Immendorffs Kanzler-Bild Schröders goldene Ära bricht an

Gerhard Schröder wird vergoldet: als Ikone auf einem Porträt des Malers Jörg Immendorff. Das Bild soll bald im Kanzleramt hängen - und völlig aus der Reihe aller bisherigen Kanzlerporträts fallen.

Berlin - Der Noch-Kanzler war gut gelaunt. Sein rüpeliger TV-Auftritt in der Wahlnacht war Gesprächsthema, doch Gerhard Schröder schien das alles nicht mehr anzufechten, damals, im September 2005. Gleich seinen ersten öffentlichen Auftritt nach der Niederlage, die er sich noch gar nicht so recht eingestanden hatte, nutzte er, um einen alten Freund zu würdigen - den Maler Jörg Immendorff.

Ihm zu Ehren hatte die Neue Nationalgalerie in Berlin eine Werkschau arrangiert. Schröders Auftritt war eine symbolische Geste. Es schien wie ein Treffen zweier Verfemter - da der abgewählte Kanzler, der noch den starken Mann gab, dort der an einer tödlichen Nervenkrankheit leidende Maler, dem wegen Kokainkonsums im Jahr zuvor der Prozess gemacht worden war.

Schröder hielt die Laudatio, locker und ernsthaft zugleich. Es war, noch einmal, ein glanzvoller Auftritt, überschattet von der Melancholie des langsamen Abschieds. Einen "unbequemen Freund", der kompromisslos sein Vaterland und dessen Geschichte ins Visier nehme, nannte Schröder den Künstler. Später stellte sich Schröder zu Immendorff, der im Rollstuhl saß, und sie lächelten in die Kameras.

16 Monate später hat der von der Krankheit schwer Gezeichnete den Altkanzler, mit Hilfe seiner Assistenten, vergoldet.

Ein Meter 30 mal ein Meter misst Immendorffs Schröder. Die "Bild"-Zeitung, die vor drei Jahren aus Immendorffs Genuss von Kokain und zahlreichen Prostituierten tagelang Schlagzeilen gezogen hatte, durfte nicht nur beim Kanzlerbesuch im Atelier dabei sein, sondern das Bild auch noch exklusiv abdrucken. Es zeigt Gerhard Schröder als Ikone, streng und entschlossen in die Ferne blickend. Es sei "ganz anders als die anderen Portraits im Kanzleramt", hat Schröder, der sich mit Bildern auskennt, denn auch erklärt.

Wohl wahr.

Gegen Immendorffs Schröder wirken die Porträts der anderen Großen im Kanzleramt, von Adenauer, Erhardt, Kiesinger, Brandt, Schmidt und Kohl, geradezu konventionell, fast zurückhaltend in Maltechnik und Positur. Die Männer, die diese Republik regiert haben, wirken allesamt mehr oder weniger entspannt und blicken auf die Besuchergruppen im Berliner Amtsgebäude hinab oder an ihnen vorbei.

Schröders klobiges Porträt wirkt dagegen cäsarenhaft, wie geschaffen für den Eingang eines Fürstenpalastes. Als wache da noch immer einer über den Lauf der Dinge, als könne ihm nichts entgehen und niemand entwischen. So haben sich andere gern gesehen, die mit tödlichem Ernst die Welt nach ihren Vorstellungen modellierten. Das Bild wirkt auf den ersten Blick so unironisch, dass auch ein Kim Jong-Il in Nordkorea seine Freude daran hätte.

Schröder, zum Glück, war nur ziviler Kanzler einer sehr zivilen Republik, in der über die Mächtigen gelacht werden darf und die Mächtigen, so sie denn Humor haben, auch über sich selbst schmunzeln können. Schröder hat, das ist bekannt, Humor. Und das Talent, sich ins Fäustchen zu lachen, wenn andere empört aufheulen oder sich wundern, was der Mann nun schon wieder vorhat, kann man ihm auch nicht abstreiten. So sieht man ihn und Immendorff denn auch ganz entspannt in "Bild" im Atelier in Düsseldorf, als hätten sich da zwei Lausbuben noch einmal einen derben Streich erlaubt. Schröders goldener Kopf im Kanzleramt, was für ein Coup!!

Immendorff hat Schröder Affen über die Schultern lugen lassen. Künstler seien das, hat er dem Gemalten erklärt, der eine sei er selbst, der gebrochene Immendorff. "Du bist der erste Kanzler gewesen, der sich um die Künstler gekümmert hat", hat Immendorff sein Werk kommentiert. Da spricht der "Künstlerfürst", wie ihn die "Bild" nennt, zum Mäzen, der einst im Kanzleramt gerne die Schauspieler, Schriftsteller und Maler kommen und so etwas wie ein modernes Hoffest aufführen ließ. Von Angela Merkel ist derlei nicht bekannt. Die Angesprochenen und Geladenen fühlten sich geehrt - und das war für Schröder schon die halbe Miete. So viele Künstler wie er hatte im Wahlkampf niemand vorzuzeigen - die Union hatte schon Mühe, eine Zeitungsseite mit mehr oder weniger Prominenten zu füllen.

Wer Immendorffs Bilder kennt, der fragt sich dennoch: Wie ernst ist es dem Maler mit seinem ironischen Blick auf den Altkanzler? Denn das Schröder-Portrait wirkt auch wie die Rückkehr zu tiefroten Anfängen. In seinen jung-revolutionären Zeiten hatte der Maler der sektiererischen KPD/AO angehört, einer streng maoistischen Partei. Damals brachte Immendorff Plump-Plakatives auf die Leinwand; eines der Bilder zeigte Helmut Schmidt. Es trägt die Inschrift: "Der Arbeitslosenkanzler" und war todernst gemeint.

Vielleicht wäre gerade das ein schöner Titel für das Schröder-Porträt gewesen. Die Besuchergruppen im Kanzleramt, so viel ist sicher, hätten lange gegrübelt, wer hier wem einen Streich spielt.

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