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Interview mit Sex-Bloggerin: "Halte die Beine geschlossen!"

Foto: Abynnah Sekyiamah

Afrikanische Aufklärungs-Bloggerin "Erst mit 19 war mir klar, was Sex ist"

Bin ich lesbisch, wenn ich eine Frau geküsst habe? Was tun, wenn mein Mann mich betrügt? Die Bloggerin Nana Sekyiamah schreibt gegen das Schweigen an, das in Afrika zum Thema Sex herrscht. Im Interview verrät sie, was ihre Leserinnen am meisten interessiert - und ihre Eltern über ihren Job denken.

SPIEGEL ONLINE: Frau Sekyiamah, die Themen auf Ihrem Blog Adventures from the Bedrooms of African Women  reichen von Blow-Job-Tipps bis zu Intimkrankheiten. Worüber schreiben Sie denn am häufigsten?

Sekyiamah: Darüber, wie man befriedigenden Sex hat - die Frage taucht oft auf. Wir haben zwar alle möglichen Phantasien im Kopf, aber die Realität sieht halt anders aus. Wie man sich seine Unabhängigkeit bewahrt, sich gegen sexuellen Missbrauch wehrt oder seine Würde behält, wenn man benutzt und verlassen wird, sind ebenfalls häufige Themen.

SPIEGEL ONLINE: Wie kamen Sie auf die Idee für das Blog?

Sekyiamah: Vor ein paar Jahren war ich mit Freundinnen im Urlaub und eines Abends entwickelte sich das ehrlichste Gespräch über Sex, das ich in meinem Leben je geführt hatte. Eine unglaubliche Erfahrung! In dem Moment wurde mir bewusst, dass wir afrikanischen Frauen alle Fragen über Sex haben, es aber keinen Ort gibt, an dem wir offen darüber reden können. Als ich zurückkam, rief ich eine Freundin an und schlug ihr vor, ein Blog zu starten.

SPIEGEL ONLINE: Sie kommen aus Ghana. Wie sollen Frauen dort außerhalb des Schlafzimmers leben? Welche Ideale gibt es?

Sekyiamah: Die tugendhafte Frau in Ghana ist verheiratet, hat Kinder, geht mehrmals die Woche zur Kirche, ist in der Frauengruppe der Gemeinde oder im Chor. Ihr Leben dreht sich um Kirche, Familie und Ehemann.

SPIEGEL ONLINE: Sind ghanaische Frauen Ihre Hauptzielgruppe?

Sekyiamah: Das Blog richtet sich an afrikanische Frauen über die Grenzen Ghanas hinaus. Obwohl es viele Unterschiede zwischen den afrikanischen Ländern gibt, haben wir doch viel gemeinsam, etwa den Konservatismus in der Gesellschaft und den ungenügenden Zugang zu Aufklärung. Bei mir schreiben Frauen aus Nigeria, Kenia, Ägypten oder Marokko.

SPIEGEL ONLINE: Der Bedarf nach Aufklärung scheint groß, im Schnitt besuchen tausend Leute pro Tag das Blog. Erreicht Sie auch Kritik?

Sekyiamah: Seit 2009 hatte ich drei negative Kommentare. Viele Frauen sagen mir, dass sie froh sind, das Blog gefunden zu haben. Dort können sie offen reden, ohne verurteilt zu werden. Darunter sind Frauen, die sich fragen, ob sie lesbisch sind und bei mir erfahren, dass es nicht schlimm ist, lesbisch zu sein. Oder dass sie nicht automatisch lesbisch sind, nur weil sie einmal ein Mädchen geküsst haben.

SPIEGEL ONLINE: Bei Ihnen schreiben auch Männer regelmäßig Kommentare. Sind die überhaupt erwünscht?

Sekyiamah: Männer gehören nicht zu meiner Zielgruppe. Aber ich kann natürlich nicht kontrollieren, wer auf die Seite kommt. Außerdem habe ich festgestellt, dass es vielen afrikanischen Frauen wichtig ist, sich mit afrikanischen Männern über Sex auszutauschen - das sind ja schließlich mehrheitlich auch diejenigen, mit denen sie im Bett landen.

SPIEGEL ONLINE: Wie wurden Sie selbst eigentlich aufgeklärt?

Sekyiamah: Als Kind wurde ich missbraucht, später habe ich mit Mitschülerinnen experimentiert. Erst mit 19 war mir klar, was Sex ist, absolut lächerlich! In der Schule - ich bin auf ein katholisches Internat gegangen, so wie die meisten Mädchen in Ghana - fand das Thema einfach nicht statt, auch sonst erinnere ich mich an kein Gespräch über Sex.

SPIEGEL ONLINE: Warum dieses Schweigen?

Sekyiamah: Der Einfluss der Kirche in Ghana ist groß, die Gesellschaft extrem konservativ. Die Menschen sind darauf bedacht, nichts zu sagen, was ihre Eltern beschämen könnte. Und viele Eltern reden nicht mit ihren Kindern über Sex, abgesehen von Phrasen wie: "Halte deine Beine geschlossen!" So lernen die Kinder nichts über ihren eigenen Körper und Sexualität. Das ist auch gefährlich: Die Scham lässt viele schweigen, die missbraucht worden sind.

SPIEGEL ONLINE: Was sagen denn Ihre Eltern zu dem Blog?

Sekyiamah: Mein Vater sagte nur: "Ich will nichts über dein Sexleben wissen." Er schaut auch nicht zu und hört nicht hin, wenn ich im Fernsehen oder Radio explizit über Sex rede. Er unterstützt mich aber stillschweigend. Meine Mutter hingegen hört oder schaut sich alles an.

SPIEGEL ONLINE: Sie kann ja auch stolz auf ihre Tochter sein - das Blog bekommt viel öffentliche Anerkennung und hat zwei Preise bei den diesjährigen Ghana Social Media Awards gewonnen.

Sekyiamah: Das war unglaublich! adventuresfrom.com  wurde in den Kategorien "Best Blog" und auch "Best Activist Blog" ausgezeichnet, was auch zeigt: Die Leute verstehen, dass ich keine pornografische Seite unterhalte, sondern dass das Blog meine Form von Aktivismus ist.

SPIEGEL ONLINE: Ist es für afrikanische Frauen schwieriger, sich zu emanzipieren?

Sekyiamah: Ich habe zwölf Jahre lang in London gelebt. Frauen in England verdienen weniger als Männer, die meisten Manager sind Männer, die meisten Politiker auch - ich habe also nicht den Eindruck, dass europäische Frauen emanzipierter sind. Der Kontext ist einfach ein anderer.

SPIEGEL ONLINE: Was denken Sie über die aktuellen Femen-Proteste in Tunesien?

Sekyiamah: Als Feministin bin ich Teil der weltweiten Frauenbewegung. Aber es ist schon ein Problem, wenn manche westliche Feministinnen - selbst mit den besten Absichten - die Aufmerksamkeit von der Sache auf sich selbst lenken. Der Fokus liegt plötzlich auf den bloßen Brüsten der Femen-Aktivistinnen - aber wer erinnert sich noch an den Namen der inhaftierten Tunesierin? Die Femen-Frauen wollen Solidarität zeigen, aber sie sollten zunächst Frauenrechtsbewegungen vor Ort kontaktieren und herausfinden, wie sie diese am besten unterstützen können.

Das Interview führte Julia Jaki
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