Fotostrecke

"Entweder Broder": Integrations-Safari durch Deutschland

Foto: ARD

Integration Wir waren nie unter uns

Die einen träumen fast nostalgisch von einer Zeit ohne Zuwanderer - die anderen romantisieren Immigration als Bereicherung für Deutschland. Beides ist falsch. Migranten gab es in Deutschland schon immer. Und sie bereichern völlig zurecht erst mal sich selbst.
Von Henryk M. Broder

Die Integrationsdebatte, die derzeit in der Bundesrepublik geführt wird, gleicht einem Krach bei einer Familienfeier. Nachdem sie lange unter einem Dach gelebt haben, entdecken die Angehörigen plötzlich, dass sie mehr trennt als verbindet.

Den einen gehört die Immobilie, die anderen wohnen darin nur zur Miete.

Einige nehmen die Hausordnung genauer als die anderen, die ihre Wäsche auch nach zehn Uhr abends und ihre Autos vor der Haustür waschen.

Die einen haben keine Kinder, die Kinder der anderen lärmen auf der Straße.

Es sind Kleinigkeiten, die lange keine Rolle gespielt haben, nun aber für böses Blut sorgen. "Wir waren euch nie willkommen!", rufen die einen. "Ihr seid undankbar, nach allem, was wir für euch getan haben!", geben die anderen zurück.

Ein Sozialarbeiter, der im Nachbarhaus wohnt, bietet sich als Vermittler an. Er stellt einen runden Tisch im Garten auf und holt noch zwei, drei Mediatoren dazu, die sich auf interfamiliäre und intergenerationelle Konflikte spezialisiert haben. Es dauert nicht lange und es sitzen mehr Vermittler am runden Tisch als Familienangehörige, die derweil dem lokalen Fernsehen Interviews über die zunehmend unangenehme Stimmung in ihrem Haus geben.

Klingt nach einer Telenovela aus Wanne-Eickel, ist aber das, was derzeit im ganzen Lande gespielt wird.

Wir waren nie "unter uns"

Es scheint eine deutsche Spezialität zu sein, das Kind mit dem Bade auszuschütten. Während der Bundespräsident verkündet: "Der Islam gehört zweifellos zu Deutschland", sagt die Kanzlerin: "Multikulti ist tot." Es kann nur einer recht haben. Wenn der Islam zu Deutschland gehört wie das Christentum, das Judentum, der Karneval im Rheinland, die Kehrwoche in Schwaben und das Holstentor in Lübeck, dann hat sich Multikulti in Deutschland als Normalität etabliert. Ist Multikulti aber tot und gibt es eine dominante "deutsche Leitkultur", dann müsste diese definiert oder zumindest umrissen werden. Das hat bis jetzt niemand getan, sieht man von dem luftigen Rekurs auf die "christlich-jüdischen Werte" ab, von denen das Abendland angeblich geprägt wurde, vor allem während der Pogrome zu Beginn der Kreuzzüge, der Reformationszeit unter Luther und der zwölf Jahre des Tausendjährigen Reiches.

Die Deutschen tun sich außerdem schwer, die einfache Tatsache einzusehen, dass alles seinen Preis hat. Der territoriale Rückbau des Deutschen Reiches und die deutsche Teilung waren der Preis für den Zweiten Weltkrieg. Das Glück gleicht dem Balle, es steigt zum Falle, hat schon Gottfried Benn gereimt. Der Preis für den Fall der Mauer war wiederum das Ende der Bonner Republik und der westdeutschen Gemütlichkeit.

Auf den Alltag übertragen bedeutet das: Man kann nicht zu viert für 1200 Euro "all inclusive" einen Monat lang in Antalya Ferien machen, aber dem Zimmermädchen aus dem Hotel Marmara das Recht verweigern, einen besser bezahlten Job auf der Insel Usedom anzunehmen. Man kann auch nicht deutsche Autos in alle Welt exportieren, vor allem solche, die sich nur wenige in Deutschland leisten können, sich dann aber darüber aufregen, dass es Menschen gibt, die - statt diese Autos zu kaufen - bei ihrer Herstellung mitmachen und mitverdienen möchten. Jedes Land exportiert das, was es hat. Deutschland seine Hightech-Produkte, die Dritte Welt ihren Überschuss an Menschen, die Arbeit suchen.

