Interview mit Mario Adorf "Berlusconi wird seine Macht verteidigen"

Der Schauspieler Mario Adorf hat lange in Italien gelebt. Er hofft auf einen Regierungswechsel. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht er über den Einfluss, den Silvio Berlusconis Amtszeit auf die Italiener hatte.


SPIEGEL ONLINE: Herr Adorf, was ist für Sie als Italienliebhaber Ihr persönlicher Wunsch nach dem knappen Wahlausgang?

Schauspieler Adorf: "Berlusconi ist vor allem ein Blender"
DDP

Schauspieler Adorf: "Berlusconi ist vor allem ein Blender"

Adorf: Ein Wechsel und auf keinen Fall eine Große Koalition, von der ich mir in Italien noch ein bisschen weniger verspreche als in Deutschland.

SPIEGEL ONLINE: Berlusconi gibt sich noch nicht geschlagen, er fordert nun eine Nachzählung der Stimmen. Kann er einfach nicht verlieren?

Adorf: Was jetzt passiert, passt zu ihm. Ich nehme an, er ist kein Mann, der großzügig und freizügig seinen Verzicht, seine Niederlage einräumen kann. Er wird mit Händen und Füßen seine Macht verteidigen - und er wird sie ja auch nicht im Ganzen verlieren, denn er bleibt der mächtige Medienmann. Und mit dem muss man immer wieder rechnen.

SPIEGEL ONLINE: Also werden wir Herrn Berlusconi immer wieder begegnen?

Adorf: Ich hatte ja schon das zweifelhafte Glück, dass ich bei bestimmten Fernsehproduktionen in Italien nicht wusste, wer der Sender ist. Manchmal kannte ich nur den Produzenten. Später habe ich dann erfahren, das mein eigentlicher Arbeitgeber letzten Endes Berlusconi war.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben lange im Land gelebt. Was sind eigentlich die Spätfolgen der Berlusconi-Herrschaft?

Adorf: Es ist offensichtlich, dass Italien in einem desolaten Zustand ist, gerade ökonomisch. Berlusconi ist vor allem ein Blender, kein Politiker, kein Staatsmann. Dazu hat er nicht die Statur. Er ist ein erfolgreicher Unternehmer, Industrieller - mehr aber auch nicht. Ich würde mir wirklich wünschen, wenn diese Ära in Italien endgültig zu Ende wäre.

SPIEGEL ONLINE: Was wäre die größte Herausforderung, vor der der knappe Wahlsieger Romani Prodi stünde?

Adorf: Er hat es natürlich schwer, denn es gibt so vieles anzupacken, so viele Reformen stehen an. So vieles ist aber auch rückgängig zu machen, was Berlusconi zu verantworten hat. Ich würde mir wünschen, dass Prodi dabei Glück hat.

SPIEGEL ONLINE: Das italienische Fernsehen, das von Berlusconi dominiert wird, hat die Alltagskultur in den letzten Jahren maßgeblich geprägt. Haben sich dadurch auch die Italiener verändert?

Adorf: Ja, sicher. Die normalen Menschen, die tagtäglich über alle Kanäle inklusive des Staatsfernsehens mit Berlusconi berieselt werden, haben keine Chance, sich dem zu entziehen. Das erklärt auch den relativen Erfolg Berlusconis - den er aber eigentlich nicht verdient hat. Hinzu kommt, dass wir eine schwache, zersplitterte Linke in Italien haben.

SPIEGEL ONLINE: Von deutscher Seite wurde Einfluss genommen - so zeigte sich Altkanzler Helmut Kohl mitten im Wahlkampf in Rom und besuchte Prodi, den früheren EU-Kommissionspräsidenten und heutigen Kandidaten der Mitte-links-Opposition.

Adorf: Als Geste war das ungewöhnlich und erstaunlich, denn Herr Kohl ist damit - wenn man so will - ins andere Lager gegangen und hat symbolisch gute Stimmung für die Linke gemacht. Ob es geholfen hat, weiß ich natürlich nicht.

SPIEGEL ONLINE: Durch das Vielparteiensystem sind die Verhältnisse in Italien alles andere als stabil. Kommt Berlusconi, wenn er jetzt verlieren sollte, noch einmal zurück ins politische Rampenlicht?

Adorf: Ich würde mir wünschen, dass er aufgibt und sagt: Das wars, ich habe es zweimal geschafft, einmal kurz und einmal lang. Für ihn war es doch ein Erfolg, dass er länger regiert hat als andere Ministerpräsidenten nach dem Krieg in Italien. Es wäre schön, erleichternd und beglückend, wenn er das Handtuch werfen und sich auf seine Rolle als Unternehmer zurückziehen würde.

Das Interview führte Severin Weiland 

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