Inszenierung "Three Kingdoms" Babylonisches Kuddelmuddel

Von Tallinn über München nach London. "Three Kingdoms" von Simon Stephens ist ein eindrucksvolles europäisches Theaterprojekt, zeigt aber vor allem eines: mit der Grenzenlosigkeit überforderte Protagonisten.

Arno Declair

Von Johan Dehoust


Verstehen Sie, warum der Euro in Gefahr sein soll, wenn Griechenland Pleite ginge? Ist Ihnen klar, welche Auswirkungen ein Schuldenschnitt auf Ihre Finanzen hätte? Nein? Das könnte daran liegen, dass die europäischen Finanzmärkte einfach zu schnell zu einem zu komplexen Gebilde zusammengewachsen sind, als dass man die Verbindungen noch verstehen würde. Man kann eigentlich nur zuschauen.

Eben diese Ohnmacht spürt auch Detective Ignatius Stone, die Hauptfigur in dem Theaterstück "Three Kingdoms". Nur: Sein Feld ist nicht die Finanzwelt, sondern die organisierte Kriminalität. Weil in London der vom Rumpf abgetrennte Kopf einer Prostituierten in der Themse schwimmt, ermittelt Kommissar Stone zunächst in der britischen Hauptstadt, dann in München und später in Tallinn. Immer diffuser wird das Bild, das er sich vom Mordfall macht, immer schwieriger zu durchschauen werden die Zusammenhänge.

Wer von dieser Theater-Inszenierung jetzt eine pauschale Kritik der Europäischen Union erwartet, liegt daneben. In die Gefahr gerät dieser Krimi, geschrieben von Simon Stephens, erst gar nicht. Denn das Stück selbst ist nicht anti-europäisch, sondern, ganz im Gegenteil, ein grenzüberschreitendes Produkt: Das NO99 Tallinn, das Lyric Hammersmith Theatre London und die Münchner Kammerspiele bringen "Three Kingdoms" gemeinsam unter der Regie von Sebastian Nübling auf die Bühne. So kommt es, dass diese Kriminalgeschichte an allen drei Orten, an denen Kommissar Stone seiner Arbeit nachgeht, auch tatsächlich gezeigt wird.

Die Uraufführung fand im September in Estland statt, dann zog das Ensemble nach München weiter. Und bevor die Schauspieler den Ort des Verbrechens, London, erreichen, ist "Three Kingdoms" ab kommenden Dienstag, den 15. November, noch viermal an den Münchner Kammerspielen zu sehen.

Punkrock und Porno

"Bester ausländischer Dramatiker", das ist der großspurige Titel, mit dem die Zeitschrift "Theater heute" Stephens in diesem Jahr dekoriert hat, zum dritten Mal nach 2007 und 2008. Er ist einer der nicht-deutschsprachigen Gegenwartsautoren, dessen Werke Theaterhäuser hierzulande am häufigsten zeigen. Auch Regisseur Sebastian Nübling war bereits bestens mit den Texten des Engländers vertraut, bevor er sich an die Umsetzung von "Three Kingsdoms" machte. In seiner Vita ist zu lesen, dass er schon die Stephens-Stücke "Reiher", "Pornografie", "Ubu" und "Punk Rock" inszeniert hat. Vielleicht liegt es gerade an dieser Vertrautheit, dass seine Inszenierung an den Kammerspielen so stimmig, so dynamisch erscheint. Nübling verkrampft nicht in Details, sondern baut auf den Fluss der ganzen Geschichte, die irgendwo zwischen ironisch-trockener Krimiserie und antikapitalistischem Gesellschaftsdrama angesiedelt ist.

Kommissar Stone (mal brachial und hinterhältig, mal einsam und sehnsüchtig: Nick Tennant) schlägt sich durch eine Wirrnis, die sich auf der Bühne auch als Sprachenkuddelmuddel zeigt. Das Ensemble setzt sich zusammen aus englischen, deutschen und estnischen Schauspielern, die jeweils in ihren Heimatsprachen spielen. Durch simultane, teilweise verkürzte Übersetzungen, sowie kleine russische und türkische Fragmente, steigert sich das Ganze bisweilen zu einem babylonischen Durcheinander, dem nur noch schwer zu folgen ist.

In München trifft Stone auf Dresner (Steven Scharf), einen arbeitswütigen, schmierigen Kriminalkommissar, der sich an seinen Ermittlungen im Pornogewerbe aufgeilt. In Tallinn begegnet er einer Bande junger, quirliger, aber auch masochistisch-brutaler Männer. Für den "Detective" wird es in diesem sprachlichen und emotionalen Chaos immer undeutlicher, wonach er eigentlich noch auf der Suche ist, und es fällt ihm schwer, klar zwischen Gut und Böse zu unterscheiden.

Es ist eine triste Welt, die Regisseur Nübling auf der Bühne entstehen lässt. Die Protagonisten irren an kahlen Betonwänden (Bühnenbild: Ene Liis Semper) entlang, ohne inne zu halten - und ohne sich wirklich zu begegnen. Ein grenzfreies Europa erscheint wie ein fernes Märchen. Die phantastisch sehnsüchtige Musik, unter anderem das Seemannslied "La Paloma" oder Chris Isaaks langgezogenes "I Wanna Fall In love", verstärkt das Gefühl der Verlorenheit in einem undurchschaubaren System.

Er wolle mit aller "Wahrhaftigkeit das Chaos beschreiben, in dem wir leben", hat Simon Stephens einmal gesagt. Diesem Gedanken folgt Stefan Nübling. Ohne spektakulär mit Fäkalien oder Blut herumspritzen zu lassen, inszeniert er ein einprägsames, manchmal fast psychedelisches Chaos.

Besonders den Machern von einfältigen Fernseh-Krimis ist zu raten, sich noch schnell Karten für "Three Kingdoms" zu besorgen. Es inspiriert sie ganz bestimmt.


Three Kingdoms. Am 15., 16., 18. und 19. November in den Münchner Kammerspielen. Kartentelefon: 089/233 966 00.



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