Integrationsrunde bei Maybrit Illner Minarette, Mixa und der Multikulti-Irrtum

Wie hoch darf ein Minarett in Deutschland sein? Mit solchem Kleinkram palaverte Maybrit Illners ZDF-Talkrunde zum Islam instinktsicher an jeder wichtigen Frage vorbei. Nicht einmal der zuvor als Pol Pot verunglimpfte Bischof Mixa brachte Feuer in die Runde.

Von Henryk M. Broder


Die Tage werden kürzer, die Abende länger und das Fernsehprogramm immer fader. An Manfred Schell, den Chef der Gewerkschaft der Lokführer, haben wir uns inzwischen so gewöhnt, dass wir ihn vermissen werden, sollte der Arbeitskampf auf der Schiene jemals ein Ende finden; ebenso an die vielen allein erziehenden Mütter, die nicht dazu kommen, sich um ihre Kinder zu kümmern, weil sie immerzu darüber berichten müssen, wie sie von der Gesellschaft im Stich gelassen werden. Pendler, die jeden Tag zur Arbeit rollen, wollen stündlich über den letzten Stand der Debatte über die Kilometerpauschale informiert werden.

Talkmasterin Illner: Charmant und autoritär
ZDF

Talkmasterin Illner: Charmant und autoritär

Da trifft es sich gut, dass man beim ZDF eine "Woche der Integration" ins Programm genommen hat, um zu zeigen, was die Bürger mit Migrationshintergrund tun sollten, damit sich die deutschen Mitbürger in der "Wohngemeinschaft Deutschland" wohl fühlen können. Denn wer schon einmal in einer WG gewohnt hat, weiß aus Erfahrung: Nur Ferien auf dem Bauernhof sind noch anstrengender.

Und so trafen sich gestern Abend bei Maybrit Illner lauter Integrationsexperten, um Ansichten über die Frage "Passt der Islam nach Deutschland?" auszutauschen. Es ging vor allem darum, ob Minarette höher sein dürfen als Kirchentürme und ob "wir" Angst vor dem Islam und Muslimen haben sollten.

Keine "Islamophobie" vor dem 11. September 2001

Diese Debatte ist nicht ganz neu. Außerdem geht sie von falschen Voraussetzungen aus. Es geht nicht um Religion und Glauben. Die sind Privatsache. Ob jemand am Freitag, am Samstag oder am Sonntag betet, ob er koscher oder halal isst, ob er Alkohol oder Apfelsaft trinkt, ob er im Ramadan oder an Jom Kippur fastet, ob er an die Auferstehung Jesu oder an das baldige Erscheinen des Messias glaubt – all das ist vollkommen unwichtig. Das Einzige, worauf es ankommt, ist: Welche Assoziationen werden ausgelöst, wenn von einer Religion die Rede ist.

Würden wir nicht jeden Tag von Selbstmordattentaten im Namen Allahs lesen, bei denen Hunderte von Menschen massakriert werden, wären die Attentäter vom 11. September nicht gläubige Muslime gewesen, die davon überzeugt waren, dass sie göttlichen Willen vollstrecken und dafür im Paradies belohnt werden, wüssten wir nicht von öffentlichen Hinrichtungen an Homosexuellen und Steinigungen von Frauen im Gottesstaat der Ajatollahs, von Ehrenmorden in Amsterdam und Berlin, hätte kein Mensch Angst vor dem Islam und den Muslimen. Und die Frage, wie hoch Minarette in Köln und Paderborn sein dürfen, würde sich gar nicht stellen.

Es gab vor dem 11. September 2001 keine "Islamophobie", und wenn es sie heute gibt, dann ist sie nicht ein Ausdruck von Hysterie, sondern Folge der Erkenntnis, dass natürlich nicht alle Muslime Terroristen sind, aber so gut wie alle Terroristen der letzten Jahre Muslime waren. Was wiederum nicht zu einem "Generalverdacht" führen, aber doch die Frage erlauben sollte, ob der Islam von Natur aus die "Religion des Friedens" ist, als die er sich darstellt - unabhängig davon, wie Muslime ihren Glauben in die Tat umsetzen.

"Wir haben zu wenig repräsentative Moscheen"

Doch davon war gestern bei Maybrit Illner nicht die Rede. Es ging, wie üblich, darum, wie viele Moscheen es schon in der Bundesrepublik gibt und ob es noch mehr sein sollten. "Wir haben zu wenig repräsentative Moscheen", sagte Bekir Alboga, Sprecher des "Koordinierungsrates", und überraschte mit dem Versprechen, in den neuen repräsentativen Moscheen würden auch Deutschkurse, Integrationskurse und Berufskurse angeboten werden. Der Hamburger Bürgermeister Ole von Beust erklärte, es gebe allein in Hamburg schon 40 Moscheen, und er könne es sich "schwer vorstellen", dass ein Minarett höher sein könnte als der Turm des Hamburger Michel.

Nadja Benaissa, Sängerin bei den No Angels mit muslimischem Migrationshintergrund und "ein klassisches Beispiel für gelungene Integration" (Illner), klagte derweil über die "Vorurteile, die von den Medien geschürt" werden und auch darüber, dass "die Armen immer ärmer und die Reichen immer reicher" werden. Das hatte zwar mit dem Thema des Abends nichts zu tun, aber so ein Satz kommt in jeder Talkrunde gut an. Worauf Ole von Beust feststellte: "Integration muss ganz früh anfangen", am besten schon im Kindergarten; auch dies eine Erkenntnis, der man nichts entgegen setzen kann.

