Interview mit Norbert Blüm "Man muss zwischen Verpackung und Inhalt unterscheiden"

Der Quiz-Moderator und ehemalige Arbeitsminister Norbert Blüm sprach mit SPIEGEL ONLINE über die gelungene und misslungene Inszenierung von Politikern, die eigene Karriere als Entertainer und die zunehmende Amerikanisierung des Wahlkampfs.


Norbert Blüm, 66, war Dauer-Arbeitsminister im Regierungskabinett von Helmut Kohl (1982 bis 1998). Der Kinderbuch-Autor und Verfasser vieler politischer Werke (unter anderen "Die Arbeit geht weiter. Zur Krise der Erwerbsgesellschaft", 1983) zog sich 2000 aus Gram über die CDU-Spendenaffäre um Altkanzler Kohl ganz aus der aktiven Politik zurück. Seit Ende 2000 sitzt der Rüsselsheimer im Rateteam bei der Neuauflage der Quizshow "Was bin ich?" auf Kabel 1.
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Norbert Blüm, 66, war Dauer-Arbeitsminister im Regierungskabinett von Helmut Kohl (1982 bis 1998). Der Kinderbuch-Autor und Verfasser vieler politischer Werke (unter anderen "Die Arbeit geht weiter. Zur Krise der Erwerbsgesellschaft", 1983) zog sich 2000 aus Gram über die CDU-Spendenaffäre um Altkanzler Kohl ganz aus der aktiven Politik zurück. Seit Ende 2000 sitzt der Rüsselsheimer im Rateteam bei der Neuauflage der Quizshow "Was bin ich?" auf Kabel 1.

SPIEGEL ONLINE:

Herr Blüm, als Moderator einer Quizshow sind Sie Teil der Spaßgesellschaft. Ist der ehemalige Arbeitsminister heute ein moderner Hofnarr, der auf seine ganz eigene Art den Finger in die vielen Wunden dieser Gesellschaft legt?

Norbert Blüm: Warum nicht, von Narren habe ich immer viel gehalten. Und der Volksmund, der oft klüger ist als alle Professoren, sagt: "Nur Narren und Kinder sagen immer die Wahrheit." Hans-Olaf Henkel, der ehemalige BDI-Präsident, hat mich mal als "Narr der Bundesregierung" bezeichnet, das habe ich damals als Kompliment aufgefasst.

SPIEGEL ONLINE: Wie erklären Sie sich den Erfolg eines altbackenen, auf angenehme Art unspektakulären Formats wie "Was bin ich?", wo doch sonst nur plumpe Aufgeregtheiten Quote zu machen scheinen?

Blüm: Dieses Spiel ist ein uraltes Spiel, das wahrscheinlich schon im Neandertal gespielt wurde und funktioniert hat. Ein Spiel, das eigentlich gar kein Fernsehen braucht, es benutzt die Neugierde der Menschen, die eben wissen wollen: "Wer bist du eigentlich?" Und dafür ist der Beruf ein Erkennungszeichen.

SPIEGEL ONLINE: Ihr "Erkennungszeichen" war erst Politiker und ist heute Entertainer; nur noch die wenigsten Ihrer ehemaligen Politikerkollegen scheinen sich inzwischen noch an diese strikte Trennung zu halten...

Blüm: Und das ist bedauerlich, denn diese Trennung sollte zum Geschäft gehören. Politik ist etwas anderes als Unterhaltung, Schnaps ist Schnaps und Bier ist Bier. Man muss zwar ernste Sachen nicht unbedingt tieftraurig und tränenüberströmt vortragen, da verwechselt manch einer wohl Tiefsinn mit Trübsinn, dennoch ist Politik eine ganz ernsthafte Angelegenheit und eine existenzielle Beschäftigung. Wer das nicht weiß oder es vergessen hat, dem sollte man mit dem Datum 11. September wieder auf die Sprünge helfen. Da bleibt für Witze überhaupt kein Spielraum.

SPIEGEL ONLINE: Hatte Ihr Rückzug aus der Politik auch mit Enttäuschung darüber zu tun, dass diese Ernsthaftigkeit immer mehr auf der Strecke zu bleiben scheint?

