Interview mit dem Masterplaner "Der Souverän, das Volk, hat keinen Ort!"

Im SPIEGEL-ONLINE-Gespräch kritisiert Kanzleramtsarchitekt Axel Schultes sein eigenes Werk, weil ihm "das Herzstück" seiner Anlage fehlt: das Bürger- und Bundesforum.

Von Holger Kulick


"Die Bürger stehen hier vor einem Vakuum" - Axel Schultes
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"Die Bürger stehen hier vor einem Vakuum" - Axel Schultes

SPIEGEL ONLINE:

Herr Schultes, Sie wirken nicht glücklich über Ihr Produkt.

Schultes: Welches Produkt, das Kanzleramt? Das hat Energie, das hat Courage, wir sind trotz aller handwerklichen Abstriche zufrieden. Unglücklich sind wir über die Ignoranz gegenüber dem Bürger- und Bundesforum. Die Klammer, die hier alles in republikanischem Geiste zusammenhält, fehlt.

SPIEGEL ONLINE: Wie sollte die für Sie aussehen?

Schultes: Wir hatten eine ganze Reihe Varianten entworfen, um die Debatte in Gang zu bringen. 1993 kündigte Rita Süssmuth sogar ein Reichstagskolloquium an, um die Ausgestaltung zu diskutieren. Aber das fand nie statt.

SPIEGEL ONLINE: Aber Sie sind der Architekt. Was planten Sie ursprünglich?

Schultes: Das Forum als "umbauter Raum", nicht als Platzfläche, über die der Wind weht. Denn hier geht es um das politarchitektonische Herz, um den einzigen Ort für die Bürger - alles andere haben die Politiker für sich arrangiert.

SPIEGEL ONLINE: Das sagt bis jetzt wenig über die Inhalte aus.

Schultes: Zuallererst gehört die Ausstellung "Fragen an die deutsche Geschichte" hierher, die früher im Reichstag untergebracht war und sich momentan deplaziert im Deutschen Dom am Gendarmenmarkt befindet. Dieses Revue deutscher Demokratiegeschichte kann ausgezeichnet auf den Tunneldecken der U-Bahn unter diesem Platz unterkommen. Dort gibt es sieben Meter ungenutzte Höhe bis zur Forumfläche.

SPIEGEL ONLINE: Das allein füllt ein Bürgerforum aber noch nicht.

"Fragen Sie Kohl, Schröder, Thierse, warum dieses Forum nicht angefasst wurde und wird"
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"Fragen Sie Kohl, Schröder, Thierse, warum dieses Forum nicht angefasst wurde und wird"

Schultes: In den beiden dicken Platzwänden kommt vieles unter: Entree, Shop, Café und Management der Ausstellung darunter, Kino- und Vortragssaal, Wechselausstellungen zu besonderen politischen Themen. Vor allem aber auch die ganze Infrastruktur für den Polit-Tourismus und die vielen Menschen, die in nächster Nähe arbeiten und nicht nur ihre Kantine nutzen wollen. Alle denkbaren Restaurationen und Informationen - vom Cappuccino bis zur "Washington Post". Und wer weiß, vielleicht bekennt sich die Bundespressekonferenz zu dieser Schnittstelle von Politik und Öffentlichkeit und mietet noch den zentralen Pressesaal vor Ort.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt kaum nach einem Ort des politischen Engagements?

Schultes: Als Forum für Demonstrationen ist die weite Fläche des Platzes der Republik, unmittelbar vor dem Reichstag, weit besser geeignet. Das Forum ist viel intimer angelegt, viel "normaler", für Begegnungen gedacht oder zum Zeitung lesen in der ersten April-Sonne etwa.

SPIEGEL ONLINE: Könnte auch eine brave Hyde Park Corner daraus werden?

Schultes: Warum nicht? Auch das wäre möglich. Aber das Dilemma ist, dass die generelle Diskussion darüber abgeblockt und nie geführt wurde. Und selbst wenn sie jetzt käme, dauerte es immer noch sieben, acht Jahre, bis hier endlich eine Nutzung angeboten werden könnte. Aber in der Zwischenzeit stehen die Bürger hier vor einem Vakuum und wundern sich, warum diese Politbauten so unvermittelt und unverständlich isoliert in der Gegend stehen. Denn warum dieses Kanzleramt jetzt als ein so isolierter Solitär im Raume steht - das ist niemandem mehr begreiflich zu machen.

