Interview mit Jörg Pilawa "Ich sehe mich kaum"

Der TV-Moderator Jörg Pilawa, 38, sprach mit SPIEGEL ONLINE über seine Rolle als "Allzweckwaffe" der ARD, den Fernsehgeschmack der Massen und den pädagogischen Gehalt seiner "Pisa-Show".

SPIEGEL ONLINE:

Herr Pilawa, Sie haben es in zweieinhalb Jahren zur "Allzweckwaffe" der ARD gebracht und mobilisieren für den Sender Millionen von Zuschauern. Wie lautet Ihre Erfolgsformel?

Jörg Pilawa: Beharrlichkeit. Ich habe im letzten Jahr 220 Sendungen gemacht, davon 200 am Vorabend, die beinahe alle an die fünf Millionen Zuschauer erreicht haben. Das schafft momentan kaum einer, nicht mal in der Primetime.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem bleiben Sie für viele Kritiker der nette Herr Pilawa, die zuverlässig funktionierende Wunderwaffe, die aber eben doch ein Kleinkaliber ist, wie die "Süddeutsche Zeitung" meint.

Pilawa: Für wen mache ich denn Programm? Jedenfalls nicht für die Kritiker der "SZ", sondern für fünf Millionen Menschen, die sich am Vorabend sehr gut unterhalten lassen wollen. Die Medien- und Fernseh-Seiten der Zeitungen sind geschrieben von uns für uns über uns, von Journalisten für Journalisten und damit für einen verhältnismäßig kleinen Zirkel. Ich jedenfalls kenne in meinem Bekanntenkreis niemand, der auch nur einmal auf so eine Seite geguckt hätte.

SPIEGEL ONLINE: Wünschen Sie sich insgeheim nicht dennoch manchmal die zynische Brillanz eines Harald Schmidt und damit auch seine Anerkennung?

Pilawa: Nein, überhaupt nicht. Zynismus hat auf dem Programmplatz, auf dem ich stattfinde, nichts zu suchen. Natürlich schätze ich Harald Schmidt als Late-Night-Talker überaus. Und wenn er am Abend 1, 4 Millionen Menschen anspricht, die alle irgendwo mit der Medienbranche zu tun haben, bin ich so glücklich, wie jeder andere Schmidt-Fan auch.

SPIEGEL ONLINE: Das aber ist vorerst Geschichte. Sitzt Schmidt nach seinem Ausstieg bei Sat.1 eigentlich jedem öffentlich-rechtlichen Showmaster im Nacken? Schließlich würde er bei einem Wechsel enorme Aufmerksamkeit auf sich ziehen.

Pilawa: Da trage ich überhaupt keine Sorge. Im Gegenteil, hätte ich für die ARD einen Wunsch frei, dann würde ich mir Schmidt wünschen. Was das angeht, bin ich wirklich ganz uneitel.

SPIEGEL ONLINE: Und sonst? Es muss doch ein großartiges Gefühl sein, das eigene Gesicht beinahe jeden Tag auf dem Bildschirm sehen zu können?

Pilawa: Ob Sie es glauben oder nicht, ich schaue selten fern und sehe mich daher kaum. Ich habe mich über die Feiertage aber tatsächlich gefragt, ob ich vielleicht zu häufig zu sehen war.

SPIEGEL ONLINE: In der Tat gibt es für den ARD-Zuschauer kaum ein Entkommen vor Ihnen.

Pilawa: Wenn man eine erfolgreiche tägliche Sendung hat, dann kann man nicht einfach plötzlich weniger machen. Allerdings habe ich im Herbst drei große Abend-Shows in einem Monat moderiert, das war eindeutig zu viel. Ich denke aber, dass man den Abend fünf bis sechsmal bedienen kann, allerdings übers Jahr verteilt. Sonst könnte es vielleicht wirklich so kommen, dass der Zuschauer sagt: 'Das Gesicht von diesem Pilawa kann ich nun wirklich nicht mehr sehen'.

SPIEGEL ONLINE: Eine Gefahr, die momentan wohl kaum besteht, weil Sie Jugendliche ebenso anzusprechen scheinen, wie ältere Zuschauer.

Pilawa: Und darüber bin ich froh. Heute mache ich Programm für eine Mehrheit, die auch 50 plus mit einschließt. Bei den Privaten dagegen musste ich Programm für eine Minderheit machen, eine Minderheit, die in Deutschland "Zielgruppe 14 bis 49" heißt. Das ist zum Glück bei der ARD nicht so. Nehmen wir das Format Quiz. Damit spreche ich eben auch ältere Menschen an und darf daher jeden Abend auf Sendung. Schließlich haben wir, wie die demografische Entwicklung zeigt, eine Gesellschaft, die nicht nur, aber eben immer mehr auch 50 plus stattfindet. Und es ist doch beinahe schon krank, dass wir uns von der Werbung diktieren lassen sollen, für wen wir Programm zu machen haben und für wen nicht.

SPIEGEL ONLINE: Immerhin war es mit Sat.1 ein privater Sender, der Sie bekannt gemacht hat.

