Iffland-Ring für Jens Harzer Er zerrt an den Worten, dehnt, singt und zelebriert sie

Niemand kann so schön die Sprache dehnen, niemand die Einsamkeit seiner Figuren so spürbar machen: Thalia-Schauspieler Jens Harzer ist ein würdiger neuer Träger des Iffland-Rings. Das Porträt.

Jens Harzer in "Der Schimmelreiter" (2016)
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Jens Harzer in "Der Schimmelreiter" (2016)


Wie gut, dass der Schauspieler Jens Harzer gerade erst zwei seiner raren Fernsehauftritte hatte. So kann man Menschen, die nicht ins Theater gehen - und das sind dann doch die meisten -, erklären, wer das denn ist, der da mit dem Iffland-Ring ausgezeichnet wurde als "bedeutendster und würdigster Bühnenkünstler des deutschsprachigen Theaters": Harzer ist der, der in der zweiten Staffel von "Babylon Berlin" den geheimnisvollen, im Krieg entstellten Hypnosearzt spielt. Und in der letzten "Tatortreiniger"-Folge den grandios öligen Pförtner zur Hölle.

Der Iffland-Ring ist eine traditionsreiche und persönliche Auszeichnung. In ihrem Reglement ist sie aber grausam: Um sie zu erhalten, muss der bisherige Träger des Rings sterben. Der Schauspieler Bruno Ganz, der das diamantbesetzte Schmuckstück mehr als 20 Jahre lang besaß, starb im Februar. Am Freitag, zwei Tage nach der Zürcher Trauerfeier für Ganz, wurde bekannt gegeben, wen er testamentarisch als seinen Nachfolger bestimmt hatte: Jens Harzer, 47, Ensemblemitglied des Hamburger Thalia Theaters.

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Fotostrecke: Jens Harzer erhält den Iffland-Ring

In Harzer muss das ein Gefühlschaos ausgelöst haben - für ihn war der Schweizer Schauspieler eine künstlerische Vaterfigur. Harzer war es, der in Zürich die Trauerrede auf Ganz verlas, weil der Autor Botho Strauß sie selbst nicht halten konnte. So bat der neue Iffland-Ring-Träger denn im ersten Statement um Verständnis, dass er zunächst nichts anderes tun wolle, "als an Bruno Ganz denkend auf die Bühne gehen und Theater spielen".

Der Iffland-Ring mit einem von Bruno Ganz handschriftlich verfassten Brief, der Jens Harzer als seinen Nachfolger bestimmt
Bundeskanzleramt/ DPA

Der Iffland-Ring mit einem von Bruno Ganz handschriftlich verfassten Brief, der Jens Harzer als seinen Nachfolger bestimmt

Harzer steht, auch darin seinem Vorbild Ganz ähnlich, ungern als Privatperson im Rampenlicht. Auf der Bühne dagegen gehört er bereits seit mehr als 20 Jahren zu den auffälligsten und ungewöhnlichsten Schauspielern im deutschsprachigen Raum. Wie Ganz ist er kein Berserker. Es gelte immer, hat er einmal gesagt, die Scham und Scheu vor dem Auftritt zu überwinden.

Aber dann kommt bei Harzer die Verwandlung. Von "Risiko" und "Geheimnis" spricht er, wenn er in die andere Welt eintaucht, in der andere Regeln für Zeit, Sprache und Beziehungen gelten. Manchmal meint man, ihm beim Schlussapplaus den Unwillen anzusehen, diese Welt wieder zu verlassen.

Die Sprache ist Harzer wichtiger als den meisten anderen Schauspielern seiner Generation. Er zerrt an den Worten, er fordert sie heraus, dehnt, singt, zelebriert sie. Seine Auseinandersetzung mit dem Text hört nicht auf, wenn er seinen Part beherrscht, man kann ihm beim Durchdenken und Durchdringen der Worte auf der Bühne zuschauen, wenn er sie mit seiner hohen, bisweilen kurz vor dem Kippen stehenden Stimme spricht.

Manche nennen das manieriert, aber kaum einer bestreitet, dass daraus eine ungewöhnliche Präsenz entsteht. Sein halbstündiger Monolog als mittlerer der "Brüder Karamasow" (2013 am Thalia Theater, Regie Luk Perceval) war nur einer von vielen legendären Kraftakten dieser Art.

Komik und Leichtigkeit, die einem das Herz zerreißt

Harzers Figuren - von Ibsens Peer Gynt über Schillers Marquis Posa und Büchners Woyzeck bis zu Peter Handkes Erzählerfigur in "Immer noch Sturm" - sind meist von einer Grundfreundlichkeit im Auftreten, die nicht zu verwechseln ist mit Harmlosigkeit. Harzer spielt meist Außenstehende, die das Geschehen mit einer durchaus Überlegenheit demonstrierenden Distanz betrachten.

Niemand kann unter verstrubbelten Haaren so schief-ironisch lächeln wie Harzer. Und niemand kann die Einsamkeit solcher Figuren so körperlich spürbar machen. Unvergesslich sein Monolog als melancholischer Arzt Astrow in Jürgen Goschs "Onkel Wanja"-Inszenierung von 2008, die noch immer am Deutschen Theater Berlin gespielt wird: Da hält er seiner gelangweilten, für ihn unerreichbaren Liebe einen Vortrag über die Zukunft der russischen Wälder - und jeder hört an seiner Stimme, sieht in seinen Gesten, dass es eigentlich um etwas anderes geht. Nur die Frau natürlich nicht. Das hat bei aller Tragik eine Komik und eine Leichtigkeit, die einem das Herz zerreißt.

