Interview mit Nicolas Paalzow "Das Publikum ist die höchste Instanz"

Der Geschäftsführer von ProSieben, Nicolas Paalzow will mit neuen Sendeformaten verlorene Marktanteile zurückholen. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE äußert sich der 35-Jährige zu Fehlern der Vergangenheit, den Aussichten für die Zukunft und dazu, was getragene Slips mit Qualität zu tun haben.


Nicolas Paalzow: "Habe keinen Trend verpasst"
DDP

Nicolas Paalzow: "Habe keinen Trend verpasst"

SPIEGEL ONLINE:

Herr Paalzow, Sie haben ProSieben bezeichnet als "Synonym für das große Staunen, wenn man erstmals am Broadway steht"; zuletzt sah es eher nach dem großen Gähnen aus, Ihr Marktanteil ist von über 14 auf 12 Prozent zurück gegangen...

Paalzow: Ich habe das gesagt in Bezug auf unsere momentane Kampagne "Entertainment XXL", die eine klare Antwort auf den Marktanteilsschwund im ersten Halbjahr ist. Wir waren uns einig, dass wir unserem Publikum, den Spielfilm- und den Serienfans, wieder ein Stück dieses Gefühl zurückgegeben müssen, als stünden sie zum ersten Mal am Broadway.

SPIEGEL ONLINE: "Entertainment XXL" soll es jetzt richten, schon Anfang des Jahres hatten Sie "Entertaining The Nation" versprochen und mit "Mission Germany" auf ein Real Life-Format gesetzt, nur unterhalten fühlten sich die wenigstens; haben Sie die Real Life-Karte nicht viel zu spät gezogen?

Paalzow: Das würde ich nicht sagen. "Mission Germany" war auch nicht in dem Sinn gedacht: Jetzt setzt auch ProSieben mal auf Real Life. Vielmehr war dieses Format angelegt als weiterer Schritt in der Entwicklung unserer Abenteuer-Shows, wie "Fort Boyard" und "Der Maulwurf" aus dem Vorjahr. Natürlich hatte "Mission Germany" zugegebenermaßen Real-Life-Anteile, wie man sie etwa auch von "Big Brother" kannte...

SPIEGEL ONLINE: ...das zu diesem Zeitpunkt schon das Model von gestern war...

Paalzow: Fakt ist, dass das Format nicht publikumswirksam genug war und es deshalb auch keine neue Staffel geben wird. In unserer Analyse sprechen wir nicht davon, einen Trend verpasst zu haben. Ich spreche von guten oder schlechten Formaten.

SPIEGEL ONLINE: "Gute Formate" benötigt ProSieben auch, um das Versprechen vom "Entertainment XXL" einzuhalten.

Serie "Sex in the City": Marktanteile zwischen 14 und 16 Prozent
REUTERS

Serie "Sex in the City": Marktanteile zwischen 14 und 16 Prozent

Paalzow: Die haben wir. Nehmen wir den Dienstag: Mit "Emergency Room", "Sex And The City" und "Coupling" sind wir überzeugend zurückgekommen, die Marktanteile bewegen sich zwischen 14 und 16 Prozent. Mit Erstausstrahlungen großer Hollywoodfilme wie "James Bond - Die Welt ist nicht genug" oder mit Stefan Raabs Analyse der Kanzlerduelle gibt es von Woche zu Woche Programm-Highlights, mit denen wir den Anspruch "Entertainment XXL" sehr wohl einlösen können.

SPIEGEL ONLINE: Mit der Gynäkologin "Dr. Verena Breitenbach" setzen Sie nun auch auf Servicetainment à la "Angelika Kallwass", das sieht dann allerdings schon nach dem Aufspringen auf einen Trend auf.

Paalzow: Sie meinen sicher die "Fachärztin für Frauenheilkunde und Paartheurapeutin Dr. Verena Breitenbach". Zum Thema "ServiceTainment" möchte ich sagen, dass wir diesbezüglich nirgendwo abkupfern, sondern vielmehr in diesem Bereich etwas Neues entwickeln und diese Entwicklung auch exklusiv für uns beanspruchen.

SPIEGEL ONLINE: Das hört sich an, als hätte ProSieben diese Sparte erfunden.

Paalzow: Der Begriff "ServiceTainment" ist in der Tat von uns geprägt worden und wir habe ihn auch schützen lassen. Mit der Verbindung von Service und Unterhaltung in der Day Time wollen wir einen neuen Trend setzen.

SPIEGEL ONLINE: Sie betonen den Service-Charakter des Formates. Nun ist ProSieben aber nicht die Wohlfahrt, sondern ein profitorientiertes Unternehmen. Geht es Ihnen nicht vielmehr darum an die Werbe-Etats der Pharma-Industrie zu gelangen?

