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Aufstand in Syrien: Das Volk gegen Assad

Foto: Manaf Azzam

Konflikt in Syrien "Assad wird bis zum Letzten gehen"

Die Waffenruhe in Syrien wird bislang offenbar eingehalten - aber kann das Land wirklich befriedet werden? Die Schriftstellerin Samar Yazbek hat den Aufstand gegen das Assad-Regime dokumentiert. Im Interview spricht sie über Folterknechte, die Rolle der Frauen in der Revolution und die Hoffnung auf einen Neubeginn.

Hamburg - Die an diesem Donnerstagmorgen in Kraft getretene Waffenruhe in Syrien wird bislang offenbar eingehalten. Die Lage im Land sei ruhig, sagte der Chef der syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte, Rami Abdel Rahman, der Nachrichtenagentur AFP. Allerdings hätten die Truppen von Diktator Assad bislang ihre Panzer noch nicht aus den Städten abgezogen, wie es der Befriedungsplan des internationalen Sondergesandten Kofi Annan verlangt. Assads Regierung hatte am Mittwoch zugesichert, ihre Militäreinsätze einzustellen - sich "im Fall von Angriffen" durch Regierungsgegner jedoch das Recht zu "angemessenen Reaktionen" offen gehalten. Annans Sechs-Punkte-Plan sieht neben der Waffenruhe die Aufnahme eines politischen Dialogs, die Zulassung humanitärer Hilfe und ein Ende willkürlicher Festnahmen vor.

Über die Lage in Syrien sprach SPIEGEL ONLINE mit der Schriftstellerin Samar Yazbek, die sich als Journalistin für Bürgerrechte und die Rechte der Frauen engagiert. Außerdem ist sie Herausgeberin der Online-Zeitschrift "Woman of Syria" und Autorin der Gruppe Beirut 39. Als im März 2011 die syrische Revolution begann, schrieb Yazbek ein Protokoll der Protestbewegung: Sie befragte Demonstranten, aus der Haft entlassene Dissidenten, aber auch Polizisten und Militärs. Schon bald darauf wurde sie selbst verfolgt und vom syrischen Geheimdienst massiv eingeschüchtert. Als sie erfuhr, dass ihr Name auf einer Todesliste steht, floh sie mit ihrer Tochter ins Ausland.

SPIEGEL ONLINE: Frau Yazbek, in Ihrem Buch "Schrei nach Freiheit" wirkt es am Anfang so, als würden Sie aus einem Traum aufwachen. Sie beschreiben die dumpfen Gesichter der Schlägertrupps Assads - und wundern sich, woher diese Menschen kommen. Es wirkt, als hätten Sie zum ersten Mal bemerkt, wie brutal das Regime des Landes ist, in dem Sie Ihr ganzes Leben verbracht haben.

Yazbek: Ich habe schon vor der Revolution gewusst, dass ich nicht in einer Demokratie lebe, sondern in einer Diktatur. Aber ich war doch sehr überrascht von der Brutalität. Das war wirklich ein Schock für mich. Die teuflische Art und Weise, wie dieses Regime Menschen verhaftet und ermordet - das hatte ich nicht erwartet. Es ist schon so: Ich bin aufgewacht.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben Ihre Heimat verlassen müssen, weil Sie selbst in Lebensgefahr schwebten, denn Sie haben den Aufstand beobachtet und dokumentiert. Wie haben Sie den Beginn der Revolte erlebt?

Yazbek: Als die Revolution in der arabischen Welt begann, habe ich mit Freunden darüber nachgedacht, wie man auch in Syrien damit beginnen könnte. Wir haben erste kleine Demonstrationen in Damaskus organisiert. Aber tatsächlich ist die Bevölkerung da schon ganz ohne uns auf die Straße gegangen, um für Würde, Menschlichkeit und Freiheit zu demonstrieren. Die waren draußen, und wir sind ihnen gefolgt - im Gegensatz zu dem, was wir vorher gedacht hatten.

SPIEGEL ONLINE: Es ist ein Aufstand der einfachen Leute, dem sich die Intellektuellen erst angeschlossen haben?

Yazbek: Ein Aufstand der kleinen Leute, der armen Leute. Und die Elite hat sich - nicht die ganze, aber in Teilen - später angeschlossen. Die meisten arbeiten im Geheimen. Einige unterstützen das Regime aber nach wie vor. Dazu kommt, dass die Bedrohung, der gerade die intellektuellen Oppositionellen ausgesetzt sind, unglaublich groß ist. Sie und ihre Familien werden bedroht, verhaftet, umgebracht. Darum kann man nicht sagen, wie viele noch auf Assads Seite stehen - und wie viele stillhalten, weil sie einfach nur Angst haben.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem Buch beschreiben Sie, wie Sie in ein Foltergefängnis geführt werden, wo Sie die Schreie der Gequälten hören. Warum hat man Sie wieder gehen lassen, nachdem Sie diese Grausamkeiten gesehen haben?

