Illners Obamania-Talk Rosinen statt Bomben

Superman Obama! Maybrit Illners Gäste schmierten dem künftigen US-Präsidenten erstmal kräftig Ahornsirup um den Mund. Dann stellten sie ein paar Forderungen an ihren neuen Messias: Afghanistan, Finanzkrise, Klimawandel. Nur Thomas Gottschalk staunte lieber über Autokolonnen.

Von Reinhard Mohr


Jetzt soll er gefälligst die Sache zu Ende bringen, der Barack Obama. Zwei Tage nach seinem weltweit bewegenden, historischen Triumph beginnen die geistig-moralischen Aufräumarbeiten in den deutschen Talkshows: "Superman für die Supermacht? Kann Obama die Welt retten?" lautete am Donnerstagabend die Frage von Maybrit Illner im ZDF. Und die Antwort der bunt gemischten Runde, diesmal ohne einen einzigen aktiven Politiker, lautete unisono: Dazu braucht er aber mindestens zwei Amtsperioden.

Moderatorin Illner, Talk-Gast Gottschalk: Kann Obama die Welt retten?
ZDF

Moderatorin Illner, Talk-Gast Gottschalk: Kann Obama die Welt retten?

Im Ernst: Ganz wird er es wohl doch nicht schaffen. Da waren sich alle einig. Aber man stellte schon mal einen kleinen Forderungskatalog auf. Das macht man gerne in Deutschland, wenn es um Amerika geht. Afghanistan, Irak, Finanzkrise, Klimawandel – schier endlos scheint die Aufgabenliste für den 44. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika. Am leidenschaftlichsten fiel das Plädoyer zur vorsorglichen Weltrettung bei Ex-Außenminister Hans-Dietrich Genscher aus, älteren Mitmenschen noch als rastlos um die Welt jettender "Genschman" in Erinnerung.

Neben Amerikas "Rückkehr in das westliche Bündnis" erwarte er das Ende der "Alleingänge" und den Beginn einer tatsächlichen atomaren Abrüstung. Frieden, Freiheit, Wohlstand. In einem Wort: Amerika solle wieder so werden, wie es einmal war, wie damals 1948, als die Flugzeuge der U.S. Air Force Rosinen über Berlin-Tempelhof abwarfen und keine Bomben.

"Schluss mit den Bombardierungen afghanischer Dörfer!"

In diesem Punkt war der Autor und Friedensaktivist Jürgen Todenhöfer, der "gestern noch mit dem Chef des irakischen Widerstands telefoniert" hat, mit Genschman völlig einig: "Ich bewundere Amerika" bekannte der langjährige CDU-Politiker und Manager des Verlagshaus Burda, den der legendäre Fraktionschef der SPD im Bundestag, Herbert Wehner, einst so gern mit "Herr Hodentöter!" angeblafft hatte.

Und auch er, Todenhöfer, habe bei Barack Obamas Rede an der Berliner Siegessäule im Chor der Hunderttausend "Yes we can!" gerufen. Nun aber solle der neue Präsident gleich als erstes nach Kabul fliegen und mit dem afghanischen Präsidenten Hamid Karzai unter vier Augen sprechen. "Der kann perfekt Englisch" – und er werde ihm die Augen öffnen: "Schluss mit den Bombardierungen der afghanischen Dörfer! Ein Strategiewechsel muss her!"

Dass der glücklose, womöglich korrupte Karzai von vielen Beobachtern eher als Teil des Problems denn als Teil der Lösung wahrgenommen wird, verschwieg Todenhöfer. Lieber wiederholte er sein Mantra von den "Verhandlungen", mit deren Hilfe "ein Keil zwischen al Qaida und den Taliban" getrieben werden solle. Wie das gehen soll, verriet er nicht. Aber klar: Reden ist immer besser als Bomben werfen.

