Ikea-Ausstellung "Democratic Design" Voll auf Konsens eingerichtet

"Billy", "Ektorp", "Ögla": Ikea ist überall, selbst im Museum. "Democratic Design" nennt sich die Schau, die die honorige Münchner Pinakothek der Moderne dem Billig-Möbelgiganten ausrichtet. Das passt zur Krise - aber auch zum Zeitgeist der Anbiederung an Großkonzerne.

Aus München berichtet Jenny Hoch


Im Prinzip müsste man für eine Ausstellung wie "Democratic Design", die eben in der Münchner Pinakothek der Moderne eröffnet wurde, nicht einmal vom Sofa aufstehen. Denn gesehen hat man das alles schon: Einfach den Blick über die heimische Wohnlandschaft schweifen lassen, und schon hat man sie vor Augen, die Evergreens der billigen und praktischen Einrichtung. "Billy"-Regale stehen in stummer Eintracht neben "Klippan"-Sofas und "Poäng"-Sesseln, "Pax"-Schränke teilen sich das Schlafzimmer mit "Lillesand"-Betten und "Sultan"-Matratzen.



Wie heimelig! Man kennt seine Einrichtungsgegenstände mit Namen, und angeblich soll bereits jeder zehnte Westeuropäer in einem Ikea-Bett gezeugt worden sein. Und obwohl es Menschen gibt, die behaupten, richtig erwachsen sei man erst, wenn man das letzte Ikea-Möbel aus Studentenzeiten auf den Sperrmüll gebracht hat, kann man sich doch nur schwer von den guten alten und oft genug wackeligen Stücken trennen.

Seitdem in Eching bei München 1974 das erste deutsche Ikea-Möbelhaus eröffnet hat, dient der gelb-blaue Einrichtungsgigant aus Schweden längst nicht nur zum Einrichten. Das Einkaufen in den labyrinthischen Märkten ist inklusive der anschließenden Stärkung mit klebrigen "Köttbullar"-Klößen zu einem generationenübergreifenden Kollektiverlebnis geworden.

Praktisch demokratisch

Aber passen all diese Möbel mit den putzigen Namen wirklich ins Museum? Noch dazu zu einer honorigen Institution wie der Münchner Pinakothek der Moderne? Fragt man Florian Hufnagl, den Leiter der Neuen Sammlung, die die Ausstellung initiiert hat, heißt die Antwort: "Ja! Der Aspekt des Demokratischen war seit der Industrialisierung im Design immer relevant."

Im Hintergrund stehe ein Ideal, das in Schweden lange vor der Gründung von Ikea 1948 von der Frauenrechtlerin und Reformpädagogin Ellen Key propagiert wurde: "Schönheit für alle". Um geschmackvolle Entwürfe für die Masse ging es also. Ein Programm, das der Ikea-Gründer Ingvar Kamprad zu einem Multi-Milliarden-Euro Konzern ausbaute.

In München dreht man den Spieß nun gewissermaßen um: Man will zeigen, dass "Billy" und Konsorten zwar Massenprodukte sind, aber eine Präsentation im Museum nicht zu scheuen brauchen.

Um Bezüge zu anderen Designschulen mit ähnlichen Zielen wie dem Bauhaus, dem Deutschen Werkbund, De Styl oder dem englischen Arts und Crafts Movement herzustellen, widmet die Pinakothek der Ausstellung keine eigenen Räume, sondern hat einfach einzelne Ikea-Inseln in die umfangreiche ständige Design-Ausstellung des Hauses eingestreut.

Auf Sockeln aus den typischen braunen Pappkartons, in denen die Ikea-Möbel zum Zusammenbauen verpackt sind, stehen sie nun, all die birkenholzhellen oder quietschbunten Entwürfe im Ikea-Stil. Einige historische Stücke sind darunter, wie etwa der "Lövet"-Nierentisch von 1956. Er war einer der ersten zerlegbaren Möbel, die das Einrichtungshaus im Angebot hatte, und das kosten- und platzsparende Konzept der "Flatpacks" trug maßgeblich zum gigantischen Erfolg der Marke bei.

Im Museum zu Hause

Der Effekt ist erstaunlich: Inmitten all der elitären Corbusier-Liegen und Rietveldt-Schränke wirken die Ikea-Exponate zugänglich - demokratisch eben. So gesehen geht das Konzept auf, denn die Schau funktioniert vor allem durch den Wiedererkennungswert der Exponate. Als Besucher fühlt man sich wie zu Hause und in seiner Kaufentscheidung bestätigt, das ist natürlich immer ein gutes Gefühl. Und wie nebenbei lernt man auch noch etwas über Materialität, Nachhaltigkeit und die Fortentwicklung der Konstruktionsweise der Entwürfe.

"Democratic Design" ist eine Schau, die perfekt in unsere krisengeschüttelte Zeit passt: bescheiden, funktional, augenzwinkernd. Vorbei die Zeiten, in denen die Designerzunft die Nähe zur Kunst suchte und extra die Kategorie "Design Art" erfand, um immer mehr Entwürfe zu immer schwindelerregenderen Preisen auf den Markt zu werfen.

Vorbei auch die Zeiten, in denen es galt, möglichst überraschende, spektakuläre Objekte herzustellen, mit denen der Sammler seiner Individualität Ausdruck verleihen konnte. Hier lautet die Botschaft: Gute Gestaltung hat nichts mit Geld zu tun.

Das ist wahr, und doch bleibt bei allen Qualitäten der Ausstellung ein fader Geschmack zurück: Warum hat man sich nicht die Mühe gemacht, außer Ikea-Produkte auch noch andere Beispiele für "Democratic Design" zusammenzutragen? Weil es zu teuer gewesen wäre? Weil der Einrichtungsgigant sein Veto einlegte?

Stattdessen huldigt man einem weltweit agierenden Konzern-Koloss mit musealen Weihen. Auch in Zeiten leerer Museums-Kassen ist das zumindest eine bedenkliche Entwicklung. Wo kritische Distanz nicht mehr gefragt ist, droht die völlige Verflachung.

Doch dann hätte man wenigstens noch ein Kinderparadies mit vielen bunten Bällen einrichten müssen.



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