Dr. Verena Breitenbach: Trash spielt keine Rolle
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Dr. Verena Breitenbach: Trash spielt keine Rolle

Paalzow: Im Vordergrund steht für uns der Aspekt ein unterhaltsames Programm zu machen, dass aber auch Service-Aspekte hat und dem Zuschauer so einen eindeutigen Mehrwert bietet gegenüber den reinen Unterhaltungssendungen am Nachmittag. Dass wir am Ende des Tages Fernsehen machen um auch Werbung zu verkaufen, ist keine neue Erkenntnis. Das ist bei all unseren Überlegungen die Prämisse, nach der wir als ertragsorientiertes Unternehmen handeln.

SPIEGEL ONLINE: Ob sich Ihre Werbekunden in einem Umfeld wohl fühlen, wo der Zuschauer, wie bei "Angelika Kallwass" oder bei den Gerichtsshows, mit intimen, häufig unappetitlichen Details malträtiert wird?

Paalzow: Ich bin überzeugt, dass "Dr. Verena Breitenbach" ein sehr positives Format wird, bei dem Trash überhaupt keine Rolle spielt. Ein Format, das Orientierung für den Zuschauer schafft und ihn so auch an den Sender bindet.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Star Arabella Kiesbauer nennt diese Formate jedenfalls verächtlich "degenerierte Soaps".

Paalzow: Arabella hat ihre persönliche Auseinandersetzung mit dieser Art von Fernsehen in der letzten Zeit immer wieder mal in die Medien getragen. Ich finde es völlig in Ordnung, wenn eine Moderatorin, die acht Jahre lang erfolgreiches Fernsehen bei ProSieben gemacht hat, ihre eigene Meinung zu einer neuen, bestimmten Art von Fernsehen hat. Aber Arabella Kiesbauer macht nicht die Programmpolitik von ProSieben.

SPIEGEL ONLINE: Apropos, was wird aus "Arabella"?

Talkshow "Arabella": Mit vollem Schwung in den Herbst
Foto: GMS

Talkshow "Arabella": Mit vollem Schwung in den Herbst

Paalzow: Wir haben immer gesagt, dass wir gemeinsam mit vollem Schwung in diesen Herbst gehen wollen. Jetzt wird es darauf ankommen, ob das Format weiterhin auch gegen die neuen Gerichtsshows wettbewerbsfähig bleibt und ob Arabella auch weiterhin Lust hat. Im Laufe dieses Herbstes werden wir dann entscheiden, ob wir zusammen weiter arbeiten werden.

SPIEGEL ONLINE: Die andere bei ProSieben verbliebene Talk-Show, "Absolut Schlegl", verspricht nun auch vermeintliche Lebenshilfe, so dass "Schlegl nun nicht mehr an getragenen Slips riechen lässt sondern seine Gäste über Intimitäten ausfragt", wie die SZ süffisant feststellt. Wo bleibt da der von Ihnen stets betonte Premium-Anspruch?

Paalzow: Will man dem Artikel etwas abgewinnen, dann, dass er beschreibt, dass "Schlegl" in Zukunft ein weniger Talkshow-orientiertes Format sein wird, sondern eins, das jetzt stärker einer klaren Dramaturgie folgt, bei der das Thema "Tobi hilft..." im Mittelpunkt steht. Er soll eine Art Robin Hood für junge Leute sein, wir werden sehen, ob das funktioniert.

SPIEGEL ONLINE: Wenn ein Senderchef, der als Connaisseur von alten Spielfilm- und Serienklassikern gilt, ein Format wie "Schlegl" so verteidigt, dann kann das kaum seine persönliche Meinung sein...

Tobi Schlegl: Robin Hood für junge Leute
DDP

Tobi Schlegl: Robin Hood für junge Leute

Paalzow: Das kann man nicht trennen. Als Programm-Verantwortlicher von ProSieben stehe ich ein für alle Sendungen die hier laufen.

SPIEGEL ONLINE: Auch gegen besseres Wissen?

Paalzow: Natürlich stehe ich zu den Programmen, die wir auf dem Sender haben. Ich halte Tobi Schlegl für einen talentierten Newcomer, den ich jetzt am Nachmittag wettbewerbsfähiger platzieren will. Selbstverständlich würde ich das nicht tun, wenn ich nicht auch an ihn glauben würde.

SPIEGEL ONLINE: Sie weichen aus.

