Margarete Stokowski

Wege zur Gleichberechtigung Hier ein paar linksextreme Vorschläge

Probleme, die im Patriarchat begründet sind, sollen meist von Frauen selbst gelöst werden - indem sie ihr Verhalten ändern. Weil Männer sich eh nicht ändern würden? Es gibt Lösungen, Mann muss sie nur anwenden.
Mann (Symbolbild): "Was muss sich grundsätzlich ändern?"

Mann (Symbolbild): "Was muss sich grundsätzlich ändern?"

Foto: Simon Carter/ Getty Images

Gestern war der internationale Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen. Oft ist an solchen Tagen - also an Gedenk- oder Aktionstagen, die mit Frauenrechten zu tun haben - die Berichterstattung aus feministischer Sicht eher enttäuschend: Hier ein paar Zahlen, da ein paar Fakten, aber wenig Hinterfragen von strukturellen Problemen, wenig Hinweise auf größere Zusammenhänge. Das war zwar gestern teilweise auch so, aber nicht nur. Ich war kurz, ehrlich gesagt, komplett gerührt, als ich mal eben die Pressesituation zu diesem Tag checken wollte, und dabei auf der Seite des Frauenmagazins "Jolie" landete.

Die "Jolie" ist eine Zeitschrift, die ich schon mal für dies und das kritisiert habe, unter anderem Blowjob-Ratgeber aus der Hölle. Gestern gab es dort also einen Text zum internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen , unter anderem mit der Frage: "Was muss sich grundsätzlich ändern?" Häufig werden solche Fragen mit Ratschlägen für Frauen beantwortet. Also: Wehrt euch, wenn was passiert, zeigt die Täter an, geht nicht allein durch dunkle Gassen, passt besser auf. Die "Jolie" hingegen schrieb, drei Dinge müssen sich ändern: "Täter müssen angemessenere Strafen erhalten. Jungs müssen so erzogen werden, dass ihnen jede Form von Frauenabwertung, Frauengewalt und Frauenhass zuwider ist. Das Patriarchat muss bekämpft werden." Gute to-do-Liste!

Frauen, seid mal nicht so stressig

Dieses Frauenmagazin ist damit schon einen großen Schritt weiter als viele konservative Medien. Die "FAZ" hat neulich über eine interessante neue Studie berichtet: Die Ökonomin Joanna Syrda hat untersucht , wie sich die Zusammensetzung des Haushaltseinkommens bei heterosexuellen Paaren auf das Stresslevel der Männer auswirkt. Es kam raus, dass Männer am meisten entspannt sind, wenn die Frau 40 Prozent zum gemeinsamen Einkommen beiträgt. Wenn die Frau weniger verdient, stresst es Männer, der Hauptversorger zu sein, und wenn die Frau mehr verdient, stresst es die Männer, weil ihr Ego zu Staub zerfällt. Die "FAZ" schrieb also über diese Erkenntnis  und wählte online dafür die Überschrift: "Warum Frauen nicht zu viel verdienen sollten". Okay, wow! Nun könne man meinen, das sei der Titel einer Satire, aber leider nein, der Text fasste eigentlich nur die Inhalte der Studie zusammen. Man hätte so viele andere Überschriften für einen Kommentar zu dieser Studie wählen können: "Wissenschaft beweist: Männliche Egos fragil ohne Ende" oder "Warum Männer endlich mal klarkommen sollten".

Es ist immer beachtlich, wenn die Lösung für Probleme, die im Patriarchat begründet sind, darin liegen soll, dass ausschließlich Frauen ihr Verhalten ändern. Verdächtig, wenn Sie mich fragen - zumal, wenn die Tipps dann darin bestehen, Ungleichheiten zu zementieren: Frauen, seid mal nicht so stressig. Es gibt diese vermeintlichen Lösungsansätze für alles Mögliche. Es heißt oft, Frauen kommen beruflich nicht weiter, weil sie zu sehr zu Konkurrenz neigen und so fies zu anderen Frauen sind. Angeblich kommen die härtesten Sachen, die über Frauen gesagt werden, von Frauen selbst. Ich glaube das nicht, ich glaube nur, dass man leider von Männern so wenig Solidarität und Empathie erwartet, dass es vielen Leuten weniger auffällt, wenn sie Frauen schlecht behandeln, während man gleichzeitig von Frauen eine Art natürliche Solidarität erwartet - die es aber nicht gibt, vor allem im Kapitalismus nicht.

