Margarete Stokowski

Gespaltene Gesellschaft Integrieren - in was?

Viel geht es derzeit um gemeinsame Werte. Doch wo sind diese Werte, wenn ein Land einen Regierungschef als Despoten bezeichnet und ihm doch Waffen liefert? Da bleibt wohl immer ein Rest von Fremdsein.
Die Kuckucksuhr, typisch deutsch?

Die Kuckucksuhr, typisch deutsch?

Foto: Hendrik Schmidt/ picture alliance / dpa

Wer als Deutscher unter Deutschen leben will, so lernen wir in diesen Tagen, der sollte sich keinen Fehler erlauben, wenn es in seiner Biografie etwas gibt, das ihn im Zweifelsfall zum unanständigen, schlecht integrierten Türken werden lässt. In diesem Sinne hat Mesut Özil sich den Super-GAU geleistet, als er sein Foto mit Erdogan verteidigte (respektlos gegenüber den von Erdogan Unterdrückten) und dem DFB zugleich vorwarf, sich zum Teil rassistisch zu verhalten (offenbar noch schlimmer respektlos gegenüber den Deutschen, die ja wohl selbst wissen, wann sie rassistisch sind und wann nicht).

Er wisse nicht, wie der Fall Özil Auskunft geben solle über die Integrationsfähigkeit in Deutschland, sagte Außenminister Heiko Maas, und wenn er darin Recht hat, dann nicht allein wegen Mesut Özil, sondern auch wegen der Integration selbst.

Politisch in der Mitte und trotzdem homophob?

Wer als Deutscher unter Deutschen leben will und einen migrantischen Hintergrund hat, der soll sich integrieren, da sind sich viele einig, und zwar so einig, dass sie vergessen zu sagen: integrieren in was eigentlich?

Wie integriert man sich in eine Gesellschaft wie diese, die immer gespaltener ist und an Hetze immer gewöhnter? Wie integriert man sich in eine Gesellschaft, von der Studien immer wieder bezeugen, dass die allermeisten Leute sich zwar zur politischen Mitte zählen, ihnen dies aber nicht widersprüchlich dazu erscheint, rassistische, antisemitische, homophobe Haltungen zu vertreten?

In was soll man sich integrieren, wenn die AfD in Umfragen gleich viel Zustimmung bekommt wie die SPD , und wem sollte man dann eher glauben, wenn beide von sich behaupten, sie würden das Volk vertreten? Wie integriert man sich in eine Zeit, in der eine Sozialwissenschaftlerin eine "präfaschistische Phase" aufkommen sieht ? Eine Zeit, in der viele Medien "auch die andere Meinung" hören wollen, auch wenn diese minderheitenfeindliche Hetze auf Grundlage von Vorurteilen oder Verschwörungstheorien ist?

Ausländisch ist nicht gleich ausländisch

Soll man sich integrieren in die Teile der Bevölkerung, die Erdogan für einen widerwärtigen Despoten halten, oder in diejenigen, die ihn mit Waffen beliefern, oder muss man, um ganz integriert zu sein, zu beiden loyal sein?

Wie integriert man sich als deutscher Muslim in eine Gesellschaft, in der immer wieder von "Deutschen" und "Muslimen" gesprochen wird, so als sei "Deutsch" eine Religion oder "Muslime" eine Staatsangehörigkeit?

Wie integriert man sich in eine Gesellschaft, in der das Leben verschiedener Menschen immer noch verschieden viel wert ist? In eine Gesellschaft, in der die größte deutsche Wochenzeitung fragt, ob man darauf verzichten sollte, Ertrinkende zu retten (und es dann doch nicht so gemeint haben will, Moment mal, man kennt diese Art der Rhetorik)? In eine Gesellschaft, in der es entsetzliche Gewalt gegen Obdachlose  gibt, aber kaum jemand darüber spricht, vielleicht weil man sich im die jetzt nicht auch noch kümmern kann?

Es ist dieselbe Gesellschaft, in der die Morde einer rechtsextremen Terrorvereinigung - und deren schleppende Aufklärung - immer noch nicht als der riesige Skandal der vergangenen Jahrzehnte gelten. Dieselbe Gesellschaft, in der die Zahl der sogenannten Reichsbürger und Selbstverwalter zunimmt. Etwa 16.500 Menschen zählt der neueste Verfassungsschutzbericht zu diesen Gruppen, viele seien gewaltbereit und waffenaffin .

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Stokowski, Margarete

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30.11.2022 23.01 Uhr

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Es ist nicht klar, zu welchen Werten man sich "klar bekennen" soll, wie immer wieder gefordert wird, wenn die Gesellschaft, die zu diesen Werten gehört, so aussieht wie beschrieben. Die Idee der Integration geht davon aus, dass sich etwas Kleineres in etwas Größeres einfügt, etwas Veränderbares in etwas Stabiles, etwas Neues auf eine Grundlage aus bestimmten Übereinkünften. Aber was, wenn diese stabile Grundlage nicht da ist oder vielleicht nie da war?

Und was, wenn am Ende Untersuchungen zeigen , dass sich gerade die vermeintlich besonders gut Integrierten nicht richtig zugehörig fühlen? Kann man es dann überhaupt richtig machen oder ist das der Witz an Integration in Deutschland, dass immer ein Stück Fremdsein übrig bleibt, damit der Deutsche mit deutschem Hintergrund weiß, wo er draufhauen muss, wenn es darauf ankommt?

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