Integrationsprobleme Der Hochmut des Westens

Muslime können sich vor gut gemeinten Ratschlägen nicht retten. Dabei verstellt die Obsession mit dem Islam den Blick auf die Schwächen unserer Demokratie, meint Nils Minkmar in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung".

In der Soziologie der Institutionen kennt man eine unfaire, aber beharrliche Regel: Neuzugänge müssen Bedingungen erfüllen, die die Stelleninhaber nicht im Traum schaffen würden. Studierende beispielsweise müssen Fremdsprachentests bestehen, an denen viele Lehrstuhlinhaber einer gewissen Generation scheitern würden. Bewerber für neue Stellen müssen eine Vielzahl von neuen Technologien beherrschen, den Chefs reicht ein Bruchteil davon.

Nicht anders ergeht es Religionen: Muslime, also Deutsche, die ihr grundgesetzlich geschütztes Recht auf freie Religionsausübung genießen wollen, müssen derzeit, insbesondere im Umfeld der Islamkonferenz, erleben, dass man ihnen allerlei Vorschriften, Tipps und Empfehlungen zum besseren Frommsein ins Stammbuch schreibt: Sie sollten besser einheitlich organisiert sein, nämlich so wie die christlichen Kirchen; sie sollten sich in ihrer Außendarstellung, was also Moscheenarchitektur und Muezzinrufe angeht, grundsätzlich und überhaupt in allem bescheidener geben als, sagen wir, die Katholiken in Bayern; und sie müssten, das empfiehlt heute jeder Zeitungsleser, eine Reformation ihrer Religion vollziehen.

Diese Empfehlung geht umso leichter von den Lippen, als längst vergessen ist, welche blutigen Begleiterscheinungen die europäische Reformation zeitigte und dass diese Kosten von Nichtmuslimen ohnehin nicht zu tragen wären. Wer einer Religion nicht angehört, kann alles Mögliche von ihr fordern. Und wer als Atheist im staatlichen deutschen Klassenzimmer immer die Kruzifixe, manchmal das Morgengebet und häufig Nonnen und Priester in Tracht erlebt hat, die unterwegs waren, Religionsunterricht zu erteilen, kann sich nur wundern, mit welcher Verve nun plötzlich gegen die Zurschaustellung religiöser Symbole im Klassenraum vorgegangen wird.

Auch die allgemeine und brennende Sorge um das Wohlergehen und Fortkommen von Mädchen aus muslimischen Migrantenfamilien ist schön, aber überraschend: Jahrzehntelang hat dieses Thema wirklich keinen interessiert, Schulen, Jugendämter, Vereine hätten sich doch schon längst mal um die Förderung türkischer Frauen und Mädchen kümmern können.

Die öffentliche Rede über den Islam in Deutschland klingt immer noch so, als wolle jemand exotische Pflanzenarten importieren: von Besonderheiten, Anpassungsschwierigkeiten und wechselseitigen Prozessen ist die Rede, als gingen nicht längst Millionen von deutschen Migranten in die Moschee zum Beten, ohne dass unser Land auch nur irgendeinen Schaden davon genommen hätte. Aber selbst erfahrenen Journalisten entfährt es bei den Berichten zur Islamkonferenz: „die Deutschen sagen“, „die Muslime sagen“. Es wird noch lange dauern, bis die schon 1949 erdachte und garantierte Möglichkeit, dass man als deutscher Staatsbürger auch etwas anderes sein mag als ein Christ, sich in der Sprache niederschlägt.

Das Bemühen, den Islam zu kommentieren und unserem Bild gemäß zu korrigieren, übertrumpft derzeit die gebotene Zurückhaltung im Umgang mit einer Religion, der man nicht angehört, und verstellt vor allem den Blick auf die gegenwärtig besorgniserregenden Probleme und Perversionen in den westlichen Demokratien.

Wenn wir unsere Werteordnung ernst nehmen würden, müsste es Anklagen hageln

Ein typisches Beispiel für die Schieflage der aktuellen Debatte ist die Sorge der Integrationsbeauftragten Maria Böhmer, dass für fromme Muslime der Koran höher stehe als das Grundgesetz. Da wird mit doppeltem Maß gemessen, denn auch für fromme Christen wäre es viel verlangt, auf staatliche Anfrage zu bestätigen, er schätze die Bibel oder die zehn Gebote, immerhin direkt von Gott stammend, geringer als einen noch so schönen Text von 1949 von Carlo Schmid und seinen Kollegen. Da sind einfach zwei unterschiedliche Bereiche angesprochen, aber wo man im Christentum die durch schwere Kämpfe erfochtene, nun schon lange gelebte Praxis der Trennung von Kirche und Staat zugutehält, rekurriert der durch ein aktuelles Interesse erwachte Diskurs über den Islam auf die Texte des 7. Jahrhunderts auf der arabischen Halbinsel. Dass Millionen von Muslimen seit Jahrzehnten friedlich und gesetzestreu hier leben, wird der Religion nicht gutgeschrieben.

Christliche Ehrenmorde

Zu Recht wird der Begriff der Ehrenmorde mit Abscheu angeführt und in die Diskussion mit islamischen Vertretern eingebracht. Dabei kann – die Berliner Kulturwissenschaftlerin Christina von Braun hat unlängst darauf hingewiesen – der aufmerksame Leser der Lokalseiten der Zeitungen beinahe jede Woche Berichte über Morde von deutschen, christlichen Männern an Frauen finden, die sich vor geraumer oder längerer Zeit von ihnen getrennt haben. Man spricht dann gern von Stalkern, von Beziehungsdramen und nicht von Ehrenmorden, weil es keinen Clanbeschluss gab. Aber auch solche Morde werden vor Gericht oft allzu milde bestraft. Und natürlich wird kein Mensch Kardinal Lehmann dafür verantwortlich machen, weil die Trauformel impliziert, nur der Tod könne die Ehe scheiden.

