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Eric Klemms stille Krieger: "Dieser Stolz, diese Schönheit!"

Foto: Eric Klemm

Indianerfotografie Ein ganzes Volk von Häuptlingen

Prostituierte, Drogensüchtige, Obdachlose: Drei Jahre lang fotografierte der Deutsche Eric Klemm das Leben der Indianer Nordamerikas - und stieß dabei auf viele Verlierer. Seine phantastische Porträtserie "Silent Warriors" blickt tief in die so verletzte wie stolze Seele der Ureinwohner.

Wenn Eric Klemm erklären soll, warum in seinen Bildern so viel Schmerz steckt und so viel Trauer, dann sagt er einen Satz, der poetisch klingt, auch ein bisschen kokett, aber vor allem ziemlich ratlos: "Meine Kamera hat wohl mehr gesehen als ich."

Ja, als er den Auslöser drückte, da hätten einige gelächelt, da ist er sich sicher. Aber später im Labor, auf den Abzügen: alles Leichte, Fröhliche wie weggeblasen. Und daher blicken nun viele seiner Indianer so unendlich traurig in die Welt. Strahlen aber auch Wut aus, Kampfeswillen, Würde - und vor allem Stolz. So wie die drogensüchtige Ashley vom Volk der Cree, die in einem Viertel Vancouvers inmitten von Obdachlosen, Dealern und Alkoholikern lebt. Oder Melissa vom Volk der Carrier, die in den Straßen der kanadischen Stadt nach Freiern Ausschau hält.

Melissa und Ashley sind zwei von insgesamt 312 "Silent Warriors". So heißt die großartige Bilderserie, für die der deutsche Fotograf native americans aus 122 Stämmen, Nationen und Sippen fotografierte, 149 dieser Aufnahmen veröffentlicht der Steidl-Verlag nun in einem Bildband. Sein Werk, die Prognose ist wenig kühn, wird bald als Klassiker der Indianerfotografie gelten, vielleicht der Porträtfotografie überhaupt.

Verlorener Melancholiker

"Nur einmal mit einem echten Apatschen einen Kaffee trinken, was war das für ein Geschenk!" Klemm hat, das legt der Ausruf nahe, ein eher schwärmerisches Verhältnis zu Indianern. Und so überrascht es kaum, dass sich der heute 70-Jährige vor bald vier Jahren mit dem Eifer eines ewiges Kindes, das Karl May noch immer in seinem Herzen trägt, ans Werk machte, um zu erkunden, wie sie denn heute wirklich leben, die Helden seiner Kindheit, die Apatschen, Komantschen oder Sioux. "Kann man denn Indianer ohne Romantik betrachten?", fragt er verwundert und setzt dazu: "Dieser Stolz, diese Schönheit!"

In den Sechzigern und Siebzigern reüssierte Klemm als Bildreporter für Magazine wie "Twen" oder "Playboy", wandte sich dann der Malerei zu, tingelte durch die Welt und entdeckte erst in den letzten Jahren die Fotografie wieder. Eine Zufallsbegegnung mit einem jungen indianischen Anwalt entfachte Klemms alte Ärmel-hoch-Reporter-Leidenschaft. Die simple Frage des Mannes lautete: "Warum machst du kein Buch über das Schicksal unserer Leute?"

Ja, warum eigentlich nicht? Klemm setzte sich erst an den Schreibtisch und fuhr schließlich, nach rund sechs Monaten Vorab-Recherche, mit einem Jeep in Kanadas Wälder, um seine ersten Indianer zu finden. Reiste dann drei Jahre lang mit Flugzeug und Mietwagen kreuz und quer durch die USA und Kanada, nach Texas etwa, New Mexico oder Florida. Er spürte die letzten Mitglieder der Whispering Pines auf, drei Familien, etwa hundert Menschen. Traf auf Leute wie den alten Gregory von den Secwepemc, einen verlorenen Melancholiker, als er den Deadman River entlang stapfte, der das entlegene Deadman Valley in British Columbia durchfließt. 200.000 Dollar kostete Klemm das alles.

Im Niemandsland des amerikanischen Traums

Es gab jemanden, der ein ähnliches Fotoprojekt unternommen hat: Edward Curtis. Ende des 19. Jahrhunderts, zu einer Zeit also, als die Indianer ihre letzten großen Niederlagen erlitten, begegnete er einer Prinzessin namens Angeline, eigentlich: Kikisoblu. Sie war die Tochter von Sealth, einem legendären Häuptling, dem Seattle seinen Namen verdankt. Sie weigerte sich, ins Reservat zu ziehen, und fristete ihr Leben als Wäscherin in der Stadt. Die Begegnung mit der zähen alten Dame - sie war Mitte 70 - beeindruckte Curtis so sehr, dass er fast drei Jahrzehnte damit verbrachte, die Sitten und Gebräuche der indianischen Ureinwohner zu dokumentieren. Das Ergebnis: mehr als 40.000 Bilder, 10.000 Tonaufnahmen, schließlich das monumentale, zwanzigbändige Standardwerk "The North American Indian" - und ein Tod in Armut.

