Interview mit Jan Josef Liefers "Ich war wie gelähmt"

In dem umstrittenen RTL-Film "Todesstrafe - Ein Deutscher hinter Gittern" spielt Jan Josef Liefers einen in den USA einsitzenden Todeskandidaten. Mit SPIEGEL ONLINE sprach der 36-jährige Schauspieler über den umstrittenen Ausstrahlungstermin und das komplizierte Verhältnis von Rache, Gerechtigkeit und Justiz.

SPIEGEL ONLINE:

Herr Liefers, RTL wollte den Film "Todesstrafe - Ein Deutscher hinter Gittern" am Tag ausstrahlen, an dem die inzwischen verschobene Hinrichtung des Oklahoma-Attentäters Timothy McVeigh angesetzt war. Wie stehen Sie dazu?

Jan Josef Liefers: Film hat das Recht, sogar die Pflicht, reale Ereignisse fiktional zu thematisieren. Mag sein, dass eine Dokumentation eher angebracht wäre. Aber dieser Spielfilm ist wirklich alles andere als eine spekulative oder reißerische Nummer. Er bietet die Möglichkeit, sich auf eine ehrliche und emotionale Art mit der Todesstrafen-Thematik auseinander zu setzen. Wahrscheinlich mehr, als es "CNN", "BBC", "ABC" und "n-tv" zusammen tun werden. Das versöhnt mich mit dem Gedanken, dass er an diesem Tag ausgestrahlt wird. Ich finde das ganz in Ordnung.

"Kloß im Hals"


SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie Ihre eigene Hinrichtung im Film erlebt?

Liefers: Ich hatte einen merkwürdigen Kloß im Hals, wie wenn man zum Zahnarzt geht. Man kann das ja gar nicht begreifen. Wir sind doch gewohnt, dieses Ritual, in dem einem von einem Mediziner eine Kanüle in den Arm geschoben wird, mit einer Situation zu assoziieren, in der geholfen wird. Ich hatte eine furchtbare Beklemmung, ich war wie gelähmt.

SPIEGEL ONLINE: Kann der Film dem Thema Todesstrafe gerecht werden?

Liefers: Es ist ja kein Film mit didaktischer Botschaft. Natürlich wird das Thema Todesstrafe in den Ländern, die sie verhängen, hoch politisiert. In den USA gibt es eine große Anzahl von Befürwortern, und sogar unter den Gegnern sind einige, die nicht prinzipiell die Todesstrafe ablehnen, sondern ihre Verhängung auf solche Fälle beschränken sollen, in denen die Schuld hundertprozentig nachgewiesen werden konnte. Ich vermute auch, dass eine anonyme Umfrage zum Thema in Deutschland überraschende Ergebnisse offenbaren würde. Mein Tipp wäre, dass mehr als die Hälfte der Leute für die Wiedereinführung plädieren.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie sich selbst ein todeswürdiges Verbrechen vorstellen?

Liefers: Natürlich kann ich mir das vorstellen, und jeder, der Kinder hat, hat ganz schnell die passende Assoziation parat. Ich kann als Vater sehr gut verstehen dass die Eltern eines zwölfjährigen Mädchens, das verschleppt, missbraucht und umgebracht wird, den Wunsch nach Rache verspüren. Aber: Das darf keine Ebene gesellschaftlicher Aktion sein. Man darf Kriminalität nicht als emotionaler Privatmensch verhandeln, das muss auf objektiver gesellschaftlicher Ebene geschehen. Und dafür gibt es Richter, die als Vertreter der Gesellschaft und Berufsgerechtigkeitshersteller solche Objektivität beherrschen müssen.

"Dich machen wir weg, und dann ist alles wieder gut"


SPIEGEL ONLINE: Ein Argument der Todesstrafen-Befürworter ist, dass es Genugtuung für die Angehörigen der Opfer geben muss.

Liefers: Ja, und ich kriege auch zu viel, wenn ein Mann, der ein Kind erwürgt und zerstückelt, bei acht Analytikern durchgereicht wird, die ihm bescheinigen, dass er zu früh oder zu spät gestillt wurde. Oder dass einer, der im Vollrausch seine Frau ersticht, als nicht schuldfähig gilt, weil er unter Alkoholeinfluss stand. Aber die Todesstrafe ist doch ein so offensichtliches Eingeständnis der eigenen Hilflosigkeit. Das ist geradezu pubertär: Dich machen wir weg, und dann ist alles wieder gut.

"Die Justiz kann Gerechtigkeit nicht herstellen"

SPIEGEL ONLINE: Zumindest scheint es die Sehnsucht nach einer diffusen Form von Gerechtigkeit zu befriedigen.

Liefers: Ich glaube, dass Gerechtigkeit im objektiven Sinn nicht möglich ist. Stellen Sie sich eine Situation vor, in der jemand wegen Mordes hingerichtet wird. Auf der einen Seite der Scheibe sitzen die Mutter und der Vater des Mörders, auf der anderen die Eltern des Opfers. Wie ähnlich die sich fühlen müssen. Und das wird als Gerechtigkeit empfunden? Die Justiz kann Gerechtigkeit nicht herstellen, sie kann nur Regelverstöße bestrafen.

SPIEGEL ONLINE: Birgt mangelnde Härte der Strafen, wie viele warnen, die Gefahr von Selbstjustiz?

Liefers: Ich glaube nicht, dass jemand, der sich im ersten Moment affektiv wünscht, selbst die Waffe in die Hand zu nehmen, das auch vor Gericht erwartet. Eher im Gegenteil: Die Opfer hoffen doch vielmehr, dass die Dinge jetzt wieder einen übergeordneten, objektiveren Weg gehen. Dass ihre Konfusion in eine Struktur eingeordnet wird und die eigene aufkeimende Gesetzlosigkeit wieder eingefangen wird. Dass also eine Ordnung wiederhergestellt wird, in der man nichts zu befürchten hat. Auch wenn die Justiz oft genug nicht einmal das schafft.

SPIEGEL ONLINE: Welches Fazit ziehen Sie daraus?

Liefers: Jeder Mensch hat die Pflicht, sich mit seiner Vergangenheit auseinander zu setzen, damit sie nicht in der Katastrophe endet. Wir alle sollten uns unserer Verantwortung bewusst sein, uns mit traumatischen Erlebnissen beschäftigen und sie aufzuarbeiten. Und die Gesellschaft muss das unterstützen, sie muss das geradezu fordern und mit allen ihr möglichen Mitteln begleiten.

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