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Sex und Netz: Computerliebe

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Internet und Sex Wir Orgasmusoptimierer

Von Polyamorie bis Solosexualität. Im Internet findet jeder das, worauf er Lust hat. Aber warum bringt uns diese neue sexuelle Freiheit nicht automatisch mehr Glück?
Mehr Artikel aus der Serie "Sex der Zukunft"
Foto: Bernd von Jutrczenka/ picture alliance / dpa

Gadgets, Roboter, Virtual Reality: Neue Technik verändert sogar unser Intimleben. Dieser Artikel ist Teil einer Serie über den "Sex der Zukunft".

Ein junges Paar mit Kleinkind. Die beiden sind sich ihrer Beziehung so sicher, dass sie etwas Neues ausprobieren wollen: Über die Dating-App Tinder organisieren sie sich eine entfernte Bekannte für einen Dreier. Ein bisschen aufgeregt ist das ganze, ein bisschen ungeklärt sind die Fronten beim Treffen. Aber dann gibt es doch die Sorte Sex, bei dem das Anfassen wichtiger wird als das Denken.

Zu dritt im warmen Licht des Hobbykellers. Das Paar, beseelt von der neuen Erfahrung und von postkoitaler Müdigkeit, verabschiedet seinen Gast. Wieder daheim, allein im eigenen Bett, greift die Besucherin im Dunkeln nach dem Handy, lässt das Erlebte mit jedem neuen Wisch durch Tinder hinter sich. Ihre Miene erzählt nichts. Trotzdem tut sich im dunklen Raum eine große Verlorenheit auf.

Diese Szenen stammen aus der Netflix-Serie "Easy", die ganz unterschiedliche Beziehungsentwürfe durchspielt. Sie verdichten einen neuen Widerspruch zwischen lustvoller Selbstverwirklichung und Orientierungslosigkeit in unserem Sex- und Liebesleben, der mit dem Internet auftauchte.

Theoretisch kann sich im Netz jeder sexuell verwirklichen - sich einen Dreier über Tinder zu organisieren, ist ja nur die Spitze des Eisbergs. Es gibt Foren für Polyamouröse, die mehrere Menschen auf einmal lieben, genauso wie Austauschplattformen für Solosexuelle, die sich zwar selbst befriedigen, aber keine Beziehungen wollen. Looner - Menschen, die einen Fetisch für Luftballons haben - finden Blogs, Pornos und Gleichgesinnte ebenso wie Masochisten, die es erregt, sich in kratzige Ganzkörperanzüge aus Wolle zu zwängen.

Sexuelle Freiheit - persönliches Unglück

Das ist die eine Seite. Andererseits führt diese Angebotsfülle aber offenbar auch zu neuen Unsicherheiten: Die New Yorker Publizistin Emily Witt datete Männer über die App "OkCupid", schlief ab und an mit Bekannten, führte einige Liebesbeziehungen, aber immer mit Verfallsdatum. In ihrem neuen Buch "Future Sex", einer Mischung aus Sachbuch und biografischen Anekdoten, schreibt sie: "Als ich mich mit totaler sexueller Freiheit wiederfand, war ich unglücklich."

Orlando Bloom und Malin Akerman in "Easy": Sexualität ausleben

Orlando Bloom und Malin Akerman in "Easy": Sexualität ausleben

Foto: Netflix

Das Netz verheißt die Freiheit, die eigene sexuelle Identität genau so auszuleben, wie man will - hier liegt seine positive Seite: Besonders Sexualitäten, die stigmatisiert werden und für Menschen, die sich beim Ausleben ihrer Lust in körperliche Gefahr begeben, können die neuen Möglichkeiten eine Befreiung sein: Auf Plattformen wie "Chaturbate" können Menschen weltweit ihren Sex live streamen und dabei mit ihrem Publikum chatten. Eine Nutzerin schildert, wie sie als Frau für sich eine neue, angstfreie Art der sexuellen Kontrolle genießt: "Du kannst sein, wer du willst. Du kannst ihnen jeden Teil deines Selbst zeigen, wenn du es willst."

Plattform Chaturbate: "Du kannst sein, wer du willst"

Plattform Chaturbate: "Du kannst sein, wer du willst"

Doch trägt diese Entwicklung offenbar auch eine zweite Seite in sich. Genauso wie die Serie "Easy" eine neue Verlorenheit nur ausstellt, fasst auch Emily Witt, die sich in "Future Sex" ins Silicon Valley aufmacht, um die mannigfaltigen Verflechtungen von Internet und sexueller Identität kennenzulernen, ihr Unglück nur vordergründig: als Bestandsaufnahme einer Orientierungslosigkeit, nicht als erklärende Analyse. Vielleicht ist es für diese aber auch schlicht noch zu früh. So spricht Witt, selbst Teil eines westlichen, intellektuell-avantgardistischen Hipstermilieus, vermutlich (noch?) nicht für die gemeinsamen Erfahrungen einer Generation, die mit dem Internet sozialisiert wurde. Denkanstöße liefern ihre Besuche bei polyamourösen Facebook-Mitarbeitern und öffentlichen Pornodrehs aber dennoch.

