Intellektuellen-Ranking Deutschland sucht das Superhirn

Das Magazin "Cicero" veröffentlicht mal wieder seine Liste der 500 bedeutendsten Intellektuellen. Auch SPIEGEL-ONLINE-Autor Reinhard Mohr ist auf ihr vertreten. Das ärgert ihn - denn er war weder bei der Stasi noch bei der Waffen-SS.

Eigentlich haben die deutschen Intellektuellen ausgespielt. Jedenfalls schweigen sie recht vernehmlich, seit Jahren schon. Zu den großen politischen Fragen der Zeit hört man kaum etwas von ihnen, schon gar nichts Fundiertes. Wenn überhaupt etwas kommt, dann sind es die gängigen Phrasen, die man aus jeder Talkshow kennt. Statements der Häppchenkultur.

Wenn sie besonders alt sind, erinnern sich deutsche Schriftsteller und Intellektuelle am ehesten noch daran, dass sie mal Mitglied der SS oder der NSDAP waren und wundern sich dann, dass sich die Medien "wie die Geier" darauf stürzen, um daraus im Handumdrehen eine der so selten gewordenen "Feuilletondebatten" zu zimmern.

Aus der Generation der 30- bis 40-Jährigen, die die Gnade der späten Geburt zu Recht genießen, hört man so gut wie gar nichts mehr, was der Statur des guten alten Intellektuellen halbwegs entsprechen würde. Das eingreifende Wort, ein Engagement aus zugleich moralischer und geistiger Verantwortung für das Ganze? Der angewandte kategorische Imperativ des denkenden Menschen, dem die Welt um ihn herum nicht gleichgültig ist? Von wegen.

Umso erstaunlicher, dass das Monatsmagazin "Cicero" doch noch 500 – lebende – deutsche "Intellektuelle" gefunden hat. Mehr noch: In seiner neuesten Ausgabe sehen wir das große "Cicero-Ranking 2007", in dem die Rangfolge der 500 Auserwählten fein säuberlich durchnummeriert ist – mit der exakten Angabe, um wie viele Rangplätze der oder diejenige binnen Jahresfrist auf- oder abgestiegen ist.

Masse statt Klasse

"Wirkmacht und Präsenz der Akteure" soll die Topliste laut Redaktion abbilden, "aber keine inhaltliche Qualität". Wir verstehen: Eine Qualifizierung ohne Qualitätskriterien. Es geht allein um die Quantität, um die "Präsenz" der jeweiligen Persönlichkeiten in den 160 wichtigsten deutschsprachigen Zeitungen und Zeitschriften.

Über elektronische Datenbanken werden sie "nach Referenzhäufigkeit durchkämmt". Darüber hinaus hat man "Zitationen" im Internet und andere Querverweise, etwa im Munzinger-Archiv, ermittelt. Herausgekommen ist eine ellenlange Namensliste der üblichen Verdächtigen aus Film, Funk und Fernsehen – die versammelte Mediengesellschaft abzüglich Nina Ruge, Dieter Bohlen und Sabine Christiansen.

"Wer hat den größten geistigen Einfluss", fragt das Magazin, kurz: "Wessen Meinung ist gefragt?"

Schon beim ersten hastigen Überfliegen drängt sich der Eindruck auf, dass der deutsche Journalismus die größte Geistes- und Deutungsmacht der Gegenwart repräsentiert. Halbe Redaktionen sind da stolz vertreten, freilich verteilt auf unterschiedliche Plazierungen, daneben überwiegend Schriftsteller, Theater- und Filmregisseure und ein paar Wissenschaftler.

Das Kreuz mit den Denkern

Auf Platz eins steht ein Theologe, der sich schon vor zwei Jahren beruflich stark verbessert hat: Joseph Ratzinger, Papst Benedikt XVI. Vielleicht einer der wenigen auf der Liste, die im strengen Sinne tatsächlich Intellektuelle sind. Wir gönnen es dem deutschen Papst und fühlen uns irgendwie mitgemeint. Wir sind schließlich auch ein bisschen Papst.

Dann allerdings distanzieren wir uns sofort wieder und möchten gerne Franzose sein. Denn auf den Plätzen zwei und drei folgen Martin Walser und Günter Grass. Die letzte bekannt gewordene Wortmeldung von Günter Grass war eine Rückenstärkung für Volker Finke, den schwer angeschlagenen Trainer des SC Freiburg.

Platz vier nimmt Harald Schmidt ein, der nach seinem Auftritt beim "heute-journal" drauf und dran ist, mit seinem kecken Augenaufschlag den deutschen Nachrichtenjournalismus zu revolutionieren. Um drei Plätze auf Nr. fünf zurückgefallen ist Marcel Reich-Ranicki. Er wird es verschmerzen.

Danach folgen Peter Handke, Elfriede Jelinek, Elke Heidenreich, Alice Schwarzer, Jürgen Habermas, Hans Magnus Enzensberger, Wolf Biermann und Botho Strauß – Bekannte und Vertraute aus jahrzehntelanger Hassliebe. Zu den größten Aufsteigern des Jahres zählen SPIEGEL-Autor Henryk M. Broder (+ 255), die deutsch-türkische Soziologin Necla Kelek (+239) und "taz"-Chefredakteurin Bascha Mika (+221).

Warum nun die Autorin und Fernsehmoderatorin Thea Dorn (Platz 258) um 17 Positionen zurückgefallen ist, während Bernd Raffelhüschen, ein Ökonom, um vier Punkte auf Nummer 220 zulegen konnte, das weiß allein die elektronische Datenverarbeitung.

Spitzel als intellektuelle Spitze

Erstaunlich auch, dass Hermann Kant, langjähriges Mitglied des ZK der SED und bis März 1990 Vorsitzender des DDR-Schriftstellerverbandes, der unter anderem dafür sorgte, dass Günter Kunert, Sarah Kirsch, Klaus Schlesinger und andere DDR-Autoren wegen ideologischer Abweichung ausgeschlossen wurden, immerhin auf Rang 249 landet – weit vor Arno Lustiger (421), "SZ"-Chefredakteur Hans Werner Kilz (434) und dem Schriftsteller Michael Kleeberg (459).

Noch erstaunlicher, dass ein überführter notorischer Stasi-Spitzel wie Sascha Anderson es überhaupt in diese Liste geschafft hat. Dass er damit 34 Plätze vor dem wunderbaren Dokumentarfilmer Andres Veiel steht, der das Schlusslicht des famosen Rankings bildet, unterstreicht die Aussagekraft der ganzen Unternehmung.

Zuallerletzt entdecke ich auch noch, peinlich, peinlich, meinen Namen auf der Liste. Ich trage die Nummer 483, immerhin vor dem Freizeitforscher Horst Opaschowski, vor Roland Tichy und der leitenden "FAZ"-Redakteurin Felicitas von Lovenberg.

Schlimm genug. Schlimmer noch: Ich hatte gar nicht mitbekommen, dass ich beim letztjährigen "Cicero"-Ranking noch Platz 364 besetzt hatte, in Jahresfrist also um 119 Stufen herabgefallen bin.

Was habe ich bloß getan? Egal. In aller Form erkläre ich hiermit meinen Austritt aus der "Liste der 500 führenden deutschsprachigen Intellektuellen" ("Cicero").

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