Proben "mit schlagendem Herzen"

Berlin war für Harzer nur eine Zwischenstation. Ausgebildet an der Münchner Falckenberg-Schule, kam er als Schauspielstudent an die Münchner Kammerspiele - und spielte dort 1996 die ihn prägende Rolle des Telemach in Botho Strauß' Stück "Ithaka".

Sein Vater Odysseus war niemand anderes als Bruno Ganz. 2001, Ganz hatte den Berliner Theaterpreis erhalten, hielt Harzer die Laudatio. Und erzählte von der Begegnung in München; wie er bei den Proben "mit schlagendem Herzen, still verborgen und doch neben ihm auf der Bühne, beobachten, aufnehmen, studieren, verfolgen" konnte, "fragend schauen und scheu versuchen zu sprechen". Für ihn habe damit "eine gänzlich neue Zeit des Spielens, des Sprechens, des Gehens und Denkens auf der Bühne" begonnen. Später umarmten sich beide mit Tränen in den Augen.

Harzer blieb lange in München beim Intendanten Dieter Dorn, erst an den Kammerspielen, dann am Residenztheater. 2009 ging er ans Hamburger Thalia Theater, wo er bis heute ist. Nachdem er 2017 wegen einer Krankheit mehrere Monate von der Bühne verschwunden war, meldete er sich kraftvoll zurück: In seiner Laudatio auf den jungen Kollegen Steffen Siegmund bei der Verleihung des Boy-Gobert-Preises forderte er von den Stadttheatern, die Schlagzahl an Premieren und Events nicht weiter zu erhöhen und sich auf das zu konzentrieren, worum es im Theater geht: ums Spielen. Dafür brauche es Zeit, Gelassenheit, Angstfreiheit. Längere Probenzeiten.

Ein Aufschrei, nicht als Schrei vorgetragen, sondern mit einer Dringlichkeit, die zeigte, dass die wichtigste Verbindung zwischen den Figuren des Jens Harzer und seiner Person in ihrer Eigenwilligkeit, Eigenständigkeit und Eigensinnigkeit besteht.

Und nun? Spielt Jens Harzer weiter. Ende März wieder den Achill an der Seite von "Penthesilea" Sandra Hüller, eine ganz auf die beiden Stars konzentrierte Kleist-Inszenierung von Johan Simons am Thalia Theater. Und dann noch einmal Kleist: den "Amphitryon", ein kompliziert-komisches Verwechslungsspiel, Regie führt Leander Haußmann. Amphitryons Frau Alkmene wird gespielt von Marina Galic, die auch im "normalen" Leben Harzers Frau ist. Aber darüber spricht der Iffland-Preis-Träger nicht gern. "Wenn Schauspieler anfangen, über ihr Privatleben zu reden", hat er in einem Interview mit dem KulturSPIEGEL gesagt, "schalte ich ab. Sofort. Ich finde das eitel."

Wo Jens Harzer zu sehen ist:

"Der Tatortreiniger: 31" (Staffel 7, Folge 4). u.a. bei Netflix und Amazon.
"Babylon Berlin" (Staffel 2). Bei Amazon und iTunes.

Im Theater:

"Penthesilea" Nächste Vorstellungen am 30. und 31.3. im Thalia Theater Hamburg, weitere Vorstellungen im Mai und Juni.
"Penthesilea" im Schauspielhaus Bochum am 24.3. (ausverkauft) sowie 16. und 20.4.
"Cyrano de Bergerac" Nächste Vorstellung am 1.4. im Thalia Theater Hamburg
"Onkel Wanja" Nächste Vorstellung am 21.4. im Deutschen Theater Berlin (ausverkauft)
"Fountainhead" Nächste Vorstellungen am 27.4. und 4.5. sowie im Juni im Thalia Theater Hamburg
"Amphitryon" Premiere am 11.5. im Thalia Theater. Weitere Vorstellungen am 12., 18. und 19.5. und im Juni

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citizen01 24.03.2019
1. Bruno Ganz hat sicher einen würdigen Nachfolger ausgewählt. Nur:
"Er zerrt an den Worten, er fordert sie heraus, dehnt, singt, zelebriert sie." Das liest sich allerdings gar nicht gut. Manche Darsteller tun genau das, selbstverliebt in die eigene Präsentation und aufdringlich mit der Sprache jonglierend, was ich ausgesprochen nervig und ablenkend finde. Ich vermute, die Beschreibung trifft nicht ganz die Qualität des neuen Trägers des Iffland-Ringes.
House_of_Sobryansky 25.03.2019
2. Angst 4
Ich habe auch Angst vor Sozialisationen, die Spaß an der Ausrottung haben. Man kann nur froh sein, dass diese psycho-fatale Ausgestaltung keine Relevanz hat. Nur eine Evidenz der Bescheidenheit, die natürlich angesichts barocker Entgrenzungen, wie in den 70ern, diese nur mit Retroetikett goutieren und verstehen kann.
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