Sibylle Berg

Informationsflut Aufbäumen gegen die Ohnmacht

Nach allem, was man so liest und hört, trudelt die Welt nur noch vor sich hin. Wie wunderbar, dass nicht mehr alle Menschen den Schlingerkurs mitmachen, sondern sich wehren.
Demonstration in Nürnberg

Demonstration in Nürnberg

Foto: Daniel Karmann/ dpa

Das moderne Informationsangebot intensiv nutzen heißt: irre werden. Es bedeutet, je nach Interessengebiet jeden Tag mit ungefähr hundert widersprüchlichen Horrornachrichten über Impfschäden, die flache Erde oder die neuesten Streiche von Diktatoren beliefert zu werden.

Die Befriedigung darüber, dass alles genauso schrecklich ist, wie man es vermutet, weicht nach dem vierten Artikel oder Film einer großen Wut, die einen dazu bringt, den Tisch kleinzuhacken. Andere Temperamente beißen sich in die Hand oder beginnen zu weinen, wegen der Rücksichtslosigkeit, mit der die Welt, die eine Scheibe ist, ihm begegnet.

Jeder muss seinen Weg finden, um mit der Erkenntnis umzugehen, dass er der Erde egal ist. Der für mich beste ist, die Albernheit zu sehen, die mir und allem innewohnt. Traurige kleine Menschen in einem viel zu großen SUV zum Beispiel. Die Beherztheit, mit der die Besitzer ihre Bedürftigkeit ausstellen, ist niedlich.

So so, arme Wurst, hast du also Angst vorm Sterben? Hast du dich erbärmlich gefunden, überlegend, was wohl von dir einst bleibt? Was hast du geleistet, wen hast du glücklich gemacht, hast du eine Revolution begonnen, einen Herzschrittmacher erfunden? Nee, ist klar, kauf dir mal so eine alberne Karre . Die wirkt, als würdest du in einer großen Klorolle spazierenfahren.

Frauen sind auch immer lustig. Am lustigsten, wenn sie nicht da sind. Wann immer ich Bilder sehe, wie jenes: fünf Crossdresserinnen mit energischem Blick  - denke ich: süß! Seid Ihr zu faul gewesen, nach einer Frau zu suchen, oder hattet Ihr Angst vor dem Fremden, Bedrohlichen? Dem bösen, großen, launischen Frauenkörper?

Kraft tanken, um die Welt zu retten

Hey, nehmt doch mal so eine Frau. Die sind wie kluge Hunde. Sie können Kunststücke, ganz lustig, wenn Frauen Brillen tragen. Da könntet ihr Euch ein wenig entspannen und die Resultate von Allem wären interessanter, weil sie die Gedanken der anderen Hälfte der Weltbevölkerung stellvertretend mit einbezögen.

Apropos Windeln: Erdogan und Putin, die sich nackt im Spiegel betrachten, Trumps Gesäß bei Schlaglicht von oben, alle vereint im Zittern, des Nachts, vor den Folgen des Unfugs, den alle so veranstalten, sekundenweises Aufblitzen des Begreifens der Begrenztheit des Verstandes, das sind Momente, in denen ich mich wunderbar entspannen kann.

Kraft tanken, um die Welt zu retten. Das ist nach all der Lächerlichkeit, was jeder Einzelne tun kann.

Das ist doch bei der Albernheit der Welt im Moment das Großartige. Dass so viele Menschen nicht mehr ohnmächtig verharren, sondern sich in Gruppen finden, die widerstehen. Dem aufkommenden Faschismus, der Vernichtung der Natur, die sich gegen Ungerechtigkeit und den absurden Rückwärtstrend der Einschränkungen der Bürgerrechte einsetzen. Jeder auf dem Gebiet, das ihn betrifft. Tausende, die das System stören, die Demokratie retten wollen.

Die Menschen sind munter geworden und wehren sich. Sie kämpfen für eine Welt, die nicht mehr lächerlich ist in ihrem Trudeln, sondern die man retten muss. Weil es unser Leben ist.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.