Verteidigungsminister Scharping, Lebensgefährtin Pilati-Borggreve: "Entscheidung um Leben und Tod"
DPA

Verteidigungsminister Scharping, Lebensgefährtin Pilati-Borggreve: "Entscheidung um Leben und Tod"

Blüm: Nein, alles hat seine Zeit, Cassius Clay zum Beispiel hat zwei Kämpfe zu viel bestritten. Dieses Schicksal wollte ich nicht erleiden. Ich wollte einfach im Alter noch einmal etwas Neues anfangen, um nicht in Gewohnheit und Routine zu ertrinken.

SPIEGEL ONLINE: Gefallen dürfte es Ihnen dennoch nicht, wenn Politiker ihre Wähler nur noch über den Boulevard zu erreichen glauben, zum Beispiel der Verteidigungsminister, wenn er sich turtelnd und planschend der Öffentlichkeit präsentiert, oder der Kanzler, wenn er sich via "Bild-Zeitung" mit seiner Halbschwester herumschlägt?

Blüm: Wenn das wirklich so wäre, dann wäre das allerdings sehr traurig. Was die Sache mit Scharping damals so ärgerlich gemacht hat, war, dass sie zeitgleich mit einer anstehenden Entscheidung passierte, bei der es um Leben oder Tod ging, um die deutschen Soldaten im Kosovo.

SPIEGEL ONLINE: Bei Scharping ging es wohl weniger um Spaß als um den Verteidigungsminister als Objekt eines misslungenen Product Placements; so wie BMW seine Autos in "James Bond"-Filmen unterbringt, so wollte die SPD den sonst so steifen Scharping im Lifestyle-Blatt "Bunte" präsentieren...

Blüm: Ich habe nichts gegen ein bisschen Show und bin diesbezüglich ganz sicher kein Purist. Wenn sich aber etwa der letzte SPD-Parteitag nur noch darauf reduziert, wann das Licht angeschaltet, wann der Spot kommt, wann gesungen und wann geklatscht wird, dann gehen die Inhalte verloren. Von wegen Spontaneität - das war eine abgekartete Sache! Früher haben sich die Genossen auf SPD-Parteitagen drei Tage lang um einen Antrag, Absatz drei, Satz zwei gestritten, heute streiten sie darum, ob das Licht grün oder gelb ist. Das halte ich für gefährlich, in der Politik muss man sauber unterscheiden zwischen Verpackung und Inhalt, sonst zählt irgendwann wirklich nur noch die Verpackung.

Wahlkämpfer Schröder (in Wernigerode): "Nicht im Wolkenkuckucksheim sitzen"
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Wahlkämpfer Schröder (in Wernigerode): "Nicht im Wolkenkuckucksheim sitzen"

SPIEGEL ONLINE: Der SPD-Kanzlerberater glaubt aber, dass ohne die Verpackung auch der Inhalt niemanden mehr interessiert; also nimmt der Kanzler bei Gottschalk auf dem "Wetten, dass..."-Sofa Platz.

Blüm: Warum sollte er auch nicht? Wie gesagt, ich bin kein Purist. Es schadet doch nicht, wenn Politiker zeigen, dass sie nicht im Wolkenkuckucksheim sitzen, sondern Menschen wie du und ich sind. Wenn ein Kanzler allerdings allzu oft bei den Gottschalks dieser Welt sitzt, wenn er von einer Show zur nächsten hetzt, dann ist das nicht zu akzeptieren. Denn dann bleibt ihm keine Zeit mehr, sich um die Aufgaben zu kümmern, die sein Amt eigentlich mit sich bringt.

SPIEGEL ONLINE: Während Gerhard Schröder vielleicht zu viel Showtalent hat, geht dieses Talent dem Kanzler-Kandidaten der Union, Edmund Stoiber, völlig ab. Taugt so ein Politiker überhaupt für unser Medien-Zeitalter?

