Interview mit Randall Kennedy "Es sollte kein Wort geben, das über uns herrscht"

Der Harvard-Professor Randall Kennedy, 48, hat mit seinem Bestseller "Nigger - Die seltsame Karriere eines ärgerlichen Wortes" die amerikanische Debatte um rassistische Sprache neu entfacht. Mit SPIEGEL ONLINE sprach er über schwarze Empfindlichkeiten und weiße Grenzen im Umgang mit "Amerikas schlimmsten Schimpfwort".

SPIEGEL ONLINE:

Herr Kennedy, Ihr Buch war monatelang in den Bestsellerlisten - hat Sie der Erfolg überrascht?

Randall Kennedy: Ja. Ich habe zwar Resonanz erwartet, aber nicht so viel, wie es nun offensichtlich gibt.

SPIEGEL ONLINE: Denken Sie, dass die Faszination des Wortes an sich den Verkaufszahlen geholfen hat?

Kennedy: Ja, zum Teil. Ich beginne das Buch mit der Feststellung, dass "Nigger" ein ganz besonderes Wort in der amerikanischen Gesellschaft ist. Die Kontroverse um das Buch und die hohen Verkaufszahlen beweisen das. Ich wurde auch schon gefragt, ob der Titel eine Provokation ist. Gewissermaßen ist es so. Ich wollte die Aufmerksamkeit der Leute gewinnen. Ich schreibe ein Buch, damit es gelesen wird, und ich will, dass meine Leserschaft so breit wie möglich ist.

SPIEGEL ONLINE: Sie nennen den Begriff "Nigger" ein "Paradigma unter den rassistischen Schimpfwörtern". Was unterscheidet es so stark von anderen ethnischen Beleidigungen?

Kennedy: "Nigger" ist ein Schlüsselwort in der amerikanischen Kultur. Es ist das Erkennungswort für rassistische Vorurteile. Es ist überall, in Kinderreimen, in Geschichten und Romanen. Es wird in unserem Alltag noch immer benutzt. "Nigger" ist die einzige rassistische Beleidigung, die andere hervorgebracht hat, wie "Waldnigger" für die Indianer oder "Sandnigger" für Araber. Das Wort ist verbunden mit schlimmerem Schaden und Blutvergießen als jedes andere rassistische Schimpfwort. Offensichtlich gibt es alle möglichen ethnischen Konflikte in Amerika, aber der weiß-schwarze ist der tiefste.

SPIEGEL ONLINE: Heute verwenden einige Afroamerikaner selbst das "N-Wort".

Kennedy: Einige Schwarze benutzen "Nigger" untereinander als eine Art Kosewort, allerdings mit einem Schuss Ironie und dem Bewusstsein der seiner rassistischen Herkunft. Er wurde auch schon als anti-rassistisches Mittel benutzt, um den erniedrigenden Gebrauch des Wortes widerzuspiegeln und deutlicher zu kritisieren. Wie es zum Beispiel der schwarze Komiker Dick Greogory tat, als er seine Autobiografie "Nigger" nannte. Das "N-Wort" erklärt sich nicht selbst, seine Bedeutung hängt von den Umständen ab.

SPIEGEL ONLINE: Verwenden Sie selbst "Nigger" als Anrede?

Kennedy: Nein, aber ich habe Freunde, die mich liebevoll "ihren Nigger" nennen. Ich verstehe, was sie damit sagen wollen: "Wir wollen nicht eingeengt sein durch die Geschichte des Begriffs. Wir überlassen den Rassisten keinen Fußbreit, nicht einmal ihr Lieblingswort." Das Argument dagegen wäre: "Egal, was Deine Gründe sind, Du kannst immer noch missverstanden werden und jemanden verletzen."

SPIEGEL ONLINE: Einige schwarze Rapper verwenden "Nigger" sogar zur Selbstbeschreibung - aus demselben Grund?

Kennedy: Wenn Ice-T sagt "Ich bin ein Nigger, kein Schwarzer oder Afroamerikaner" oder Ice Cube sich selbst den "Nigga, den ihr zu hassen liebt" nennt oder Beanie Sigel verspricht, "Ich werde mit meinen Niggas sterben" und so weiter, dann machen sie das, um "Nigger" dem anti-schwarzen Umfeld zu entreißen. So wie einige Schwule in Amerika das Schimpfwort "queer" den Homophoben entrissen und es einfach selbst benutzt haben.

