In eigener Sache Zum Tod unseres Kollegen Werner Theurich

Jede Redaktion braucht Konstanten der Ruhe, aber auch der Haltung - im Alltag und besonders in unsicheren Zeiten. Werner Theurich, langjähriger Forums- und Community-Manager sowie Kultur-Autor, war so ein Anker.

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Im Sommer 2000 fing Werner in einer Redaktion an, die damals noch nicht das Leit- und Massenmedium repräsentierte, das SPIEGEL ONLINE heute ist, sondern ein wenig wie eines jener Start-up-Provisorien wirkte, die zu Beginn der Nullerjahre in die neue Internetwelt aufbrachen. Werner hatte große Lust, dabei mitzumachen. Er wusste, dass im Netzjournalismus der Dialog mit dem Leser elementar werden würde, und er heuerte an, um diesen Bereich, der heute ein Forum mit mehreren Hunderttausend registrierten Mitgliedern ist, zu entwickeln. Er hatte zu diesem Zeitpunkt bereits eine Karriere als Kommunikationsprofi hinter sich. Von 1983 bis Anfang 2000 leitete und verantwortete er in Hamburg einen Großteil der Presse-Aktivitäten von Warner Music Deutschland, zunächst bei der WEA, dann bei East West Records, wo er nicht nur Stars wie Simply Red, AC/DC oder die Scorpions betreute, sondern ab 1998 als einer der Ersten in der Musikbranche für den Aufbau und die Pflege von Internetpräsenz und Onlinepromotion sorgte.

Bei SPIEGEL ONLINE, bei der Moderation der Forumsbeiträge, die er später zusammen mit einem kleinen Team von Mitarbeitern bewältigte, kam ihm diese Erfahrung aus der Popwelt, vor allem auch der gemütvolle Umgang mit kapriziöseren Charakteren auf Künstler- wie Medienseite, zugute. Schnell nahm Werner im Redaktionsalltag und auf Konferenzen die Rolle eines aufmerksamen Beobachters ein, der, wenn es irgendwo stockte oder sich Argumente zu verhaken drohten, mit klugen, oft humorvollen Beiträgen zu schlichten oder zu erhellen wusste.

Das Hemdsärmelige und Mackerhafte, das in unserer Branche viel zu oft zur Schau getragen wird, blieb ihm dabei fremd. Selbst wenn ihn Dinge - egal ob menschlich, ästhetisch oder politisch - schrecklich aufregten, und das kam oft vor, blieb Werner zumindest nach außen der milde Feingeist, dessen Geduld und Zurückhaltung wir schätzten und respektierten. Umso mehr, da wir wussten, dass er als Forumsmanager einen der härtesten und anspruchsvollsten Jobs der gesamten Redaktion zu bewältigen hatte, konfrontiert mit teils harschen Kommentaren und Beschimpfungen, radikalen Anwürfen und Beleidigungen, die sich oft genug auch gegen ihn als Moderator richteten. Wenn ein Beitrag im Forum von ihm als unzumutbar bewertet und folglich gelöscht wurde, nannte ihn der erboste Forist gern "Zensor".

Er suchte das Heil in der Schönheit und der Kunst

Wie Werner diesen ungefilterten Blick in die Wut- und Gedankenwelt der Leserschaft mit der ihm eigenen Gemütsruhe ertrug und moderierte, fragten wir uns oft. Die Antwort lag aber auf der Hand: Werner suchte das Heil in der Schönheit und der Kunst. Für das Kulturressort schrieb er von Beginn seiner Zeit bei SPIEGEL ONLINE an Theater-Rezensionen und Musik-Kritiken, lange Jahre pflegte er eine eigene wöchentliche Kolumne, in der er voller Begeisterung und Leidenschaft neue CD-Veröffentlichungen mit klassischer Musik vorstellte. Darin würdigte und entdeckte er immer wieder vor allem junge Stars der Szene. Früh schrieb er über den heute als Meister gefeierten Pianisten Daniil Trifonov, lobte die "sanft parlierende Phrasierung" der jungen niederländischen Cellistin Harriet Krijgh oder verortete in den Bach-Interpretationen des Wiener Violinisten Emmanuel Tjeknavorian eine Ahnung von Heavy Metal.

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Konzertsaal, Opernhaus und Theaterränge waren eine zweite Heimat für Werner, der oft schon tagsüber im eleganten Anzug mit strahlend weißem oder edlem schwarzen Hemd am Schreibtisch saß, voller Vorfreude auf eine Vorführung am Abend im Hamburger Thalia Theater, im Deutschen Schauspielhaus oder in der Hamburgischen Staatsoper. Wer ihn begleitete, ich tat das leider viel zu selten, erlebte einen von Schauspiel, Musik und Darstellungskunst fast jungenhaft begeisterten Fan, der in seinen Kritiken am nächsten Tag kompetent und - zumeist - milde argumentierte, aber natürlich auch Blödes und Doofes mit scharfem Wortwitz torpedierte.