Der große Curtis fotografierte die indianische Kultur allerdings nicht wie ein nüchterner Chronist, sondern eher wie ein Bestatter, der einen Toten schminkt, damit Angehörige und Freunde ihn in schöner Erinnerung behalten, damit sie nicht das Siechtum von seinem Gesicht ablesen können, den Todeskampf womöglich. Er holte Indianer aus dem Knast und setzte ihnen ein letztes Mal ihren Federschmuck auf. Er retuschierte aus seinen Bildern technisches Gerät wie Uhren heraus. Und er ließ selbst dann noch Kriegsszenen nachstellen, als bereits viele Stämme in Reservate zwangsumgesiedelt worden waren. Curtis wollte die Schönheit einer Kultur beschwören, die im Sterben lag - und die es so ohnehin nie gegeben hatte.

Brillant inszenierte Fotografie war das, keine Frage. Aber Bilder, die nicht die hässliche Wahrheit zeigten, sondern eine verklärte Vergangenheit. Curtis blickte als Weißer Mann auf den edlen Wilden; den Untergang der indianischen Kulturen und ihren Kampf gegen und mit der Assimilation ignorierte er.

"Wenn ich in einem Atemzug mit Curtis genannt werde, bin ich sehr stolz", sagt Eric Klemm heute dennoch - und ist zugleich bemüht, sich von ihm zu distanzieren, auch formal. Seine Aufnahmen erinnern tatsächlich eher an den großen US-Fotografen Richard Avedon und dessen berühmte Porträtserie "In the American West"; puristische Schwarzweißbilder, die Tagelöhner, Obdachlose und Bergwerker zeigen, Unbehauste im Niemandsland des amerikanischen Traums.

Heimatlose, in Unorten gefangen

Wie Avedon zeigt nun auch Klemm die Menschen vor einem schlichten, weißen Hintergrund. Curtis hatte die Indianer damals in ihre vermeintlich natürliche Umgebung verpflanzt, ließ sie an mächtigen Bergkulissen vorbeireiten, auf wasserumspielten Flussfelsen posieren, arrangierte sie in tipis. Klemm dagegen fand seine Protagonisten vor liquor stores, Einkaufszentren oder auf powwows, Treffen, bei denen Indianer ihre Traditionen pflegen und die sie deswegen oft in Trachten besuchen. Wer sich porträtieren lassen wollte, den bat er, wortwörtlich, mal schnell um die nächste Ecke. Vor einer Trageleinwand fotografierte Klemm dann auf Parkplätzen, in Vorgärten oder Hinterhöfen, oft zwischen alten Kühlschranken oder kaputten Fahrrädern. Es war, so wiederholt er gern, die "ehrlichste Arbeit, die ich je gemacht habe".

Aber warum dieser Purismus?

"Die Indianer fühlen sich", sagt er, "ihrem Land verbunden, ihrer Erde, ihrem Fluss. Sie träumen von ihren angestammten Jagdgründen. All das vermissen sie, und das wollte ich zeigen." Das klingt dunkel romantisch irgendwie, wie eine etwas naive, existentialistische Variante von Karl May. Und so posieren die Indianer dann auf seinen Bildern vor diesen weißen Flächen wie Heimatlose, die in einem Unort gefangen sind, zurückgeworfen allein auf das, was sich ihnen ins Gesicht gegraben hat, bestenfalls mit Stammesschmuck als Schutz.

Beinahe verletzend intime Aufnahme sind so entstanden. Aber gerade diese Intimität verhindert, dass Klemms Fotografie in betuliche Nostalgie abgleitet oder als ethnografischer Leidensporno daherkommt. Man kann in diese Gesichter blicken, ohne zwangsläufig an all die Massaker denken zu müssen, an den Landdiebstahl oder die gebrochenen Verträge. Seine Indianer sind auch als Leidende keine Indianer des Weißen Mannes - sie sind zuallererst Menschen.

Eines kleinen Kniffes bediente sich der Deutsche dennoch: Anzugträger, Banker, Anwälte, Ärzte oder Unternehmer finden sich in der Serie nicht. Dabei gibt es sie ja, die erfolgreichen Familien, in Reservaten etwa, wo Indianer-Clans in Spielcasinos Reichtümer anhäufen. Doch die, sagt er, habe er nicht gewollt. Eine Ressourcenfrage sei das gewesen, auch das - noch höhere Reisekosten hätte das bedeutet, noch mehr Zeitaufwand.

Der Hauptgrund dürfte allerdings ein anderer sein. "Ich bin Künstler", sagt Eric Klemm. "Ich habe deswegen nur nach starken Gesichtern gesucht". Und welches Gesicht könnte stärker sein als eines, das gelitten hat?


Eric Klemm: "Silent Warriors. Portraits of North American Indians", erschienen im Steidl Verlag, 256 Seiten, 45 Euro.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.