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"Insgeheim Lohengrin" in München: Auf Gralsuche

Foto: Andreas Pohlmann

"Insgeheim Lohengrin" in München Mein lieber Schwan!

So, wie andere Kegeln gehen, suchen sie den Gral: Alvis Hermanis lässt in seiner Münchner Inszenierung "Insgeheim Lohengrin" fünf Wagner-Fans miteinander ringen - recht betulich und am Ende lähmend langweilig.

Eigentlich hätte der Regisseur Alvis Hermanis im kommenden Jahr in Bayreuth den "Lohengrin" inszenieren sollen. Bekanntlich kommt es dazu nicht: Im Dezember 2016 teilte Hermanis der Festspielleitung schlicht mit, dass er "das nicht machen möchte".

Ein Jahr zuvor stritt der lettische Theater- und Opernmacher mit dem Hamburger Thalia Theater: Ihm passte es nicht, dass sich das Haus für Flüchtlinge starkmachte - humanitäre Hilfe hält er für falsch, Grenzöffnungen für gefährlich. Und so ließ er auch hier schon eine Inszenierung ("Russland.Endspiele" nach Dostojewskij, Tolstoi, Gorki und anderen) sausen.

Ob beides direkt oder verworren etwas miteinander zu tun hatte, lässt sich längst nicht mehr verifizieren.

Wegen seiner xenophobischen Ansichten von Künstlerkollegen und Presse scharf kritisiert, muss Alvis Hermanis in Deutschland aber eine Art Unwohlsein geblieben sein. Auch wenn es sicherlich noch kein Verfolgungswahn ist, eher so eine Ahnung, dass man es hier mit politisch inkorrekten Aussagen nicht weit, ganz sicher jedoch zu einem schlechten Ruf bringen kann.

Das hat ihn gekränkt. Und also holte er nun im Münchner Cuvilléstheater ganz elegant und höchst niveauvoll zum Gegenschlag aus. Natürlich ohne Flüchtlinge, dafür aber nun doch noch mit Richard Wagner.

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"Insgeheim Lohengrin" in München: Auf Gralsuche

Foto: Andreas Pohlmann

In dem Stück "Insgeheim Lohengrin" führt er eine Gruppe mittelalter Menschen vor, die irgendwie anders sind als der Rest der Gesellschaft. So, wie Hermanis mit seinem konservativen Gedankengut aneckte und mehr oder weniger ausgeschlossen wurde aus gewissen ("linken") Kreisen, so fühlen sich auch diese drei Männer und zwei Frauen fremd in einer Welt, die sie nicht mehr verstehen - denn sie lieben diesen "sächsischen Gnom", wie sie Meister Wagner bisweilen zärtlich spöttelnd nennen.

Doch nur "insgeheim" eben, steht erklärend im Programmheft, "weil die Hingabe an das romantische Pathos in München 2017 generell als verdächtig gilt. Der Nachbar darf von der verzückten Einbildungskraft nichts wissen". Diese Behauptung ist so originell wie ein Dirndl auf dem Oktoberfest. Selbst eingefleischte Wagnerianer dürften sie lustig finden und das Ganze für eine Art Satire halten.

Sie suchen die Gral so, wie andere Kegeln gehen

Doch von Satire ist in der zweistündigen, nach dem Originalvorbild in drei Akte aufgeteilten Inszenierung nun aber leider gar nichts zu spüren und zu hören. Sieht man einmal davon ab, dass zumindest die Zusammenstellung der Gruppe mit dem romantischen Sendungsbewusstsein einigermaßen originell ist.

Denn nicht etwa das Bildungsbürgertum bunkert sich an festgelegten Wochentagen in einem gediegenen Altbau-Apartment (76,35 Euro Miete pro Nase - echt Münchner Preise!) ein, um bei Wagner-Klängen, versteckt und verschreckt wie die ersten Christen, dem Glauben an und der Leidenschaft für die hehre Kunst zu dienen.