Yazbek: Das Regime wollte nicht, dass nach außen dringt, dass es eine alevitische Oppositionelle gibt - weil das die eigene Erzählung widerlegen würde, dass die Opposition nur aus Salafisten besteht. Also haben sie es bei einer Warnung an mich belassen. Die haben wohl auch gedacht, ich bin eine zarte Frau und lasse mich einschüchtern. Sie haben nicht damit gerechnet, dass ich an die Öffentlichkeit gehe und sogar ein Buch schreibe.

SPIEGEL ONLINE: Sie engagieren sich schon lange für die Rechte der Frauen in Syrien. In manchen Situationen scheint es dabei geradezu Ihr Glück gewesen zu sein, dass Sie als Frau nicht ernst genommen wurden - so konnten Sie beispielsweise Checkpoints passieren und sich freier bewegen.

Yazbek: Das stimmt, aber das war mehr zu Beginn der Revolution so. Das Regime ist später auch Frauen gegenüber brutaler geworden. Das Buch erzählt nur über die ersten vier Monate der Revolution. Auch da wurden schon Frauen ermordet, aber nicht in diesem Ausmaß. Jetzt werden ganze Stadtteile niedergemacht und ganze Familien massakriert.

SPIEGEL ONLINE: Zuletzt waren Berichte zu lesen, nach denen auch der syrischen Opposition vorgeworfen wird, zu foltern. Kann man Gut und Böse in Syrien noch unterscheiden?

Yazbek: Es stimmt, dass es Racheakte gibt. Nach einem Jahr der brutalen Reaktion auf diese Revolution kommt so etwas vor. Aber das sind begrenzte Fälle, die nicht mit dem Vorgehen des Regimes vergleichbar sind. Das Regime foltert organisiert.

SPIEGEL ONLINE: Wie schätzen Sie die bekannt gewordenen privaten E-Mails der Familie Assad ein?

Yazbek: Ich halte sie für authentisch. Die E-Mails zeigen auf der einen Seite, dass Assad und seine Leute nicht in der Realität leben. Und auf der anderen Seite, dass sie bis zum Letzten gehen werden, dass sie dieses Blutbad weiter betreiben werden.

SPIEGEL ONLINE: Assad scheint das Leid in seinem Land überhaupt nicht zu berühren.

Yazbek: Er und sein Clan fühlen sich als Herrscher und betrachten das Volk als ihre Sklaven. Selbst wenn Hundertausende sterben - das berührt sie nicht.

SPIEGEL ONLINE: Kann es für die Assads mit diesem Selbstverständnis einen Ausweg ohne Gewalt geben?

Yazbek: Nein. Sie sind bereit, bis zum Letzten zu gehen. Sie sind bereit, die Rolle des Teufels zu spielen: Sie lassen Bomben in Syrien explodieren und behaupten, das seien die Salafisten gewesen. Sie entlassen Verbrecher aus den Gefängnissen und lassen ihnen freie Hand. Sie versuchen, die Gesellschaft zu spalten und in den Menschen die Bestien zu wecken. Sie sind bereit, bis zum blutigen Ende zu gehen und das Land zu zerstören. Ich habe in der modernen Geschichte kein vergleichbar teuflisches Regime gesehen. Es ist sehr belastend, auch nur davon zu berichten.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem Buch äußern Sie Suizidgedanken. Haben Sie überhaupt Hoffnung auf eine gute Zukunft für Syrien?

Yazbek: Ich mache mir schreckliche Sorgen. Assad wird keine Reformen zulassen, es gibt mit ihm keine Demokratie - damit würde er sich selbst abschaffen. Ich habe Angst, dass es aufgrund der Brutalität und der Spaltung der Gesellschaft tatsächlich zu einem Bürgerkrieg kommen kann. Nur der Sturz des Regimes kann das noch verhindern - und zwar so schnell wie möglich.

SPIEGEL ONLINE: Aber was kommt nach Assad? Muss man nicht fürchten, dass extreme religiöse Kräfte an die Macht kommen?

Yazbek: Natürlich werden wir nach dem Sturz der Diktatur sehr viele Probleme haben. Wahrscheinlich wird auch die Religion eine größere Rolle spielen, und die Menschen werden extremistischer werden. Die einzige Lösung ist aber Demokratie. Es wird eine Zeit des Chaos geben, es wird dauern, bis Syrien wieder aufgebaut wird. Die Islamisten werden mit Sicherheit zunächst und vorübergehend an die Macht kommen - aber ich habe Hoffnung, das wir nach einer Zeit des Chaos und der Brutalität eine echte Demokratie haben werden. Wir müssen da durch.

Das Interview führte Stefan Kuzmany