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Pulitzer-Preisträger Greenblatt: Leben ohne Religion

Foto: Tina Fineberg/ AP

Pulitzer-Preisträger Greenblatt "Ich sah nach oben. Da war kein Gott"

Gott? Gibt es nicht. Der US-Autor Stephen Greenblatt wird am Montag für seine Aufklärungsgeschichte "Die Wende - Wie die Renaissance begann" mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet. Im Interview spricht er über seine eigene Bekehrung zum Unglauben, nackte Deutsche im Park - und seine Mutter.

SPIEGEL ONLINE: Herr Greenblatt, Ihr Buch beschreibt die radikale Weltsicht des antiken römischen Dichters Lukrez, der im 1. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung viele moderne Gedanken formulierte: Die Welt besteht aus Atomen, es gibt kein Leben nach dem Tod, falls es Götter gibt, wären ihnen die Menschen egal. Gab es so etwas wie eine antike Aufklärung?

Greenblatt: Lukrez ist einerseits sehr modern, aber sein Gedicht "Über die Natur" hat vor allem eine unglaubliche Kraft und Schönheit, deshalb ist es noch heute aktuell. In den ersten Versen besingt er zum Beispiel trotz seines atheistischen Weltbilds die Göttin Venus. Aber das ist wohl eher eine Metapher für das Erotische, für die Triebe, die der Mensch mit den anderen Tieren teilt, für die Fortpflanzung und das Leben an sich.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Buch liest sich teils wie ein Krimi. Sie beschreiben, wie italienische Bücherjäger durch Süddeutschland reisen und schließlich im Jahr 1417 in einer Klosterbibliothek, möglicherweise in Fulda, den alten Lukrez-Text wiederentdecken. Wieso in Deutschland?

Greenblatt: Dafür gab es viele Gründe. In Italien hatten die Bücherjäger damals längst die meisten Bibliotheken durchforstet auf der Suche nach in Vergessenheit geratenen Büchern. In Deutschland dagegen gab es damals noch viel zu entdecken. Hinzu kam, dass die römischen Texte hier in hohem Ansehen standen, die ottonischen Kaiser sahen sich selbst ja in der Nachfolge der römischen Kaiser.

Greenblatt sitzt in Berlin in einem Restaurant Unter den Linden. Er kann den Pulitzerpreis nicht persönlich entgegennehmen, weil er bei einer Beiratssitzung des hiesigen Wissenschaftskollegs teilnimmt: "So pflichtbewusst und preußisch bin ich geworden." Er bestellt Spargel mit Sauce Hollandaise und rohem Schinken. Was verbindet den Shakespeare-Forscher so stark mit Berlin, und wie kommt es, dass er sein eigenes Fachgebiet verlässt und sich plötzlich an lateinische Texte wagt?

Greenblatt: Vor acht Jahren verbrachte ich einen Winter in Berlin am Wissenschaftskolleg. Wir hatten dort eine Lesegruppe über Lukrez, da waren hervorragende Altphilologen dabei. Ohne diese interdisziplinäre Arbeit in Berlin hätte ich das Buch wohl so nicht schreiben können.

SPIEGEL ONLINE: Sie beschreiben ausführlich das Befremden der italienischen Buchsucher, als sie am Bodensee in einem Badehaus sehen, wie Männer und Frauen gemeinsam fast nackt baden, plaudern, flirten. In Italien war so etwas damals unerhört.

Greenblatt: Ja, in den USA ist das heute auch undenkbar. Ich weiß noch, wie schockiert ich war, als ich das erste Mal in München durch den Englischen Garten ging, und all diese Nackten dort sah. Sobald es warm wird, zieht man sich in Deutschland gerne in der Öffentlichkeit aus. Das ist natürlich erst einmal überraschend, wenn man an die Stereotype der Deutschen als pflichtbewusst und streng denkt. Wenn man aus Boston kommt, aus dieser Puritanerstadt, ist es natürlich undenkbar, sich einfach so nackt in einen Park zu legen.

Das antike Lehrgedicht von Lukrez riet seinen Lesern: Es gibt kein Jenseits, also suche den Genuss, und du wirst zu einem glücklichen und guten Menschen. Die italienischen Bücherjäger finden Parallelen zwischen Lukrez und den deutschen Badefreuden, schreibt Greenblatt: eine postreligiöse, hedonistische Welt. Er zitiert den Brief eines Italieners: "Alle nämlich haben einerley Absicht, Traurigkeit zu verbannen, Vergnügen zu suchen, keinen Gedanken zu haben, als wie sie des Lebens und seiner Freuden genießen mögen".