Es sind ganz normale Arbeiter aus dem ganz normalen Volk, solche vielleicht, die jedes Jahr mit den verbilligten Gewerkschaftskarten zum Hügel pilgern: ein Busfahrer, eine Bibliothekarin, eine Friseurin, ein Bäcker, ein Fotoingenieur. Aus purer Leidenschaft tun sie das. So, wie andere Kegeln gehen, suchen sie den Gral. Ein wenig süchtig sind sie vielleicht nach den Klängen - oder gar besessen?

Ihre Treffen gestalten sie dabei seltsam spröde wie VHS-Kurse, mit Reclam-Heftchen und Hörbeispielen. Sie aber kennen den Inhalt auswendig, wagen sich in Rollenspiele hinein, wo sie alle etwas deplaziert wirken. Die zwei Damen streiten sich, wer diesmal die Elsa sein darf. Von den Männern wird der Lohengrin reihum gegeben.

Dann sprechen sie weihevoll ihre Texte, das Pathos donnert, und der Kitsch wird wallend zelebriert. Alle verschmelzen mit der Musik, und ihre Hände schwirren durch die Luft wie einst die von Rudolf Kempe oder Karl Böhm.

Sie wissen Kluges über Wagner von Thomas Mann bis Nietzsche. Und wenn sie sich über "die Germanen" uneins sind, dann ganz bestimmt nicht aus völkischen Gründen. Wie überhaupt das Politische in diesem auf Boulevard-Beliebigkeit herabgedimmten Ausflug in die Hochkultur nicht vorkommt.

Geschichten aus dem öden Leben

Denn eigentlich ist das ganze Gesumse und Getue um "Lohengrin" bei den Treffen nur eine Vortäuschung falscher Tatsachen. In Wirklichkeit sind die fünf nämlich gar keine hoffnungslosen Romantiker, die in einen Glaubenskrieg darüber geraten könnten, ob die Musik nun "blau" oder "grün" ist. Das heißt: Romantisch sind sie schon, aber dazu bräuchten sie Wagner nicht unbedingt.

Sie sind ganz einfach sehnsüchtig und zeitverloren, weil sie allein sind, sitzen gelassen, betrogen wurden. Treulich geführt würden sie gerne dahinziehen und träumen von Glück und Zuneigung, von der Liebe, wie sie so schmachtend besungen wird. Und das Unglück, das in der Oper ja auch dicke kommt am Ende, kennen sie zur Genüge aus eigener Erfahrung.

Hermanis hat die textlichen Inhalte für sein etwas wackliges Ideengerüst ("verdächtig" ist da schnell gar nichts mehr) zusammen mit den Schauspielern Götz Leineweber, Wolfram Rupperti, Charlotte Schwab, Ulrike Willenbacher, Paul Wolff-Plottegg und Manfred Zapatka verfasst, als (Proben-)Work in process sozusagen. Sie erzählen Geschichten aus den richtigen, vorzugsweise öden Leben, als wären es ihre eigenen.

Da menschelt es von Akt zu Akt mehr, wenn da von Schrullen und Einsamkeiten gesprochen wird, von putzigen Angewohnheiten und verpassten Lieben, von Absurditäten des Alltags, traumatischen Erinnerungen und intimen Banalitäten. Und das ist ja auch ganz nett, und die Gefühle schwappen, aber eben doch auch entsetzlich harmlos, bald betulich und am Ende nur noch lähmend langweilig. Das liegt freilich auch daran, dass diese Figuren ihre Charaktere wie stichwortartige Regieanweisungen vor sich hertragen.

So kommt man sich in der selbst gewählten Gralsburg, wo das Lächerliche und das Erhabene sich auf die Füße treten, näher und verliert sich doch auch wieder. Vor allem aber ist man so sehr mit dem eigenen Leben und den Lügen und Hoffnungen beschäftigt, dass keiner merkt, wie immer wieder mal der Geist des alten Lohengrin in voller Rüstung durch die Eingangstür in die Diele lautlos tritt, unschlüssig herumsteht und wieder durch eine andere Tür entschwindet.

Es könnte die zur Toilette sein. Was für ein Gag. Mein lieber Schwan!


"Insgeheim Lohengrin". Cuvilliéstheater München, nächste Vorstellungen am 7., 10. und 23.Mai, 1. Juni www.residenztheater.de 

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