Paalzow: Wenn die Frage darauf abzielt, ob alles, was auf ProSieben läuft, zu hundert Prozent auch meinen persönlichen Geschmack trifft, dann antworte ich: Das kann ja gar nicht sein. Das beziehe ich ausdrücklich nicht auf "Schlegl", es gibt auch Spielfilme, die bei uns laufen und möglicherweise nicht meinen persönlichen Geschmack treffen. Sicherlich hätte man aber Schwierigkeiten, wenn man sich nicht mit einem Großteil des eigenen Programms identifizieren würde. Und ich kann Ihnen versichern, alles, was wir in den letzten zweieinhalb Jahren angeschoben haben, beinhaltet auch mein Herzblut. Andererseits kann ich ein Format dreimal gut finden, wenn es vom Publikum nicht angenommen wird, dann kann ich am Ende eines Tages auch ganz nüchtern entscheiden diesen Weg nicht weiter zu verfolgen. Das Publikum ist die höchste Instanz.

SPIEGEL ONLINE: Und diese Instanz hat auch Ihrem einstigen Zugpferd Stefan Raab die gelbe Karte gezeigt; war es falsch ihn viermal pro Woche auf Sendung zu schicken?

Raab bei seiner Sondersendung "Wahl total": Noch lange vier mal die Woche
ProSieben

Raab bei seiner Sondersendung "Wahl total": Noch lange vier mal die Woche

Paalzow: Nein, überhaupt nicht. Die ganze Diskussion um Stefan und seine Quoten wird nur in den Medien, nicht bei uns geführt. Wäre Stefan gleich wie Harald Schmidt von Anfang an mit einer täglichen Sendung gestartet und nicht als singuläres Format mit sehr hohen Marktanteilen, die nicht zu halten waren, dann gäbe es diese Diskussion überhaupt nicht. Für mich ist es daher keine Frage, ob 15, 16 oder 17 Prozent. Ich bin guter Dinge, dass wir Stefan Raab mit "TV Total" noch lange vier mal die Woche bei ProSieben sehen werden.

SPIEGEL ONLINE: Ihr alter Sender Kabel 1 bekommt stets gute Presse, ProSieben taucht häufig mit Negativ-Schlagzeilen auf, sei es früher im Zusammenhang mit Krawall-Talk, sei es jetzt mit dem Quoteneinbruch; haben Sie den Wechsel schon einmal bereut?

Paalzow: Nein, und ich möchte zunächst darauf hinweisen, dass es auch viele gute Geschichten über ProSieben gibt, ich verweise zum Beispiel auf die Presse zum Start von "Sex And The City". Dass Beiträge, wie der schon Genannte über Schlegl, süffisanter und auffälliger sind, liegt auf der Hand. Ich mache aber meinen Lustgewinn am Job nicht abhängig von der täglichen Berichterstattung, sondern beispielsweise von unseren wieder erstarkten Quoten in der Primetime. Natürlich steht man bei ProSieben wesentlich mehr in der öffentlichen Kritik, wenn etwas nicht so gut läuft. Was kein Wunder ist. ProSieben ist ein Sender, der um 13 oder 14, Kabel 1 aber einer, der um fünf oder sechs Prozent kämpft.

SPIEGEL ONLINE: Unter der Krise des ProSiebenSat.1-Mutterkonzerns Kirch Media AG könnte auch die Sender-Familie leiden; Kirch-Manager Fred Kogel etwa befürchtet Versorgungsengpässe im Bereich der Hollywood-Filme für 2005.

Paalzow: Dinge, wie die Geschehnisse um Kirch Media, die man nicht beeinflussen kann, sollten einen auch nicht von der täglichen Arbeit abhalten. Wir konzentrieren uns ausschließlich auf das Ziel Marktanteile zurückzugewinnen...

SPIEGEL ONLINE: ...wofür Sie aber erstklassiges Spielfilmmaterial benötigen.

Paalzow: Wir sehen uns über die nächsten Jahre hinweg mit Lizenzrechten sehr gut versorgt. Vor allem natürlich auch in Hinblick auf das Spielfilmjahr 2003, das wir auf der Telemesse bereits vorgestellt haben. Im Gegensatz zu RTL haben wir bewusst nicht den Weg gewählt, Filme anzukündigen, die erst 2005 ausgestrahlt werden sollen.

SPIEGEL ONLINE: Was aber zeigt, dass bei RTL die Versorgung auf jeden Fall bis 2005 gesichert ist.

Paalzow: Ich glaube, auf einer Veranstaltung, wie der Telemesse, interessiert die Werbekunden zunächst immer das Programm für das folgende Programm-Jahr. Jeder kann aber davon ausgehen, dass die Tochtersender der ProSiebenSat.1 Media AG alles dafür tun werden, dass auch unsere Programmversorgung für die nächsten Jahre hervorragend sein wird. Zweifellos hat RTL eine sehr gute PR für den Warner-Deal gemacht, den man abgeschlossen hat. Das ist auch legitim. Wir aber haben unseren Kunden empfohlen sich die Anzahl der Erstausstrahlungen im Vergleich mit RTL anzusehen und erst dann zu entscheiden.

Das Interview führte Andreas Kötter



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