Internet-Offensive der ARD Die Fritz-Raff-Show

Die ARD will sich in der digitalen Welt noch besser etablieren als jetzt schon. Ihr Vorsitzender Fritz Raff tourt derzeit von Podium zu Podium, um die Argumente dafür zu liefern. Doch so sehr er sich auch bemüht: die Kritiker wollen einfach nicht verstummen.

Von Peer Schader


Wer ARD-Chef werden will, muss ein harter Brocken sein. Er muss den Senderverbund mit all seinen Partikularinteressen zusammenhalten. Und er muss die mühsam erarbeiteten Kompromisse konsequent als einheitliche Linie nach außen vertreten.

In diesen Monaten ist das besonders schwer. Fritz Raff hätte sich kaum eine schwierigere Zeit heraussuchen können, um mit seinem kleinen Saarländischen Rundfunk (SR) den Vorsitz des großen Apparats ARD zu übernehmen. Und keinen besseren. Denn jetzt hat er endlich die Chance, sich zu profilieren und zu zeigen: Schaut her, es müssen nicht immer WDR und NDR sein, die den Ton angeben – vom Saarland aus lassen sich wichtige Entscheidungen genauso gut treffen. Allein schon, um zu signalisieren, dass man sich zurecht dagegen wehrt, den Landessender mit dem angrenzenden SWR zu verschmelzen, was wirtschaftlich durchaus Sinn machen würde.

Intendanten Schächter (ZDF), Raff (ARD): Auf Promotion-Tour
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Intendanten Schächter (ZDF), Raff (ARD): Auf Promotion-Tour

Dabei ist Raff derzeit selten in seinem Büro auf dem Saarbrücker Halberg, wo der SR seinen Sitz hat – einem verschlafenen Campus mit Schlösschen, Mehrzweckhalle und Sendezentrum, wo sich unter der Woche schon am frühen Nachmittag allmählich die Parkplätze leeren. Der ARD-Chef ist auf Tournee. Er reist von Stadt zu Stadt, um zu erklären, wie das gemeint war mit der "Digitalstrategie", die von den ARD-Granden im Sommer in Saarbrücken beschlossen wurde und die seitdem für so viel Ärger gesorgt hat.

ARD und ZDF als "Staat im Staate"?

Verleger und Privatsender fürchten, dass durch eine Neuausrichtung bestehender Digitalsender wie Eins Extra und einer Stärkung des Online-Angebots mit eigener "Mediathek", in der sich ARD-Sendungen rund um die Uhr abrufen lassen, der Markt für sie kaputt gemacht wird. Denn immerhin muss die ARD ihre Maßnahmen nicht mühsam mit Werbung refinanzieren, sondern kann einfach in den Gebührentopf greifen.

Am Sonntag war Raff in der n-tv-Sendung "Talk Spezial – Blühende Medienlandschaften?" zu Gast, in der Moderator Heiner Bremer den Stichwortgeber für seine Chefin, RTL-Geschäftsführerin Anke Schäferkordt, spielte. Auf den am Mittwoch in München beginnenden Medientagen wird es wieder um dasselbe Thema gehen. Und am Montag saß der ARD-Chef auf dem Podium beim 4. Berliner Medien-Diskurs der Konrad-Adenauer-Stiftung, um gemeinsam mit seinem ZDF-Kollegen Markus Schächter sowie Baden-Württembergs Ministerpräsidenten Günther Oettinger die Digitalstrategien des öffentlich-rechtlichen Rundfunks zu diskutieren – und im Namen der ARD ein weiteres Mal zu beschwichtigen, dass es gar nicht so schlimm kommen werde, wie alle fürchten.

Das kann man auch anders sehen. "Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist ein Staat im Staate. Er bestimmt, was er tut und lässt, und der Staat muss ihm dafür die finanziellen Mittel zur Verfügung stellen", wetterte Hans Hugo-Klein, Bundesverfassungsrichter a. D., in einer Analyse zu Beginn und forderte eine deutliche Begrenzung dessen, was die öffentlich-rechtlichen Sender in den neuen Medien dürfen – nichts über das hinaus nämlich, was sie nicht auch schon vorher gemacht haben. Die Entwicklungsgarantie, die das Bundesverfassungsgericht ARD und ZDF für neue Technologien zugestanden hätte, so Klein, "zielt nicht auf eine Erweiterung des Auftrags".