Dummerweise hat die Integrationsdebatte zu einer Art Nostalgie geführt: War das schön, als wir noch unter uns waren! Als Conny Froboess "Zwei kleine Italiener" und Paul Kuhn "Es gibt kein Bier auf Hawaii" sang, als man im "Wienerwald" Backhendl serviert bekam und Heinz Schenk seine Gäste im "Blauen Bock" empfing.

Aber die Erinnerung täuscht. Wir waren nie "unter uns". Um 1910 herum lebte eine halbe Million Polen im Ruhrgebiet. Es gab Städte, in denen die Deutschen in der Minderheit waren, Bottrop zum Beispiel. Zu Beginn der zwanziger Jahre suchten mehr als 300.000 Russen Asyl in Berlin, im ganzen Reich waren es etwa 600.000. Nach 1945 strömten Millionen Deutsche aus den Ostprovinzen in den Westen. Die meisten von ihnen waren Protestanten und in katholischen Gegenden wie dem Münsterland so willkommen wie ein Osterhase auf einer Weihnachtsfeier.

Wann begann die Romantisierung der Einwanderer?

Es waren Vertriebene, Flüchtlinge und Auswanderer. Der Bürger mit Migrationshintergrund war noch nicht erfunden. Es gab auch keine Migrationsforscher, keine Integrationslotsen, keine Kiezmanager und keine Ausländerbeiräte. Die Zugewanderten waren auf sich angewiesen. Sie hatten die Brücken abgerissen, über die sie gekommen waren. Und weil das Satellitenfernsehen noch nicht erfunden war, bekamen sie nicht alles mit, was "daheim" passierte, und waren auch nicht in der Lage, zwischen Integration und Assimilation zu unterscheiden. Natürlich lebten sie in "Parallelgesellschaften", die freilich von der Mehrheitsgesellschaft nicht subventioniert wurden.

Wann und womit begann die Romantisierung der Einwanderer, zum einen als Opfer, zum anderen als kultureller Zugewinn? Vermutlich mit der Behauptung, die Neubürger würden "unsere Gesellschaft bereichern". Eine geradezu absurde Vorstellung: Irgendwo in der Tiefe des russischen Raumes oder im äußersten Nordosten von Anatolien sitzen ein paar Naturburschen rund um ein Feuer und überlegen, wie sie das verarmte Deutschland bereichern könnten. "Lasst uns Geld für ein Jugendzentrum in Wanne-Eickel sammeln", sagt einer. "Ich weiß was Besseres", meint ein anderer, "wir ziehen hin."

Jeder Migrant, der nicht auf den Kopf gefallen ist, möchte zuerst sich und seine Angehörigen bereichern; deswegen geht er dorthin, wo es Arbeit gibt. Leistet er einen Beitrag zum Bruttosozialprodukt, zahlt er Steuern und sorgt dafür, dass seine Kinder was lernen, bereichert er sich und die Gesellschaft gleichermaßen.

Aber das wäre zu einfach. Inzwischen geht es nicht um die Integration der Einwanderer, sondern darum, eine boomende Integrationsindustrie am Leben zu erhalten. Erst wenn jeder Bürger mit Migrationshintergrund seinen persönlichen Integrationshelfer bekommen hat, wird die Einwanderung ihre Aufgabe erfüllt haben.

Vom Autor ist an diesem Sonntagabend um 23.35 Uhr in der ARD die Serie "Entweder Broder - Die Deutschland-Safari!" zu sehen (Teil 1 von 5: Von Adolf bis Allah).

Mehr lesen über