SPIEGEL ONLINE: Das ist aber Ihr Kind, das so über das Ziel hinausgeschossen ist. Wer zeichnet denn dafür verantwortlich?

"Wäre das Spreebogenkonzept umgesetzt worden, dann hätten wir tatsächlich den großen, generösen Satz"
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"Wäre das Spreebogenkonzept umgesetzt worden, dann hätten wir tatsächlich den großen, generösen Satz"

Schultes: Die Architekten, selbstverständlich. Aber die sind nicht übers Ziel hinausgeschossen, wie sie meinen. Denn mit Forum zu Ende gebaut, wäre der Spreebogen almost allright und das Kanzleramt in genau dosierter Statur zum Reichstag. Und damit käme die polit-architektonische Ikonographie ins Lot. Fragen Sie nicht mich, fragen Sie Kohl, Schröder, Thierse, warum dieses Forum nicht angefasst wurde und nicht angefasst wird.

SPIEGEL ONLINE: Versuchen Sie nun die Ehrenrettung Ihres Ur-Konzepts?

Schultes: Wäre das Spreebogenkonzept umgesetzt worden, dann hätten wir tatsächlich - um es mit Sloterdijks Worten zu sagen - den großen, generösen Satz, den die Gesellschaft über sich selbst zu sprechen fähig ist. Da braucht es keine "Ehrenrettung". Wenn man die Großbauten aber isoliert herumstehen lassen will, dann hätte man gleich ein anspruchsloseres Konzept auswählen sollen - die gab es ja.

SPIEGEL ONLINE: Aber wirkt Ihre lange, hohe Betonummauerung des Kanzleramtsparks nicht auch anspruchslos?

Schultes: Die Billigbetonrahmung des Kanzlerparks, die uns alle so ärgert, war natürlich als Sandsteinfassade geplant, wie das übrige Haus. Und fiel, wie vieles, den Kosteneinsparungen zum Opfer. Nun muss der wilde Wein, den wir anpflanzen ließen, die Gemüter beruhigen.

SPIEGEL ONLINE: Als Pendant wird das Bürgerforum Grünanlage?

Schultes: Natürlich wird es bald nicht mehr so aussehen wie Wüste, die sich hier breit macht. Es wird eine vierreihige Baumallee auf beiden Seiten geben. Dazu kommt zur Verkleinerung dieser großen Forumsfläche eine weitere, sechsreihige Baumreihe, so dass eine 60 Meter breite Spur übrig bleibt, halb Rasen, halb Serpentine.

SPIEGEL ONLINE: Öffentlich?

"Ich bin so unzufrieden, weil die Idee hier unter Wert verkommt"
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"Ich bin so unzufrieden, weil die Idee hier unter Wert verkommt"

Schultes: So öffentlich, wie wir am Ende hoffentlich auch den Kanzleramtspark sehen können. Denn solange keine Kanzler-Villa im Park vorhanden ist, wäre es unsinnig, nur für die Hubschrauber-Landemöglichkeit die ganze Anlage zu sperren.

SPIEGEL ONLINE: Dieser Park markiert die Westseite Ihrer "Spur des Bundes". Sollte die nicht ursprünglich viel weiter nach Osten reichen?

Schultes: Diese Verzahnung mit der alten Stadt im Osten kam sehr abrupt zu ihrem Ende. Wir wollten sie tatsächlich bis zur Friedrichstraße treiben. Aber dafür gab es wenig Unterstützung, wohl aus Sorge, dass dieser Fremdkörper stadtstrukturzerstörend wirken könnte. Dieses Konzept hätte natürlich viel Mut erfordert, aber scheiterte an der deutschen Ängstlichkeit, das Falsche zu vermeiden, aber eben nicht das Richtige zu tun.

SPIEGEL ONLINE: Ist so nur Frust für Sie geblieben?

Schultes: Natürlich sind wir froh, dass mit diesen beiden Bauten, dem Kanzleramt und dem Paul-Löbe-Haus für die Abgeordneten, ein Grundstein gelegt ist. Die Spur ist vorhanden. Nur dieses Schöne, Generöse, der Lange Atem, die Wand, die den Reichstag als den einen wichtigsten Solitär hervorhebt - dieses stadträumliche Wirkung ist nicht da. Deshalb bin ich so unzufrieden, weil die Idee hier unter Wert verkommt.



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