Das galt auch, wenn Werner alljährlich einen Höhepunkt seines Kulturjahres bestritt: Beim Besuch der Wagner-Festspiele in Bayreuth, über die er für SPIEGEL ONLINE fast 20 Jahre lang berichtete, konnte der Fan der feinen Töne auch mal lustvoll dem musikalischen Bombast und Größenwahn frönen - und machte sich gern über den "Bilder-Amok" und die "faden Pointen" der an den Hügel gelockten Theatermacher lustig, wie 2013 beim "Siegfried" von Frank Castorf.

Das Gute vom Schlechten, das Wertvolle vom Wertlosen zu unterscheiden, diese elementare Fähigkeit des Feuilleton-Kritikers entdeckte der Bewunderer von Van Morrison und Miles Davis schon Mitte der Siebzigerjahre während seines Studiums der Germanistik und Anglistik in Braunschweig, Göttingen und schließlich Hamburg, wo der gebürtige Wolfenbütteler eine mondäne, kulturell reichhaltige Umgebung fand, die seinen ästhetischen Ansprüchen genügte. 1979, als die Pop-Szene sich nach der Punk-Explosion gerade neu ordnete, fing Werner als Disponent und Verkäufer bei der "Schallplatte am Mönckebrunnen" in der Hamburger Innenstadt an, damals unbestritten Hamburgs bestsortierter Plattenladen. "Ich fand es supercool, dort zu arbeiten", schrieb er 2009 in einem Erinnerungstext: "Den ganzen Tag die neueste und tollste Musik zu hören, alles, wirklich alles zu kennen und beschaffen, was es irgendwie zu beschaffen gab, und es dann auch an den Fan zu bringen, war ein Riesenspaß."

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Es reichte ihm jedoch nicht, den Kunden neue Platten nur am Tresen zu empfehlen, Werner wollte über Pop auch schreiben. Im "Musikexpress/Sounds" rezensierte er Blockbuster wie Peter Gabriels "So" ebenso wie Yello oder den damals neuen "flotten Fünfer" aus Kanada, The Tragically Hip. Sein Kürzel "wt" unter den Kritiken war eines der ersten, das ich mir Anfang der Achtzigerjahre als Teenager und "Musikexpress"-Leser merkte. Jahre später, als ich selbst als Pop-Kritiker schrieb und Werner Pressechef bei EastWest war, lernten wir uns kennen und schätzen; als Werner 2000 zu SPIEGEL ONLINE kam, hatte ich dort gerade erst als Kulturressortleiter angefangen.

"Akzente setzen statt protzen"

Seinen unbedingten Stilwillen, für ihn eine existenzielle Selbstverständlichkeit, transportierte er eine Weile lang auch visuell an den Leser weiter. In einer Reihe eleganter und sehr instruktiver Kolumnen und Videoblogs gab er Tipps, wie Mann richtig Schals und Hüte trägt oder welche Sonnenbrille zum eleganten Accessoire taugt. "Wohnen, Pflege, Bücher, Musik, alles, was die Persönlichkeit prägt und ausdrückt, kann Ausdruck eines eigenen Stils sein", schrieb Werner 2007 zu Beginn seiner Rubrik. Stil, so wusste er, "steigert die Lebensqualität", aber auch hier gebot er maßvolle Bescheidenheit: "Akzente setzen statt protzen." Vielleicht sein Lebensmotto.

Im früheren, eher wenig glamourösen Redaktionssitz von SPIEGEL ONLINE an der Hamburger Willy-Brandt-Straße, gegenüber vom SPIEGEL-Hochhaus, saßen Werner und ich lange Jahre nebeneinander an einem Tischkreuz im Großraumareal. Das Unfertige und oft Hektische in den vom Bauer Verlag überlassenen Siebzigerjahrebüros konterte Werner alsbald mit einem Ritual, das zu den schönsten Erinnerungen meines Arbeitslebens gehört: Von britischer Lebensart geprägter Hanseat, der er war, brühte er dem kleinen Feuilletonteam jeden Nachmittag gegen vier oder halb fünf einen frischen, sehr belebend duftenden schwarzen Tee auf. Wer sich noch an die auf der Wärmeplatte zu teeriger Melasse geronnene Kaffeebrühe aus jener frühen SPON-Zeit erinnert, ahnt, welch lebensrettendes Labsal dieses nicht nur kollegiale, sondern fürsorgliche Geschenk bedeutete.

Werner hat uns, nicht nur mit seinen Texten, mit seinem ganzen Wesen, tagtäglich daran erinnert, was Kultur bedeutet. Er hat, das kann man sagen, Kultur vorgelebt. Daran ist die ganze Redaktion gewachsen. Er wird uns fehlen.



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