Sibylle Berg

Individualismus Das gekaufte Ich

Milliarden Menschen stehen in Schlangen, um auf irgendwelche aussagekräftigen Produkte zu warten. Sie erleben einen Moment der Gemeinsamkeit. Zum Glück verfliegt dieser Moment aber ganz schnell wieder.
Turnschuhe (Symbolbild)

Turnschuhe (Symbolbild)

Foto: Britta Pedersen/ picture alliance / dpa

Es gibt einige Erfindungen des neuzeitlichen Kapitalismus, vor denen man den Hut ziehen muss. Joghurt, in medizinisch kleinen Dosen, als Heilmittel verkauft, Turboluft-Handtrockner, die die Hände vielleicht 0,004 Sekunden schneller trocknen, als wenn man die nassen Extremitäten einfach entspannt am Leib hängen lässt, - und der Marke gewordene Begriff: Individualismus.

Auf einmal sollten Menschen nicht mehr irgendwie sein, sondern sie mussten total und unbedingt individuell sein, und dieses Gefühl der Einzigartigkeit mit dem Erwerb von Produkten sichtbar machen. Milliarden individueller Menschen tragen jetzt also irgendwelche aussagekräftigen Scheißturnschuhe, Jacken, Mützen, Kopfhörer - sie warten in Schlangen auf irgendwelche neuen Scheißturnschuhe und erleben einen Moment der Gemeinsamkeit mit anderen Individualisten. Der verliert sich zum Glück wieder schnell, dieser Moment.

Kaum sind die neuen Schuhe unter dem Schrank, verliert sich das Gefühl des Einzelnen, Teil einer Gemeinschaft zu sein. Und der Einzelne ist wieder im Wettbewerb - mit allen anderen. Mitgefühl findet nur noch statt, wenn auf YouTube irgendwer auf einer Bergkuppe steht und irgendwem einen Heiratsantrag macht. Dann weint das Individuum, schüttelt sich und schreibt einen Kommentar irgendwo rein, der mit: Dich alte Fotze sollte man ... beginnt.

Die Fehlentwicklung Mensch

Wer andere bekämpft, ist beschäftigt. Wer kauft, ist beschäftigt. Wer kauft, will mehr kaufen als der andere, der niemals so ein individuelles Individuum ist wie man selber. Wer kauft und keinen anderen Sinn im Leben hat, wird noch anfälliger für Neid, Hass und Gier, als es ohnehin in der Fehlentwicklung Mensch angelegt ist. Irgendeiner hat immer mehr. Irgendeiner verweigert sich dem schwarmintelligenten, komplett identischen, individuellen Aussehen, weil er oder sie zum Beispiel zu dick ist oder zu dünn oder zu klein oder zu schwarz, um ein ordentlich individueller Mensch zu sein. Als der Mensch noch nicht Verbraucher genannt wurde, gab es ein Bewusstsein für die Gemeinschaft, der man angehörte - Arbeiter, Studenten, Schwarze - vielleicht gab es sogar ein Bewusstsein dafür, sich einen Planeten zu teilen.

Das war die Zeit, in der das Individuum schwer zu verwalten war. In der aus Einzelnen Gruppen von vielen wurden, die sich nicht in der Ablehnung Fremder zusammentrafen, sondern über ihren Körper bestimmen wollten, kämpften für Freiheit, die nicht meinte, Turnschuhe zu kaufen - und das war möglich, weil der Einzelne sich in anderen erkannte, im anderen spiegelte. Zum Glück ist diese Zeit vorbei.

Die meisten sind nicht mehr Angehörige einer Klasse, einer Schicht, die sich ineinander erkennt. Die Stärke in einer Gruppe zu agieren, hat man an den IS ausgelagert. Sie wissen schon, Leute, die auf Jungfrauen im Himmel hinarbeiten und sich nicht fragen, wo die denn eigentlich herkommen und wohin die nach Gebrauch verschwinden, und ob die in einer Wohnung warten und wo die steht. Oder an die Nazis. Die haben auch ein super We-Feeling.

Die anderen, die Angestellten ohne Anstellung, die Freiberufler, die Dicken, die Dünnen, die Schwarzen, die Arbeitslosen, die Frauen, die Rothaarigen sind Individuen, die sich höchstens von Influencern beeinflussen lassen, um - richtig! - Schuhe zu kaufen.