In der Runde saß auch Walter Mixa, der Bischof von Augsburg. Er gilt als streng konservativ bis reaktionär, ein Mann mit Ansichten, die seine Gegner dazu bringen, verbal Amok zu laufen. Claudia Roth hat ihn erst vor zwei Tagen mit dem Massenmörder Pol Pot in einem Satz genannt, obwohl Mixa nachweislich noch niemanden umgebracht hat. Doch auch der standfeste Katholik zeigte sich weich wie ein Gummibärchen und redete konsequent am Thema vorbei. Er sei "dankbar und froh, dass wir in einer freiheitlichen Demokratie leben", der Mensch sei "ein religiöses Wesen", das nach dem Sinn des Lebens suchen würde, außerdem sei es "ganz wichtig, Geduld füreinander zu haben".

"Ich weiß, ich bin zu nett"

Frau Illner, charmant und autoritär wie immer, scheiterte mit jedem Versuch, dem Gottesmann mehr als nur allgemeine Plattitüden zu entlocken. Dafür wurde Bekir Alboga, ("Ich weiß, ich bin zu nett"), der Vertreter der Muslime, konkreter als es die Wahrheit erlaubt. Hasspredigten in deutschen Moscheen seien "Ausnahmen", in der Türkei könnten "historische Kirchen restauriert werden", im Koran sei von einer Todesstrafe für Aussteiger nirgendwo die Rede. Alboga weiß es besser, aber er verlässt sich darauf, das seine Mitredner zu höflich sind, ihm zu widersprechen.

Dass die Diskussion gelegentlich doch konkret wurde, lag vor allem an der Anwältin Seyran Ates, die gerade ein Buch über den Multikulti-Irrtum geschrieben hat. Eine Integration, die nicht stattgefunden habe, könne auch nicht scheitern, sagte sie, Religionsfreiheit bedeute auch die Freiheit, keiner Religion anzugehören und keinen Glauben zu haben, es gebe Millionen säkularer Muslime, aber auch "Auslegungen des Koran, die den Menschenrechten widersprechen". Eigentlich lauter Selbstverständlichkeiten, aber so wie die Dinge nun mal sind, muss man dafür schon dankbar sein.

Wie neuerdings bei Talkshows üblich, wurde der gesunde Menschenverstand durch einen Gast im Publikum vertreten. Diesmal war es der Präsident eines türkischen Sportvereins. Was er sagen wollte, wurde nicht ganz klar, selbst Frau Illner schien ein wenig ratlos. Aber der Satz, mit dem er sein Statement beendete, war eindeutig. "Die Deutschen sollten sich ein bisschen anpassen."

Und nun zurück zu Manfred Schell und den Lokführern.



insgesamt 97 Beiträge
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Pinarello, 09.11.2007
1. Penetrante Political Correctnes
Ich kam gerade von der Arbeit nach Hause und schaute mal nach den Nachrichten eine Weile zu, es war das übliche "Political Correctnes" Gelaber ohne Sinn und Inhalt, die Molems waren natürlich nur absolut friedliche, aufgeklärte und ach so verständnisvolle Moslems. Also wieder mal voll an der Realität vorbei, außerdem war ziemlich offensichtlich, daß Frau Illner äußerst schlecht vorbereitet war, d. h. ihre Interessen derzeit anderweitig ausgelastet sind. Der intelligenteste war noch der Bischof, der sagte nämlich so gut wie gar nix und hat damit das Beste aus dem ganzen Unsinn gemacht.
Lübecker, 09.11.2007
2. Sehr guter Beitrag!
Herr Broder ist und bleibt ein scharfer Beobachter und ein vorzüglicher Analytiker. Danke!
zamfe 09.11.2007
3. ...
Witziger als der Artikel wäre die Sendung selbst schade dass ich keine Antenne hab.
marathon9000 09.11.2007
4. Integration - ja bitte
Man sollte mal versuchen, in den USA ohne ausreichende Englischkenntnisse über Jahre hinweg überleben zu können. Man sollte mal versuchen, in der Türkei oder besser noch in einem arabischen Land einen Meinungskrieg zwischen Protestanten und Katholiken auf offener Straße zu führen. Man sollte in einem muslimischen Land als Christ im öffentlichen Fernsehen einen Moslem als Ungläubigen titulieren. Unsere Toleranz in Deutschland wird mit Füßen getreten. Leider treibt dieser Umstand immer mehr Menschen dazu, den braunen Dumpfbacken zuzuhören.
turkisharmy 09.11.2007
5. Berlin Mitte
Frau Illners "Talk Show" ist absolut überflüssig. Warum soll ich diese Person mit meinen Gebühren bezahlen, für die ich hart arbeiten muss. Jetzt wo sie ihren stinkreichen Lover hat, kann sie ja zuhause bleiben und mit ihm ihre Gesprächsrunden veranstalten. Aber wahrscheinlich wäre das ein Trennungsgrund und ein Artikel bei SPON wert.
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