Ausgerechnet das Vergnügen wird bei Greenblatt hochpolitisch. Denn er zeichnet den Weg der Lukrezschen Philosophie nach, wie wie aus einem deutschen Kloster über Italien und weiter durch die Gelehrtenstuben der Renaissance in ganz Europa einen wichtigen Anstoß für die Aufklärung gab. Und schließlich sogar über Thomas Jefferson den Weg in die amerikanische Unabhängigkeitserklärung von 1776 fand: "The pursuit of happiness", das verbriefte Bürgerrecht darauf, glücklich zu werden. Entwirft Greenblatt damit einen alternativen Gründungsmythos der USA, der sich nicht auf dem Geist des Puritanismus beruft, sondern auf eine atheistische Sinnsuche?

Greenblatt: Ich war mir dieser Lesart bewusst, aber das war nicht der eigentliche Grund, dieses Buch zu schreiben. Ich finde die Art, wie einige politische Kommentatoren sich auf die Religion der amerikanischen Gründerväter beziehen, absurd. Ideologien wie "Intelligent Design" werden oft als eine neue Hypothese präsentiert, dabei hat Lukrez das Thema doch schon vor 2000 Jahren abgehandelt. Ich sehe mein Buch nicht als direkte Antwort auf konservative Politiker wie Rick Santorum oder Sarah Palin. Aber als ich mein Buch schrieb, kam meine Kraft natürlich daraus, wer ich bin und wo ich lebe.

SPIEGEL ONLINE: Sie erzählen in der Einleitung, wie Ihre Mutter, als Sie ein Kind waren, eine furchtbare Angst vor dem Tod entwickelte. Sie war damals Ende dreißig, sprach ständig vom Tod. Und wurde letztendlich 90 Jahre alt...

Greenblatt: Als ich hörte, dass ich den Pulitzerpreis bekomme, rief ich als erstes meinen Cousin an, der 88 Jahre alt ist. Ich fragte mich dann, wieso habe ich ihn angerufen und nicht meine Frau oder meinen Sohn? Und dann merkte ich, es kam dem am nächsten, was ich eigentlich tun wollte: meine Mutter anrufen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle spielte Ihre Mutter für das Buch?

Greenblatt: Als Kind war ich wütend auf meine Mutter, ohne es zu wissen. Ich konnte diese Angst vor dem Tod nicht ausstehen. Es war befreiend für mich, bei Lukrez zu lesen: "Der Tod berührt uns nicht und geht uns nicht an." Die gute Nachricht ist nicht: Die Seele hat ein ewiges Leben. Sondern die gute Nachricht ist: Die Seele löst sich mit dem Tod auf, so wie der Körper.

SPIEGEL ONLINE: Wie wurden Sie zum Atheismus bekehrt?

Greenblatt: Meine Eltern lebten streng nach dem jüdischen Glauben, wir aßen koscher und gingen in die Synagoge. Sie sagten mir, dass ich beim Gottesdienst den Blick gesenkt halten müsse, weil Gott dann anwesend ist. Und wer Gott ins Angesicht sieht, müsse sterben. Ich dachte viel darüber nach. Ich überlegte mir: Naja, wenn es wirklich so kommt, wäre das schon sehr schade. Aber ich dachte, es ist einen Versuch wert. Eines Tages schaute ich also während des Segens hoch. Da war kein Gott. Ich hatte das Gefühl: Ich bin belogen worden. Darüber bin ich nie weggekommen. Ich war damals vielleicht so sieben Jahre alt. Ich habe in einer Synagoge den Glauben verloren.

SPIEGEL ONLINE: Bedeutet Ihnen denn Ihre Familientradition gar nichts mehr?

Greenblatt: Okay, hier also mein Geständnis. Als Student bekam ich in den Sechziger Jahren das Gefühl, etwas Wertvolles aufgegeben zu haben. Wir haben in den USA nicht diese eigenartigen religiösen Staatsfeiertage wie Christi Himmelfahrt. Aber ohne Feiertage wird das Leben gleichförmig, jeder Tag gleicht dem anderen, und durch die ständige Vernetzung per Internet wird das noch verstärkt. Also setze ich mich heute gerne mit meiner Frau und meinem Sohn am Freitagabend hin, dem Abend vor dem Sabbat, und zünde eine Kerze an. Aber das hat nichts mit Gott oder Metaphysik zu tun. Sondern es tut mir gut, es macht mir Freude. So wie die Tatsache, dass ich hier Spargel, Schinken und Sauce Hollandaise esse. Das ist nicht koscher, aber es schmeckt. Lukrez würde das sicher gutheißen.

Das Interview führte Hilmar Schmundt
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