S.P.O.N. - Helden der Gegenwart Endlich kommt die DDR in bunt!

Alle sitzen auf dem selben Sofamodell, weil Fremdwaren in den farbenfrohen Wohnklötzen ja verboten sind: So könnte es zugehen in den Stadtteilen, die der Möbelgigant Ikea mit seiner Immobilienfirma errichten will. Und Menschen mit schlechten Zähnen gibt es dort auch nicht mehr.

Hallo Ikea!

Ich muss mich bei Dir entschuldigen. Ich war ungerecht. Habe behauptet, Du seiest nur auf Profit aus und es sei Wohn-Faschismus, den Du betreibst. Gleichmacherei mit bunten Mitteln. Ich habe behauptet, Deine Möbel seien ohne Aura und wer sich mit zu vielen Deiner Produkte einrichte, lebe in einer seelenlosen Umgebung. Alles wirke wie eine Abziehfolie, immer bekäme man nur das Erscheinungsbild von etwas, nie aber könne man etwas erwerben, das Tiefe und Seele habe, ein Möbel, das mit einem altere, das Spuren annehme und Charakter auspräge.

Zuletzt hast Du mich mit Deiner Absicht, Hamburg-Altona in ein Ikea-Altona umzuwandeln, wütend gemacht. Schließlich hieß es zu Beginn, Du wollest nur eine "City-Filiale" eröffnen, ein kleines Geschäft, für Accessoires. Und als alle die, die meinen, ständig Servietten und Teelichte zu brauchen, "ja!" geschrien haben, stellte sich heraus, dass Du mitten in der Stadt einen riesigen Bunker hinstellen würdest, wobei sich die Anwohner jetzt vor allem auf die vielen Lkw freuen, die täglich Nachschub an Teelichten bringen. Alle Pläne, den Stadtteil durch Kultur und Wohnungen aufzuwerten, waren dahin, Dein Geld hatte den Hamburger Senat weich gemacht.

Häuser bauen und Küchen reinstellen

Aber jetzt willst Du in der Hansestadt einen ganzen Ikea-Stadtteil errichten! Eine Ikea-World quasi, mit Geschäften, Büros und Wohnungen. Denn, "wir möchten einen Stadtteil bauen, von dem Hamburg profitiert", wie der Manager Deiner Immobilien-Tochter Landprop Harald Müller sagt. Und das gefällt mir! Das finde ich bewundernswert! Auch wenn Dein Finanzsprecher Kristian Sjöholm gleich dementiert hat, von einem "Missverständnis" spricht und einschränkt, dass es keine "konkreten Pläne" für Hamburg gebe.

Dass Du, jetzt, wo Du zu so einem riesigen Unternehmen herangewachsen bist, zu dem bald Hotels und Studentenwohnungen und bereits Fertighäuser und sogar eine Bank gehören, etwas geben möchtest. Anderen. Deren Leben vervollkommnen. Praktischerweise mit dem, mit dem Du Dich so gut auskennst: Häuser bauen und Küchen reinstellen.

Und wenn Du so ein Viertel errichtest, dann müssen wir nicht damit rechnen, dass die Stadt Hamburg da irgendwelche spinnerten Architekten an die Fläche lässt, die wie bei der Hafen-City einen lebensfernen Klotz-Komplex entstehen lassen, sondern dass alles aus dem geschmackvollen Ikea-Guss sein wird. Wohnhäuser, Grünflächen, Büros, Spielplätze - jeder Winkel wird so fröhlich und bunt aussehen wie die Lebenswelten, die Du in Deinem Katalog abbildest. Wenn Du klug bist, machst Du es wie die großen Architekten, wie Sir Norman Foster oder Hadi Teherani, und bestimmst, wie die Räume einzurichten sind, wie die Stühle zu stehen haben und ob es Grünpflanzen auf den Fensterbänken geben darf.

Und dass Fremdwaren nicht erlaubt sind, sondern dass der Kaffee nur aus Ikea-Tassen getrunken werden darf. Natürlich könnte es manchmal etwas ungemütlich werden, wenn Leute in fremden Wohnungen auftauchen und verwirrt sind, dass die Kissen aus der Serie "Stürkke" in der rot-schwarzen Farbkombination auf dem Sofa liegen und nicht mehr in der blau-weißen, in der sie dort lagen, bevor sie in Deinem Supermarkt die Fischkonserven und das Knäckebrot gekauft haben. Und es einen Moment dauert, bis sie merken, dass sie nicht in ihrer Wohnung gelandet sind. Aber so lernen sich die Menschen wenigstens kennen.

Gleichmacherei verhindert Neid

Das Beste aber an Deiner Idee ist: Die Gleichmacherei verhindert Neid. Haut einer in Hamburg-Blankenese seinem Nachbarn die Rübe ein, um sich unbemerkt Teile des Meißener Porzellans zu schnappen, oder muss einer in Billstedt seine Edeka-Einkäufe in der Aldi-Tüte nach Hause schleppen, um nicht die Missgunst der Hochhausbewohner auf sich zu ziehen, leben die Menschen in Deiner Ikea-City völlig neidfrei nebeneinander. Denn sie leben alle in derselben Wohnwelt. Also quasi in einer Ikea-DDR, wo allen das Gleiche zur Verfügung steht.

Deine Überlegung, einen Stadtteil für die Mittelschicht zu bauen, also eine homogene Sphäre zu schaffen, finde ich einen tollen Ansatz. Man sieht ja, was dabei rauskommt, wenn man die Planung dem Staat überlässt: In den gentrifizierten Stadtteilen Hamburgs, also den ehemals armen Stadtteilen, wo Mietwohnungen in Eigentum umgewandelt wurden und keiner, der kein BWLer ist, sich das Leben mehr leisten kann, hat es die Stadt versäumt, klar Schiff zu machen. Das heißt: Noch immer treiben sich dort Restbestände Alteingesessener mit schlechten Zähnen und billiger Kleidung herum. Ist doch klar, dass das zu Reibereien führt.

Wie schön wird es da sein, wenn man sich unter seinesgleichen weiß. Und ich bin mir sicher, das kleine Wohn-Arbeits-Areal ist erst der Anfang. Die Sehnsucht von uns Menschen nach einem, der uns alles abnimmt, der uns führt, der uns eine Welt bietet, hört ja nicht bei der Einrichtung auf. Wie schön, wenn es neben einem Ikea-Puff, einem Friedhof und einer Feuerwehr auch eine ideelle Welt gäbe. Also eine Ideologie. Eine Ikea-Philosophie, nach der wir leben können. Die uns Werte vermittelt. Und uns sagt, wo es langgeht.

Kurz habe ich daran denken müssen, dass Dein Gründer und Besitzer einst der Nazi-Ideologie eng verbunden war. Das hat mir natürlich ein unschönes Gefühl gemacht. Dann aber ist mir eingefallen, wie farbenfroh Deine Kataloge sind und wie vielfältig. Und da habe ich gedacht: Wer die Welt mit einem flächendeckenden Möbelhaus-Netz überspannt, wer dafür sorgt, dass alle Menschen überall auf der Welt in der gleichen Bettwäsche schlafen und das gleiche billige Gerümpel gut finden, der kann nicht böse sein.

Schließlich ist alles so schön bunt.