Pilawa: Keine Frage, und ich habe bei Sat.1 ein Handwerk gelernt, das mir heute noch hilft. Fließbandproduktionen, bei denen man sechs Sendungen am Tag aufzeichnet, haben mir ein Stehvermögen vermittelt, das man bis dato nicht kannte bei den Öffentlich-Rechtlichen. Zudem habe ich nach wie vor auch sehr guten Kontakt zu Sat.1 und finde vieles brillant, was dort gemacht wird. Das ändert aber nichts daran, dass die Öffentlich-Rechtlichen private Formate, wie Big Brother oder die Castingshows, einfach nicht auf den Schirm bringen könnten.

SPIEGEL ONLINE: Skrupel, die immer kleiner zu werden scheinen, schließlich plagiieren ARD und ZDF häufig private Erfolgsformate.

Pilawa: Aber doch nicht in derselben trashigen Form. Nehmen wir die ZDF-Casting Show. Da hat man, anders als bei "Deutschland sucht den Superstar", schon sehr darauf geachtet, dass die Boulevardpresse nicht jeden Tag darüber berichten konnte, was sich hinter den Kulissen tut. Wahrscheinlich ist dieser Trashfaktor aber einfach erforderlich, wenn man wie die Privaten relativ schnell Öffentlichkeit herstellen will und muss.

SPIEGEL ONLINE: Ist aber nicht gerade auch Ihre Pisa-Show eine trashige Verdummung des Publikums, indem man ihm unter dem hehren Banner "Wissen" ein ziemliches Spektakel vorsetzt?

Pilawa: Es ist legitim so zu denken, aber wenn ich am Samstagabend Unterhaltung machen will, dann muss ich mir vorher überlegen, wie ich möglichst viele Leute erreiche. Mit einer reinen Wissens-Sendung wäre das um 20.15 Uhr kaum möglich. Es muss einfach Unterhaltung sein! Und meiner Meinung nach war Pisa genau das: sauber gemachte TV-Unterhaltung. Natürlich gab es eine ganze Reihe technischer Probleme, aber das ist normal bei einem funkelnagelneuen Format, das live auf den Schirm kommt. So etwas hatte es seit den frühen "Wetten, dass...?"-Sendungen nicht mehr gegeben. Und wenn man sich die heute noch einmal anschaut, kann man kaum glauben, dass daraus einmal die erfolgreichste deutsche Unterhaltungsendung werden sollte.

SPIEGEL ONLINE: Wird die aktuelle Gebührendebatte der öffentlich-rechtlichen Sender und die Idee der Grundversorgung durch die "Pisa-Show" und ähnliche Formate nicht ad absurdum geführt?

Pilawa: Wer sagt denn das? Unterhaltung ist doch auch eine Grundversorgung. Es gibt auch gar nicht so viele Unterhaltungsplätze in der ARD, im Grunde nur den Samstag und manchmal den Donnerstagabend. Für diese wenigen Plätze aber sind wir in der Pflicht, möglichst viele Zuschauer zu erreichen. Bei bis zu elfeinhalb Millionen gegen die "Lego Show" und "Wer wird Millionär" ist uns das mit "Pisa" gelungen. Wer diese elfeinhalb Millionen Zuschauer hat, der hat fraglos sehr viele Zuschauer. Das ist der Grund, warum wir die Show in diesem Jahr zweimal machen werden.

SPIEGEL ONLINE: Kerner und Gottschalk beim ZDF, Jauch und Geissen bei RTL, Pflaume bei Sat.1 und Sie bei der ARD - alle großen Vollprogramme leisten sich eine solche Galionsfigur, werden so aber auch abhängig...

Pilawa: Ich würde nicht von Abhängigkeit sprechen, eher schon von einer Gegenseitigkeit. Einerseits würde es den Zuschauer wohl auch irritieren, wenn beim Quiz jeden Abend ein anderer die Fragen stellen würde. Es ist eine Form von Verlässlichkeit, die wir ihm bieten, der Moderator gehört einfach zum Fernsehabend dazu. Andererseits fehlen aber auch die Alternativen, weil es keine wirkliche Moderatorenpflege gibt. Ein neues Gesicht wird doch kaum noch aufgebaut, sondern gleich ins kalte Wasser geschmissen. Dann schaut man am nächsten Tag auf die Quote und wenn die nicht stimmt, dann bist du weg! Das ist heute das Prinzip, deshalb haben wir diesen Mangel an neuen, interessanten Gesichtern. Früher - bei nur drei Programmen - konnte sich einer durch zwei gute Sendungen durchaus schon einen Namen machen. Heute, bei über dreißig Sendern und dem ewigen Rumgezappe, hat doch kaum noch einer die Chance überhaupt wahrgenommen zu werden.

SPIEGEL ONLINE: Und die, die man täglich wahrnimmt, stehen auch noch für eine schleichende Trivialisierung des Fernsehens.

Pilawa: In erster Linie stehen sie mal für eine Masse an Zuschauern. Also müsste man eher von einer Trivialisierung beim Zuschauer sprechen, den Mut aber hat kein Kritiker. Nirgendwo klappt die Demokratie doch so gut wie beim Fernsehen, jeder kann auch jederzeit ausschalten. Nehmen wir aber mal an, dass ich eine Sendung moderierte, die dann alle Kritiker dieser Nation begeistern würde. Wissen Sie, wo diese Sendung dann finden stattfinden müsste? Bei Arte, um Mitternacht, unter Ausschluss der Öffentlichkeit!

Interview: Andreas Kötter

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