Blüm: Ein Einheitsmodell wäre schlimm, jeder sollte doch bei sich sein. Es gibt Politiker, zu denen dieser Umgang mit der Show passt, und es gibt eben auch welche, zu denen er nicht passt. Am wichtigsten ist doch, dass einer authentisch bleibt.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie mit Authentizität meinen, dass ein Politiker sich im Fernsehen so konfus präsentiert wie Stoiber bei "Sabine Christiansen", dann ist verständlich, warum auch er letztlich Rat bei einem Medienprofi gesucht hat...

Blüm: Um Gottes Willen, was für Korinthenkacker sind das denn, die einem Menschen vorwerfen, wenn er sich mal verspricht. Wenn Sie einen finden, der behauptet, sich noch nie versprochen zu haben, den schlage ich für den Nobelpreis vor. Und gleich auch noch für die Heiligsprechung in Rom, denn scheinheilig ist er ja dann schon. Nein, es ist doch sogar sympathisch, dass Stoiber nicht so raffiniert auf der Klaviatur der Medien spielt wie andere.

Kanzlerkandidat Stoiber (am Aschermittwoch): "Nicht so raffiniert auf der Klaviatur der Medien"
AP

Kanzlerkandidat Stoiber (am Aschermittwoch): "Nicht so raffiniert auf der Klaviatur der Medien"

SPIEGEL ONLINE: Vielleicht wollen die Menschen heute aber lieber Faxen statt Fakten, vielleicht ist für die meisten der Unterschied zwischen Berlinale und Berliner Reichstag nur noch marginal...

Blüm: Ich hoffe nicht, dass das so ist. Es ist aber auch Aufgabe der Politiker, deutlich aufzuzeigen, wann und wo Ernsthaftigkeit unbedingt erforderlich ist. Nehmen wir noch einmal den 11. September. An dieser Stelle fehlt mir jegliches Verständnis für Ironie oder gar Witz und Humor. Von dieser oder ähnlicher Beschaffenheit sind viele Themen der Politik, Politiker müssen dem in ihren Aussagen und in ihrem Auftreten stets Rechnung tragen. Und sie müssen den Menschen verdeutlichen, dass Berlinale und Berliner Reichstag eben nicht auf Augenhöhe sind.

SPIEGEL ONLINE: Der 11. September hat auch gezeigt, dass amerikanische Politik solche Ereignisse anders zu verarbeiten sucht, mit mehr Pathos, Nationalismus und Chauvinismus, als die europäische. Ist diese Amerikanisierung der Politik gefährlich für eine Demokratie?

Blüm: Wenn es so weit geht wie in Amerika, dann vielleicht schon. Denn wenn ein Wahlkampf dadurch entschieden wird, wer seine Frau besser küsst, Bush oder Gore, dann stimmt das Maß einfach nicht mehr. Das heißt aber nicht, dass ich etwas gegen ein TV-Duell zweier Präsidentschafts- oder Kanzlerkandidaten hätte. Eine solche dramatische Zuspitzung auf den Punkt halte ich sogar für richtig.

SPIEGEL ONLINE: Der Begriff "dramatische Zuspitzung" trifft auch die Lage auf dem Arbeitsmarkt. Welches Gefühl befällt den ehemaligen Arbeitsminister Blüm, wenn er morgens die Zeitung aufschlägt und liest, dass bei der Bundesanstalt für Arbeit Statistiken manipuliert wurden?

Blüm: Dann denke ich, dass dieser Fehler korrigiert werden muss. Trotzdem wundere ich mich, selbst wenn die Statistik korrekt wäre, würde das doch nichts an der Zahl der Arbeitslosen ändern. Die Sache wird aber so diskutiert, als sei die Statistik schon der Arbeitsplatz. Weder Jagoda noch die Bundesanstalt sind für die Arbeitslosigkeit zuständig, die verkünden zwar schlechte Zahlen, sind aber nicht deren Verursacher. Das Ganze kommt mir fast wie ein großes Ablenkungsmanöver vor. Dabei sind vier Millionen Arbeitslose der eigentliche Skandal.

Das Interview führte Andreas Kötter



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