Beim ZDF hält man sich zurück

Auf solche Angriffe weiß Raff längst mit erstaunlicher Gelassenheit zu reagieren. Manchmal auch mit einem Witz. "FAZ"-Herausgeber Frank Schirrmacher habe gerade geschrieben, die ARD könne Gelder ins Internet stecken, die dem Staatshaushalt eines baltischen Landes entsprächen. "Ich wünsche keinem baltischen Land, dass es mit dem Online-Etat der ARD auskommen muss", scherzte Raff in Berlin.

Und dann wirft er seine kuschelweiche Munition ab: Die ARD habe gar nicht so viel Geld fürs Internet wie alle glauben. Die ARD plane auch keine riesige Online-Expansion, sondern will bloß ein paar ohnehin vorhandene Videos ins Netz stellen. Und die ARD wolle gar keinen Nachrichtensender veranstalten, sondern bloß einen Kanal mit hohem Informationsgehalt.

Nur glauben mag ihm das niemand so richtig.

Es sei nicht Auftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, eine "lose Minimalversorgung" anzubieten, bei der man den "Lückenfüller für bildungsbürgerliche Minderheiten" spiele, so Raff. Denn wenn man bloß das anbieten dürfe, was sich kommerziell nicht lohnt, sei das "der sichere Weg in die Marginalisierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks". Über massenattraktive Programme würden Menschen auch an Sendungen zu Kultur und Politik herangeführt, argumentiert Raff. Er nennt die EU-Kommission, die von Deutschland endlich eine klare Formulierung des Auftrags von ARD und ZDF fordert, einen "beliebten Anlaufpunkt für die von Karlsruhe Frustrierten". Und er hält die derzeit geäußerte Kritik für eine "Mischung aus Polemik und Frustration".

Das ist die Fritz-Raff-Show. Das exakte Gegenteil dessen, wie ZDF-Intendant Markus Schächter mit der brenzligen Situation umgeht. Schächter sagt nur das Nötigste und achtet darauf, bloß nicht zu angriffslustig wirken. In Mainz sind sie sowieso ziemlich sauer auf die Kollegen von der ARD, weil die ihre "Digitalstrategie" so lautstark heraus posaunt haben anstatt einfach stillschweigend auf Akzeptanz zu hoffen, wie es das ZDF versucht hat. Das geht jetzt nicht mehr.

Selbstbeschränkung? Lieber nicht

In den kommenden Wochen soll es Gespräche mit der Politik geben. "Der öffentlich-rechtliche Rundfunk muss den Transportweg gestattet bekommen, den der Zuschauer nutzt", sagte Baden-Württembergs Ministerpräsident Günther Oettinger gestern in Berlin. Aber zugleich müssten ARD und ZDF mit ihren Inhalten im Netz klare Grenzen gesetzt werden. Oettinger: "Ich will, dass auch privatrechtliche Anbieter wettbewerbsfähig sind." Eine "kluge Selbstbeschränkung" sei ein sinnvoller Schritt, um nicht weiteren Ärger mit Brüssel zu provozieren. Selbstbeschränkungen aber sind nicht gerade die Stärke der ARD, und Raff wird kaum als ARD-Vorsitzender in die Geschichte eingehen wollen, unter dem der Senderverbund in seinen Aktivitäten drastisch eingeschränkt wurde.

Dabei gibt es berechtigte Zweifel an den Digital-Plänen: Muss der WDR unbedingt ein regionales Videoportal betreiben, das den Verlegern im Netz das Wasser abgräbt? Raff schweigt. Und macht es wirklich Sinn, Eins Extra zum News-Kanal umzubauen, während das Erste mit Tierdokus und Telenovelas vollgepackt wird?

Aus der Politik sind bisher kaum konkrete Vorschläge zu hören, wie sich ARD und ZDF künftig bremsen lassen, ohne ihre gesellschaftliche Funktion einzubüßen. In Berlin hat Oettinger immerhin von einer möglichen neuen Deckelung der Online-Investitionen gesprochen. Fest steht nur, dass es bis 2009 eine exakte Beschreibung des Auftrags des öffentlich-rechtlichen Rundfunks geben soll und neue Angebote schon vorher einem mehrstufigen Genehmigungsverfahren unterworfen werden könnten.

Die Fronten sind klar. Jetzt braucht es endlich Kompromisse. Aber die zu finden, das ist ja bekanntlich schon innerhalb der ARD ein echter Kraftakt.



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