Zu gehässig, zu schüchtern, zu faul

Oder es heißt, Frauen könnten heute so viel mehr erreichen, wenn sie nur mutiger wären. Im Deutschlandfunk Kultur gab es neulich einen Beitrag von Tanja Dückers , in dem es darum ging, dass "mehr Frauen an die Mikros" sollen: in öffentlichen Debatten, Talkshows, Podien und so weiter. Die Autorin stellte fest, dass nur ein Drittel aller im deutschsprachigen Raum veröffentlichten Rezensionen sich auf Bücher von Frauen bezieht. Und dass 87 Prozent der Firmen in Deutschland von Männern gegründet werden. Woran liegt das?, fragte sie, und antwortete direkt: am Selbstbewusstsein. "Niemand hindert Frauen daran, eine Firma zu gründen." Sie seien nur nicht mutig genug. Ja, interessant. Unklar, ob man eher im Feuilleton besprochen wird, wenn man eine besonders mutige Autorin ist; ich glaube nicht. Tanja Dückers hingegen schrieb in ihrem Beitrag: "Frauen müssen die Freiräume, die sich ihnen heute eher als früher auftun, auch nutzen. (...) Ein Stück Bequemlichkeit steckt schon hinter der noblen Zurückhaltung."

Das heißt, der eigentlich ehrenwerte Vorsatz, über die Sichtbarkeit von Frauen zu schreiben, endet damit, zu sagen, dass Frauen auch ein bisschen faul sind. Zumal diese "Freiräume, die sich heute auftun", sich eben nicht einfach "auftun", wie eine Blüte oder was, sondern es sind Räume, die Frauen erkämpft haben. Aber immer wieder erfrischend, wenn Erklärungen fürs Patriarchat damit auskommen, zu sagen, dass der Charakter von Frauen eben leider zu sehr so und so ist: zu gehässig, zu schüchtern, zu faul und so weiter.

Oder zu geizig. Im "Zeit Magazin" schrieb eine Autorin , Frauen sollten aufhören, sich immer von Männern einladen zu lassen und auch mal selbst bezahlen, "mit ordentlich Trinkgeld obendrauf". Natürlich, klar sollten Frauen auch mal Rechnungen bezahlen, idealerweise ungefähr die Hälfte. Aber das Problem ist, dass sie weniger verdienen als Männer. Warum zahlt nicht einfach üblicherweise die Person, die mehr verdient, oder eben beide zusammen oder abwechselnd, wenn beide ungefähr gleich viel haben? Linksextremer Vorschlag, ja, aber was will man machen?

Bei den Männern ansetzen

Warum nicht alles umdrehen? Warum nicht Ratschläge an Männer geben statt an Frauen? Paar Ideen: Männer können weiterhin so viele Rechnungen bezahlen, wie sie wollen, aber sie sollen daraus keine gottverdammten Ansprüche ableiten. Männer sollen nicht zu Veranstaltungen gehen, bei denen nur Männer eingeladen sind zu sprechen. Männer sollen sich nicht in die Hosen machen, wenn eine Frau mehr verdient als sie. Männer sollen nicht so viel trinken, dass sie sich nicht mehr im Griff haben. Sie sollen aufhören ihre Partnerinnen und Ex-Partnerinnen zu ermorden. Und so weiter. Think outside the box.

Natürlich sagt immer jemand, wenn man diese Art von Tipps gibt, dass das lächerlich ist. Es sei sinnlos, solche Tipps zu geben, weil Männer sich dadurch eh nicht ändern, gerade da, wo es um Geld, Macht und Gewalt geht. Aber ernsthaft, wie sinnvoll ist es stattdessen, ständig Frauen Tipps zu geben, in der Hoffnung, dass Männer dann eines Tages ihr Verhalten anpassen, mit Glück? Die Dinge, die Frauen im Patriarchat unten halten, passieren ihnen nicht einfach aufgrund von Naturphänomenen, sondern weil Menschen sich schlecht verhalten, und diese Menschen sind häufig Männer. Dagegen braucht man einerseits natürlich Gesetze und andere strukturelle Maßnahmen, aber eben nicht nur.

Warum nicht bei den Männern ansetzen, die sich schlecht benehmen? In Frankreich wurde gerade angekündigt, dass es demnächst Einrichtungen geben soll, in die Männer aufgenommen werden sollen, die gegen ihre Partnerin gewalttätig waren, damit die Frau in der Wohnung bleiben kann . Danke, Frankreich! Und den betroffenen Frauen eine entspannte Zeit auf dem Flohmarkt, wenn sie das zurückgelassene Zeug verkaufen.

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