Autorin Emily Witt: "Als ich mich mit totaler sexueller Freiheit wiederfand, war ich unglücklich."

Autorin Emily Witt: "Als ich mich mit totaler sexueller Freiheit wiederfand, war ich unglücklich."

Foto: Noah Kalina

Witts Eltern, Achtundsechziger, besaßen als Gegenentwurf zur verknöcherten Hetero-Ehe-Monogamie ebenfalls eine Idee sexueller Freiheit. Wie nicht wenige ihrer Generation zogen sie sich nach dem Ausprobieren aber doch wieder ins traditionelle Modell der Kleinfamilie zurück. Die alte Erzählung von der einen Liebe lebte so auf gewisse Weise fort - nur, dass der Traumprinz eben später kam und es der Prinzessin erlaubt war, vor ihm mit anderen Männern zu schlafen. Witt übernahm diese Vorstellung, merkte aber zunehmend, dass sie sich nicht mit ihren Erfahrungen deckte: "Ich führte stattdessen sexuelle Beziehungen, für die mir die Worte fehlten." Wie kam es zu dieser Schere zwischen Realität und Ideal?

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Witt, Emily

Future Sex: A New Kind of Free Love

Verlag: Farrar, Straus & Giroux Inc
Seitenzahl: 208
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Preisabfragezeitpunkt

07.02.2023 22.42 Uhr

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Witts Sexualvorstellungen waren nicht beeinflusst vom Aufbäumen gegen eine als reaktionär empfundene Moral, wie noch bei der Elterngeneration, sondern von der Erfahrung, einem immer breiteren Angebot zu begegnen. Zum einen macht das Netz bestimmte moralische Entscheidungen schlicht obsolet: Es wird etwa nicht möglich sein, alle Pornofilme aus dem Netz zu entfernen. Somit wird auch die Diskussion, ob Pornofilme verboten gehören, überflüssig. Weil aber gleichzeitig keine neuen moralischen Kategorien bereitgestellt werden - etwa feministische Pornos genauso zum Download bereitstehen wie frauenverachtende - muss der einzelne mit sich selbst ausmachen, wie er dem Angebot begegnet: Sex wird so privatisiert und so entpolitisiert.

Das führt auch dazu, dass bestimmte sexuelle Reize, etwa der des Tabubruchs, geschwächt werden: "Ohne die katholische Kirche gäbe es keine Nonnen-Pornos", schreibt Witt, wenn auch in einem ganz anderen Kontext. Wenn eine Frau über eine Erniedrigung einen Lustgewinn erfährt, und sich deshalb dafür entscheidet, ist diese Spielart des Sex für viele feministische Positionen heute okay. Die andere, viel vertracktere Frage ist, ob die Frau diese Lust noch hätte, wenn es den Tabubruch nicht mehr gäbe.

Durch den Fokus auf die Vorlieben einzelner Individuen tauchen zudem neue Verletzlichkeiten auf: Die Verantwortung für sein sexuelles Glück trägt der Einzelne alleine - das macht ihn frei im Gestalten, bedeutet aber auch, dass er die Schuld trägt, entscheidet er sich für eine Spielart, die ihn nicht glücklich macht. Oder, dass er leichter das Gefühl bekommt, einer Sexualität nicht zu genügen.

In den vielen Porträts über Polyamouröse, die derzeit erscheinen, gibt es fast immer den einen im Bunde, der doch Eifersucht entwickelt. Häufig liest man dann, dass er oder sie "an sich arbeiten musste", um dem Modell zu entsprechen. Hier spiegelt sich auch, wie stark Sexualität heute an Selbstoptimierung gekoppelt ist - und wie korrumpierbar der Einzelne durch diese Verknüpfung werden kann.

"Es ist nicht der Schlüssel für bessere Beziehungen, es ist der Schlüssel für ein besseres Leben", wirbt etwa die Firma OneTaste für ihre Kurse und Apps, mit denen Menschen Klitoris-Massagen erlernen können. Witt besucht auch sie in ihrem Buch. Dezidiert nur die sexuelle Bindung, nicht die emotionale soll mit "Trainingspartnern" gelebt werden. Mit dieser "orgastischen Meditation" wolle man den "weiblichen Orgasmus in die Welt bringen". Die Homepage ist so clean gestaltet wie eine iPhone-Werbung, wer auf einzelne Kacheln klickt, erfährt von Nutzern und Nutzerinnen, wie die Methode ihr Leben verbessert hat. Alle tragen Zufriedenheit, und ja, Befriedigung im Blick. Trotzdem ist sie auch hier wieder da, die Verlorenheit.

Die Serie "Easy" gibt es komplett bei Netflix.

Emily Witts Buch "Future Sex" ist bisher nur auf Englisch erschienen, im April 2017 publiziert Suhrkamp es auf deutsch.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.