Interview mit Charlton Heston "Wir brauchen jetzt unsere Verbündeten"
SPIEGEL ONLINE:
Mr. Heston, wie beurteilen Sie die Reaktion der USA auf die Anschläge vom 11. September?
Charlton Heston: Ich denke, Präsident Bush hat die richtige Entscheidung getroffen. Jetzt versuchen wir gemeinsam mit befreundeten Nationen die Täter zu finden und sie ihrer gerechten Strafe zuzuführen.
SPIEGEL ONLINE: Im Zuge dessen will Bush möglicherweise auch den Irak ins Visier nehmen. Die europäischen Verbündeten, die bis dato das Vorgehen der USA unterstützt haben, könnten dazu ihre Zustimmung verweigern...
Heston: Das könnte in der Tat passieren, umso ärgerlicher ist es, dass wir Saddam Hussein nicht schon während des Golfkrieges ausgeschaltet haben. Hussein ist ein sehr gefährlicher Mann, für sein eigenes Volk und für den Rest der Welt.
SPIEGEL ONLINE: Sollten die USA einen Alleingang in Erwägung ziehen?
Heston: Nein, das sollten wir auf jeden Fall vermeiden. Wir brauchen jetzt unsere Verbündeten, so wie sie auch uns wieder brauchen werden.
SPIEGEL ONLINE: Wo sehen Sie die Ursachen für die Tragödie vom 11. September?
Heston: Eigentlich habe ich immer noch keine Erklärung dafür, was geschehen sein muss, dass Menschen so fehlgeleitet werden, dass sie ein solches Verbrechen begehen. Und es wird vielleicht wieder passieren. Die Geschichte lehrt uns schließlich, dass Menschen und Länder Fehler machen, aber sie können auch daraus lernen, wenn sie das wirklich wollen.
SPIEGEL ONLINE: Haben denn die USA aus ihren Fehlern gelernt? Immerhin haben die Vereinigten Staaten im Laufe der Jahrzehnte durch bisweilen penetrantes Auftreten als Supermacht viele andere Nationen vor den Kopf gestoßen?
Heston: Unsere Nation ist durch Krieg entstanden; den Unabhängigkeitskrieg gegen die Briten. Später wurden wir Verbündete und kämpften in anderen Kriegen gemeinsam Seite an Seite. Und das gilt auch für viele andere Länder, die heute unsere Verbündeten sind.
SPIEGEL ONLINE: Das klingt, als müssten die USA andere Nationen immer erst durch Krieg zu ihrem Glück zwingen...
Heston: Gott bewahre, Krieg ist immer eine Tragödie. Ich weiß, wovon ich rede, ich habe selbst im Zweiten Weltkrieg gekämpft. Aber Krieg hat auch schon die Existenz vieler Länder gerettet. Israel zum Beispiel. Oder auch Ihr Land, wo wäre Deutschland wohl heute, hätten wir Hitler nicht zur Hölle geschickt?
SPIEGEL ONLINE: Und Amerika immer an der Spitze der Retternationen...
Heston: Vielleicht muss das so sein, die Engländer allein mit den Franzosen hätten es bestimmt nicht geschafft. Die Franzosen sind nicht besonders gut im Kämpfen, ich glaube, die haben ihren letzten Krieg irgendwann im 17. Jahrhundert gewonnen. Warum haben wir denn solche Probleme in Vietnam gehabt? Nur weil wir wieder den verdammten Franzosen helfen mussten.
SPIEGEL ONLINE: Dass Sie kein Blatt vor den Mund nehmen, ist bekannt. Vor einiger Zeit haben Sie beklagt, dass moderne Hollywood-Filme bisweilen die amerikanische Moral untergraben. Für europäische Ohren klingt das gefährlich nach jenen "unamerican activities", wie sie der US-Senator McCarthy mit seinem Komitee in den fünfziger Jahren ahndete...
Heston: Tatsächlich? Warum?
SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie etwa sagen, dass ein Regisseur wie Oliver Stone rücksichtslos kritisch mit amerikanischen Werten umgeht, dann scheint der Wunsch nach Zensur mitzuklingen...
Heston: Nein, das sehen Sie falsch. Oliver Stone ist fraglos ein exzellenter Filmemacher, aber ich mag seine Filme nicht, so wie er wahrscheinlich meine nicht mag. Man kann ja unterschiedlicher Meinung sein, aber man muss auch versuchen, dennoch weiter miteinander auszukommen.
SPIEGEL ONLINE: Das ist sicher oft nicht einfach. Der Schriftsteller Gore Vidal nannte Sie einmal einen "gefährlichen Witz" und einen "Faschisten"...
Heston: Armer, alter Gore, das ist starker Tobak und natürlich nicht wahr. Gore ist ein ziemlich guter Schriftsteller, aber auch ein Homosexueller und einsamer Mann. Viele meiner Freunde sind homosexuell, und jeder hat natürlich Recht auf seine eigene Meinung, gerade in Amerika. Diese Freiheit ist einer der Eckpfeiler unseres Landes. Wir mögen zwar bisweilen straucheln, aber wir stehen immer wieder auf.
SPIEGEL ONLINE: Es ist bekannt, dass Sie sehr stolz darauf sind, Amerikaner zu sein. Was genau ist es, das Sie so stolz macht?
Heston: Unsere Fähigkeit, auch noch die größten Hindernisse zu überwinden. Ein solch großes Land wie Amerika von der Ostküste bis zur Westküste zu durchqueren und lebenswert zu machen, das gehört wohl zu den größten Leistungen der Menschheitsgeschichte.
Das Interview führte Andreas Kötter