SPIEGEL ONLINE: Einige Afroamerikaner - wie der Komiker Bill Cosby - wollen das Wort überhaupt nicht und von niemandem hören.

Kennedy: Ich verdeutliche an vielen Beispielen, dass "Nigger" ein schrecklich schmerzhaftes Schimpfwort war und ist. Und ich glaube, an erster Stelle ist es nach wie vor eine erniedrigende Beleidigung. Aber ich wäre nicht dafür, dass jemand einen riesigen Radierer nimmt und das Wort aus dem gesamten gesellschaftlichen Leben entfernt, wo immer es auftaucht. Die Leute sollten wissen, dass es nicht lange her ist, seit Politiker "Nigger" auf herabsetzende Weise gebraucht haben. Und ich würde nicht wollen, dass jemand Richard Pryors "That Nigger's Crazy" entfernt, das eines der besten Comedy-Alben aller Zeiten ist und die amerikanische Kultur und Rassenbeziehungen brillant ausleuchtet.

SPIEGEL ONLINE: Sollte das Wort weniger tabuisiert werden?

Kennedy: Ich bin froh, dass "Nigger" stigmatisiert ist und Unwohlsein auslöst. Präsident Bush wurde zum Beispiel während des Wahlkampfes dabei erwischt, wie er einen Journalisten "Arschloch" nannte. Würde ein Kandidat einen Journalisten als "Nigger" bezeichnen, wären seine Karriere in derselben Minute zu Ende. Das sollten wir nicht als selbstverständlich ansehen. Es hat da eine gute Entwicklung gegeben.

SPIEGEL ONLINE: Aber sie schreiben, dass "Nigger" durch zuviel Schreckhaftigkeit wie ein Fetisch erscheint.

Kennedy: Nehmen wir zum Beispiel die Berichterstattung über die Zeugenaussage des Polizisten Mark Fuhrman im O.J.-Simpson-Prozess. Es hatte etwas Beschwörerisches, dass ununterbrochen die Umschreibung "das N-Wort" benutzt wurde - als würde man den Begriff gutheißen, wenn man zitiert, was Fuhrman gesagt hat. Ich bespreche auch den Fall eines Dozenten am Jefferson Community College in Kentucky, der gefeuert wurde, weil er in einem Seminar über Tabuwörter das Wort "Nigger" wiederholt hat. Ich meine, worum geht es hier eigentlich? Wer ein Seminar über den Holocaust belegt, sollte auch Bilder der Leichen in Auschwitz sehen.

SPIEGEL ONLINE: Einige prominente Afroamerikaner wie Spike Lee und Ice Cube benutzen das Wort, erklären es aber für Weiße zum Tabu.

Kennedy: Ich verurteile jeden, der "Nigger" als Schmähung verwendet - unabhängig von der Rasse. Für alles andere bin ich offen. Jeder kann "Nigger" sagen, es kommt nur auf seine Absichten an. Ich frage: Was genau macht er? Ist es unsozial oder einfach nur blöd oder langweilig? Oder macht es einen Sinn? In welchem Bereich der Kultur auch immer, ich mag keine Grenzen, die nicht übertreten werden können. Kultur ist ein offener Markt, und darum verteidige ich zum Beispiel auch Quentin Tarantinos Verwendung von "Nigger" in "Pulp Fiction" und "Jackie Brown".

SPIEGEL ONLINE: Wann wurden Sie zum letzten Mal als "Nigger" beschimpft?

Kennedy: Als mir das zuletzt jemand als Beleidigung ins Gesicht gesagt hat, hatte ich gerade an der Harvard Law School angefangen, etwa vor 17 Jahren. Ich war gerade in Boston angekommen, und ein weißer Taxifahrer fuhr hinter dem Taxi her, das ich nahm, und brüllte fast zehn Minuten lang rassistische Schimpfwörter hinter mir her.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie reagiert?

Kennedy: Ich habe gegrinst, mich weggedreht und mich wieder um meine Angelegenheiten gekümmert. Ich habe dieser Person nicht erlaubt, mich aufzubringen oder mich von diesem Begriff beherrschen zu lassen. Wir sollten die Herrscher der Sprache sein. Es sollte kein Wort geben, das über uns herrscht.

Das Interview führte Steven Geyer


Randall L. Kennedy: "The strange career of a troublesome word" (Pantheon Books, New York, 2002)

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