Das wunderbare Gefühl der transatlantischen Obamania

Nur damals, 1944/45 in Deutschland, war es nicht ganz so. Da musste man leider doch erst bombardieren, bevor man vernünftig reden konnte. Auch zu Zeiten der guten alten Ostpolitik Willy Brandts und Helmut Schmidts in den siebziger und frühen achtziger Jahren fanden die jahrelangen Verhandlungen mit der Sowjetunion unter dem Schirm einer "glaubwürdigen" konventionellen und atomaren Vernichtungsdrohung statt. Irans Atomprogramm, so ist zu befürchten, wird auch nicht allein durch den herrschaftsfreien Dialog kommunikativen Handelns aus der Welt geschafft werden können.

Aber um solche Details einer historischen Dialektik ging es gestern Abend nicht. Zu stark dominierte noch das wunderbare Gefühl der transatlantischen Obamania – einer "Kulturrevolution" (Genscher) – und die Genugtuung, George W. Bush endlich und für immer losgeworden zu sein. Nur Heather DeLisle, eine junge amerikanische Journalistin und bekennende McCain-Wählerin, wollte da nicht ganz einstimmen.

Obwohl auch sie Freude empfinde angesichts der historischen Wahlentscheidung, gehe es ihr jedoch nach wie vor um "konservative Werte", zu denen sie das Verbot der Abtreibung, die Todesstrafe und das traditionelle Recht jedes Amerikaners auf eine Schusswaffe zählte.

Majestätische Wagenkolonne von George W. Bush

Da schaute auch Thomas Gottschalk, der als "ZDF-Moderator" vorgestellt wurde, etwas irritiert, ließ sich aber nicht in seinen Bemühungen bremsen, die gesellschaftlichen und kulturellen Unterschiede zwischen Deutschland/Europa und Amerika herauszustellen, vor allem den auffälligen Kontrast zwischen der "unfrohen" Politikdarstellung hierzulande und der "großen Emotionalität" jenseits des Atlantiks.

Ein kleines Kabinettstück des deutsch-kalifornischen Entertainers und Obama-Fans war die szenische Beschreibung der gigantischen, Ehrfurcht heischenden, fast majestätischen Wagenkolonne von George W. Bush, die einmal zufällig an ihm vorbeigerauscht war – im Gegensatz zu den zwei, drei Audis, in denen ein deutscher Bundeskanzler postheroisch und neusachlich durch die Gegend knattert. Das lachende Publikum dankte es ihm.

Einmal in Schwung, fragte Gottschalk gleich noch den alerten 24-jährigen Jurastudenten (und Juso) Lucas Brost, der trotz heller Hautfarbe äußerlich eine gewisse Obama-Ähnlichkeit aufwies, warum er sich denn nicht vorstellen könne, dereinst den gleichen Weg in Deutschland einzuschlagen. Der junge Mann wollte gar nicht grundsätzlich widersprechen. Vielleicht 'can he' ja auch - eines schönen Tages. Es wäre freilich schön, wenn Obama bis dahin schon einige Weltprobleme aus dem Weg geräumt hätte.

Apropos Welt: Nachgerade ein "Weltpräsident" sei Obama nun, ein Held jener jungen mobilen Generation, für die nationale Grenzen immer weniger Bedeutung hätten. Und plötzlich schien die gute alte und so oft geschmähte Demokratie wieder in neuem Glanz zu erstrahlen, als leuchtende Kraft eines globalen Bewusstseins, in "einer gemeinsamen Welt" (Genscher) zu leben und deshalb auch gemeinsam Verantwortung für sie zu tragen.

Gutes Amerika, böses Amerika: Trotz aller Prophetien vom Niedergang der letzten Supermacht orientiert sich die Welt offenbar immer noch an jener Kraft, die mit ihrem unverwüstlichen Optimismus, ihrer Begeisterungsfähigkeit und mit ihrem Pathos, das Europa zuweilen befremdet und geniert, auch im Rest der Welt imstande ist, neue Energien freizusetzen.

