endet zwar nicht mit einem abgeschlagenen Mohammed-Kopf, gilt dem Regisseur aber trotzdem als "große Herausforderung": "Ich kann damit auch grandios scheitern." Die Berliner Inszenierung von Hans Neuenfels gefällt ihm nicht, das Publikum nehme die totale Entfremdung der Stücke nicht immer mit Begeisterung auf. So habe es in Berlin auch erst mal Buh-Rufe gegeben, als die blutigen Köpfe aus dem Sack rollten.

In einem Land wie der Türkei, wo jede neue klassische Operninszenierung als Erfolg und Fortschritt gewertet wird, haben solche kalkulierten Skandale noch keinen Platz. Mit Stolz erinnert man sich an die Operndiva Leyla Gencer, die lange Jahre an der Mailänder Scala arbeitete und 1968 dort den schweren Part der Elettra in "Idomeneo" spielte.

Müller und Gallus sind nicht die ersten deutschen Gastarbeiter an türkischen Theater- und Opernhäusern. "Wie Jupp Derwall den türkischen Fußball voranbrachte, haben andere Deutsche unsere Oper begründet", sagt Ergüven völlig frei von Komplexen und lobt die Disziplin der deutschen Dirigenten und Chorleiter. Materielle Gründe gibt es für ihr Engagement jedenfalls nicht: Winfried Müller verdient hier nur etwa 700 Euro im Monat. Dafür ist er gerade im anatolischen Eskisehir unterwegs, wo er das örtliche Symphonieorchester einübt.

Deutsche waren es auch, die Mitte der dreißiger Jahre in der Hauptstadt der jungen Türkischen Republik das erste Konservatorium gründeten: Der Berliner Opernintendant Carl Ebert kam 1935 nach Ankara und baute in neun Jahren harter Arbeit das erste türkische Opernstudio auf. Die allererste Aufführung eines musikalischen Stücks geht jedoch bis ins 16. Jahrhundert zurück. Sultan Murad III. lud italienische Ensembles öfter in seinen Palast ein. Ausgerechnet Mozarts "Die Entführung aus dem Serail" ist bis heute unveränderliches Eröffnungsstück des Istanbuler Musikfestivals im Sommer geblieben - und die Bühne stets der Topkapi-Palast.

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