Internet-Ausstellung Roadmovie durchs Web

Die Konkurrenz um Aufmerksamkeit im Internet wird immer härter. Mit der interaktiven Online-Ausstellung "10 Ways" erforscht die Bildagentur Getty neue Wege, Botschaften ausschließlich über Bilder zu transportieren.

Von Jenny Hoch


Die virtuelle Welt setzt sich aus unzähligen Pixeln zusammen. Jedes einzelne dieser winzigen Teilchen hat eine andere Farbe. Setzt man die Abermillionen Puzzleteilchen zusammen, ergeben sie eine Oberfläche, die vom menschlichen Auge im besten Fall als kohärentes Bild identifizierbar ist. Ein Bild mit Farben, die Emotionen oder Erinnerungen wecken. Ein Bild, aus dem jeder Einzelne möglicherweise unterschiedliche Botschaften liest.

Was passiert aber, wenn man ein Pixel isoliert betrachtet? Wenn man ihm eine Persönlichkeit gibt und dem Internet-User die Verantwortung dafür überträgt? Dann hüpft es fröhlich durch seine Computerwelt und nimmt den Besucher mit auf ein unendliches Roadmovie durchs Internet.

Das wandernde Farbpixel ist nur eine von unzähligen Antworten auf die Frage, welche Rolle das Prinzip "Farbe" im Internet spielt und wie man die Anwender dazu anregt, sich damit auseinanderzusetzen. Der Designer Lars Eberle von der Multimedia-Agentur Less Rain hat sie im Auftrag der Bildagentur Getty Images gefunden. "10 Ways" heißt das Online-Projekt, für das Getty ungewöhnliche Vorgaben machte: Ganz ohne Worte und ohne jegliches Design sollten fünf renommierte Multimedia-Agenturen visuelle Konzepte zu Bild-Elementen wie "Farbe", "Wahrheit", "Licht", "Information", "Erinnerung", "Raum", "Zeit" oder "Gefühl" entwickeln. Das einzige, was dafür neben eigenen Ideen und modernsten Programmierkünsten benutzt werden durfte, war der immense Bilder-Vorrat der Getty-Datenbank.

Die Reduktion der Gestaltungsmittel ist Programm bei "10 Ways". Das ist ein spannender Ansatz, denn trotz der täglich im Internet verbreiteten Bilderflut, ist das Netz noch immer ein eher textlastiges Medium. Getty geht es nun vor allem darum, der Vorherrschaft des Geschriebenen Bilder entgegenzusetzen und neue Wege für die Kommunikation im Internet zu entdecken. Interaktivität - Kreativität - Community: Um diese Schlagworte kreisen alle Entwürfe. Lewis Blackwell, Kreativdirektor bei Getty Images formuliert es so: "Wir wollen herausfinden, wie Bilder ohne Worte wirken, um daraus eine neue Bildsprache mit neuen Regeln zu entwickeln."

Nicht nur Eberle zerbrach sich den kreativen Kopf, sondern auch die Kollegen von Agenturen wie Tomato (Großbritannien), Sumona (Südafrika), The Barbarian Group (USA) und Great Works (Schweden). "Das war keine einfache Aufgabe, denn wir sollten als Designer ohne Text und andere Gestaltungsmittel auskommen, also ohne die Dinge, mit denen wir uns hauptsächlich beschäftigen", sagt Eberle stellvertretend für alle. Viele Ideen habe er verworfen, bevor er auf die einfache Lösung mit dem Farbpixel kam, um das man sich wie um ein virtuelles Tamagotchi kümmern muss.

Bilder von schlachtfrischen Keulen im Supermarkt

Für seine zweite Aufgabe, eine visuelle Entsprechung für den Begriff "Wahrheit" zu finden, hat er sein Konzept variiert: Diesmal wandern mehrere Farbpixel auf einmal durch unterschiedliche Bilder. Klickt man etwa auf ein Farbpartikel, das durch eine grasende Rentierherde wandert, ploppt ein weiteres Foto auf, das assoziativ mit dem ersten verbunden ist. Spielt man lange genug mit, stellt man fest, dass jedes Farbpixel einen anderen Charakter repräsentiert. Das Hippie-Pixel assoziiert eine Nahaufnahme des Tierfelles, während das Polit-Teilchen an schlachtfrische Keulen im Supermarkt denkt. Diese Assoziationskette kann nun vom Betrachter beliebig weitergedacht werden.

Anders als etwa die Designer von Sumona, die für die Begriffe "Licht" und "Information" mehrdimensionale Bildwelten geschaffen haben, durch deren Unendlichkeit man sich klicken kann, ohne dass es weiterer Erklärungen oder Hilfsmittel bedarf, hielten sich zum Beispiel die Tomato-Leute weniger streng an die Vorgaben. Sie entwarfen eine Art visuellen Stimmungstest, der die momentane Laune von Menschen aus verschiedenen Kontinenten darstellen soll. Doch abgesehen davon, dass er nicht ohne Text auskommt, erschließt sich den ungeübten Nutzer nicht, wie das funktionieren soll. The Barbarian Group, die mit ihrer ungeheuer erfolgreichen "Subservient"-Chicken-Kampagne für Burger King, in der man einem als Huhn verkleideten Menschen per Tastatur Befehle geben kann, die umgehend befolgt werden, bekannt wurde, präsentiert sich in "10 Ways" mit einem interaktiven Malspiel. Um das Thema "Erinnerung" zu visualisieren, kann der Benutzer Fotos bemalen und sein Werk anschließend abspeichern. Klickt man auf andere Bildpunkte, bekommt man die Zeichnungen anderer Leute zu sehen, was zwar als Spielerei nett ist, doch nicht immer ästhetischen Mehrwert bringt.

Anders als man erwarten könnte, geht es hier weniger um die Revolutionierung der Netzkunst, die seit dem Zusammenbruch der Dotcom-Blase ein Nischendasein führt. Im Wesentlichen sollen die visuellen Spielereien den Internet-User als potentiellen Konsumenten ansprechen. Da Bilder im Gedächtnis länger haften bleiben als Texte, wollen die Marketingbranche und die Unterhaltungsindustrie dieses Segment mit Hilfe kreativer Vordenker kommerziell ausbauen. "Da die Aufmerksamkeitsspanne immer kürzer wird, werden Botschaften immer stärker über visuelle Mittel transportiert", erklärt der Bildexperte Blackwell das Dilemma der Werber. So gesehen ist "10 Ways" weniger eine frei flottierende Experimentierbühne als ein Marketingtool im globalen Kampf um das Interesse des Konsumenten.



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