Wenn das mal kein hoffnungsvoller Klimawandel ist.



insgesamt 39 Beiträge
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H. Hipper, 07.11.2008
1. Schwierige Zeit
Ja, ist schon `ne schwierige Zeit für den Reinhard Mohr - Weltbilder brechen zusammen und politische Koordinatensyste verrücken. Anders gesagt: Die Märkte versagen, die Amerikaner verstaatlichen Banken und wählen dann auch noch einen (vermeintlich) ökobewegten "Umverteiler" ins Weisse Haus. Schwere Zeiten, schwere Zeiten....
heinzmoskau, 07.11.2008
2. Reden Statt Bomben
Dieser Grundsatz muss wirklich wieder Priorität haben. Bomben haben auch am Ende des 2. Weltkrieges wenig bewirkt, sie haben im Endeffekt den Widerstand gegen die Alliierten erhöht und damit die Kapitulation der Wehrmacht hinausgezögert. In Afghanistan nützen sie gar nichts.
vemaha 07.11.2008
3. viel glück, barack obama
moin zusammen - auffallend ist doch, daß es den begriff 'politikverdrossenheit' in den usa nicht gibt. auch politik oder letztlich sogar regieren hat etwas mit emotionen zu tun. herr genscher zeigte dieses überdeutlich. barack obama hat seine usa bewegt - vielleicht schwappt davon etwas über den großen teich zu uns herüber. viel glück barack obama und eine gute hand zum regieren wünsch ich dir...
fatherted98 07.11.2008
4. Ein Ende des Polit-Talks
Ich hoffe inständig auf ein baldiges Ende dieser unsäglichen Polit-Talkshows in denen sich immer mehr Selbstdarsteller profillieren. Die Inhalte dieser Sendungen werden immer flacher, die Gäste immer dümmer, das Gelaber immer unerträglicher...wie wäre es das ganze als Konkurrenz zu den Nachmittags-Trash-Shows der Privaten zu senden...da wäre auch das richtige Klientel vor dem Fernseher!
hansmaus 07.11.2008
5. sehr verwunderlich
Was mich beim ganzen Obama-Hype wundert ist diese gnadenlose Naivität der Deutschen. Glauben die leute wirklich das sich die Dinge unter Obama wirklich ändern ? Hat denn keiner seine Wahlkampfreden gehört? Obama hat, zugegeben sehr kuhl, rüber gebracht das die USA sich weiterhin von keinem reinreden lassen und das sich die USA auf der Welt anders verhalten ist eine Illusion, das wird nicht passieren. Sicher die Deutschen und auch die EU hat noch nicht begriffen das es derzeit ums eingemachte geht, politische Systeme oder Religionen sind als Feigenblätter nicht mehr "In" es geht knallhart um wirtschaftliche Interessen. Selbst in China, dem "kummunistischen Land" hat man das begriffen und auch ein Obama kann und wird sich dem nicht verschließen! Die Irakischen Ölquellen werden auch weiterhin von US-Soldaten "in Freiheit" gehalten und die Offensive in Afghanistan wird weiter gehen egal ob der Mann nurn schwarz, weiß, grün oder gelb ist. Warum bilden sich die Menschen ein das ein schwarzer der "Change" auf seinen Schildchen stehen hat auch nur einen Millimeter von der Politik der USA abrückt? Was Bush tollpatschig und plump gemacht hat hat ein Clinton kuhl mit dem Sxophon verpackt und Obama wird es auch kuhler rüber bringen aber an der grundsätzlichen Politik wird sich nichts ändern. Alle US-Präsidenten sind von der Wirtschaft abhängig und die will Rendite sehen, das war in den USA schon immer so und wird auch auf absehbare Zeit so bleiben. Das die US-Army mehr ein Dienstleistungsunternehmen der US-Wirtschaft ist ist ja auch nichts neues, man denke nur an die Invasionen in Südamerika, eigentlich müssten die Marines auf den Gehaltslisten der United Fruit Company, Exxon oder Halliburton stehen denn nur für die kämpfen sie. Freiheit, Demokratie etc. alles uninteressant, das juckt in Wahrheit kein Schwein solange der Rubel rollt. Wer das nicht begreift wird kein US-Präsident denn außerhalb der Gutmenscheninsel hat sich eines schon rum gesprochen: Es geht um nichts anderes als um Geld.
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