Dass der Islam die männliche Gewalt, den Antisemitismus, das Patriarchat, den Extremismus, die Waffenverliebtheit, die Faulheit abschaffen soll, bevor er hier wirklich willkommen ist, kann man natürlich auch als Nichtmuslim fordern. Überzeugender wäre solch eine Forderung, wenn wir auch selbst diese Dinge voll im Griff hätten.

All die Bemühungen um eine Anpassung des Islams an von anderen Religionen erstellte DIN-Normen müssen scheitern. Es ist ganz einfach: Der Islam kann und wird nur durch Muslime verändert werden. Die Schriftstellerin Margriet de Moor hat ganz zu Recht bemerkt, dass die Voraussetzungen für eine solche Arbeit an der Religion in freien, wohlhabenden Ländern Europas besser sind als im Irak. Der praktizierte Rechtsstaat, die offene Gesellschaft und die Marktwirtschaft sind der beste Nährboden auch für eine Entwicklung des Islams. Theologen wie Tariq Ramadan sagen das schon lange.

Am überzeugendsten wirbt eine liberale Demokratie mit dem, was ihr und nur ihr eigen ist, nämlich Toleranz, Rechtsstaatlichkeit, Freiheit, auch des Glaubens, auch der Erziehung, und schließlich, so paradox es klingen mag, mit scharfer, öffentlicher Selbstkritik. Auch das macht den Eros von Hollywood aus: dass sich schon immer Stars wie Humphrey Bogart, Lauren Bacall, heute George Clooney oder Leonardo DiCaprio gegen die herrschenden Verhältnisse in ihrer Heimat geäußert haben. Dieser Punkt ist aber in den Zeiten des Terrors arg vernachlässigt worden. Dass westliche Regierungen Lügen erfinden, um Angriffskriege zu beginnen, im großen Stil foltern, zum Teil eigene Staatsbürger, und in weiten Teilen den Rechtsstaat außer Kraft setzen; dass Araber, völlig unschuldige Menschen, abgeschossen werden wie Hasen, so etwas war vor dem 11. September nur auf islamischen Hassseiten zu lesen, seitdem aber zunehmend in der „New York Times“. Pausenlos wird unsere schöne Werteordnung in Abgrenzung zum islamischen Extremismus beschworen. Doch diese paar blutrünstigen Fanatiker bannen unseren Blick derart, dass die kritische Prüfung, ob die Werte wirklich in Ordnung sind, die eigentliche Stärke des modernen Denkens also, seit sechs Jahren vernachlässigt wird.

Das irre Grundgesetz

Was waren das eigentlich für Irre, die damals das Grundgesetz aufgesetzt haben? Das ganze Land war zu jener Zeit voller fremder Soldaten. Millionen von Flüchtlingen, nur mäßig willkommen, strömten in den deutschen Westen, dessen Städte mehr oder weniger Ruinen waren. Da hätte man es doch verstanden, wenn sie dort geregelt hätten, dass in Deutschland weiße Menschen christlichen Glaubens leben und alles andere Ausnahmen wären, die ein Gesetz regelt. Stattdessen schrieben sie diesen einfachen Satz von der Würde des Menschen. Nicht die Würde des Deutschen, des Visumsinhabers, des Steuerzahlers, desjenigen mit den richtigen Papieren – die des Menschen. Auch die des Kriminellen, des Extremisten, des verhinderten Kofferbombers soll geschützt werden, und es kommt im zweiten Satz bekanntlich noch doller: Der Staat muss sich um die Würde solcher Typen auch noch kümmern.

Menschenwürde ist, wie George Bush einst so launig bemerkte, ein schwammiger Begriff. Aber in einem sind sich alle einig: Es gibt keinen direkteren Angriff auf die Würde des Menschen als Folter.

Einen Murat Kurnaz konnte man sich im Bonn der vierziger Jahre nicht vorstellen, aber was enthemmte Gewalt war, wussten alle. Dennoch lässt Artikel eins kein Türchen offen. Die Irren des Parlamentarischen Rats sind sogar so weit gegangen, keine Ausnahmen zu machen für wirklich Schuldige: Selbst ein Herr Zammar, der mit der Harburger Zelle unter einer Decke steckte, ja, ihre Decke war, darf nicht gefoltert werden, auch nicht in Syrien. Verrückt, aber so ist es. Wenn wir unsere Werteordnung selber ernst nehmen würden, müsste es in diesen Fällen Anklagen hageln. Bis jetzt tröpfelt es nur. Der lasche Umgang mit den Fällen Kurnaz, El Masri und Zammar – für unseren Verbündeten, die Vereinigten Staaten, sind es ja Hunderte, die alle klagen können und das sicher auch tun werden – ist eine stärkere Herausforderung unserer Werteordnung als jeder Moscheeneubau.

Über fünf Jahre haben wir das Grundgesetz, die Bill of Rights, die Genfer Konvention hoch- und den Fanatikern entgegengehalten. Höchste Zeit, die Hände wieder herunterzunehmen und in diesen Texten zu lesen. Ihre Umsetzung käme, beim derzeitigen Zustand des Westens, einer Revolution gleich.

Dieser Beitrag wurde mit freundlicher Genehmigung aus der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" übernommen.