Interview mit US-Medienkritiker "Bush-Sieg höchst unwahrscheinlich"

Zwei Wochen vor der US-Präsidentschaftswahl liegen die Kandidaten George W. Bush und John Kerry in Umfragen Kopf an Kopf. Doch ist das wirklich so? Der US-Medienkritiker Mark Hertsgaard sprach mit SPIEGEL ONLINE über Fernsehdebatten, fragwürdige Umfragetechniken und warum Kerry am Ende gewinnen muss.

SPIEGEL ONLINE:

Herr Hertsgaard, wie bewerten Sie die Berichterstattung über die Fernsehdebatten zwischen Bush und Kerry?

Hertsgaard: Die Äußerungen der beiden Kandidaten werden objektiv wiedergegeben. Aber die wichtigste Frage für die US-Medien lautet immer: Wer gewinnt? Wer liegt vorn? Und da verbreiten sie eine komplette Fehleinschätzung. Hier in Deutschland glauben Sie wahrscheinlich, dass die Wahl sehr knapp ist und dass Bush gewinnen wird. Ich glaube hingegen, das ist höchst unwahrscheinlich.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Hertsgaard: Die Umfragen, über die Sie in der Presse lesen, sind falsche Umfragen. Sie bilden nicht ab, wie die amerikanische Bevölkerung wirklich denkt. Erstens erfassen sie nur die 50 Prozent der Bevölkerung, die als Wähler registriert sind. Dabei werden viele der anderen im November auch an die Urnen gehen. Zweitens werden die Umfragen per Telefon durchgeführt. Menschen, die nur Handys benutzen, fallen also raus. Dazu zählen die meisten Amerikaner unter 30.

SPIEGEL ONLINE: Meinungsforscher geben zu, dass 90 Prozent der Amerikaner nicht an Telefonumfragen teilnehmen. Sie sagen jedoch, dass dank statistischer Methoden die Ergebnisse am Ende repräsentativ sind.

Hertsgaard: Die meisten Amerikaner, mich eingeschlossen, gehen abends nicht ans Telefon, weil zu viele Verkäufer und Meinungsforscher anrufen. Natürlich verfälscht das die Umfragen. Da dominieren am Ende ältere Leute und Hausfrauen, die insgesamt konservativer sind als der Durchschnitt. Wenn die Umfragen sagen, es handele sich um ein Kopf-an-Kopf-Rennen, ist das garantiert falsch. Amerikaner sind liberaler als die Umfragen sagen.

SPIEGEL ONLINE: Ist das auch der Grund, warum Michael Moores polemischer Anti-Bush-Film "Fahrenheit 911" in den USA zum Kinoknüller wurde?

Hertsgaard: Moores Erfolg zeigt, dass Amerikaner dieser Regierung sehr viel kritischer gegenüberstehen als in den US-Medien behauptet wird. Viele Amerikaner sind überzeugt, dass Bush eine Katastrophe ist. Aber wir hören das nicht, weil die Medien immer weiter nach rechts rücken. Eine große Minderheit stimmt hundertprozentig mit Moore überein. Selbst traditionelle Republikaner mögen Bush nicht. Sie finden ihn radikal und haben Angst vor ihm.

SPIEGEL ONLINE: Nun erhält Bush in Umfragen immer noch gute Werte als "Leader" und führt auch in anderen entscheidenden Punkten. In dem Buch "The Right Nation" zeigen zwei Redakteure des "Economist", dass Amerika immer konservativer wird. Haben die Amerikaner nicht doch die Medien und die Politiker, die sie möchten?

Hertsgaard: Ich glaube, dieses Buch ist Wunschdenken. Amerika ist ein kompliziertes Land. Man kann nicht sagen, es ist rechts oder links, es ist einfach zu groß. Wenn Sie Amerikaner fragen, was sie über Außenpolitik, über Steuerpolitik, über Sicherheit oder über Krankenversicherung denken, dann bekommen Sie in der Regel liberale, also linke, Positionen zu hören. Aber wenn Sie den Leuten dann sagen, das sei eine liberale Position, dann antworten sie: Oh Gott nein, ich bin kein Liberaler. Es ist ein Schimpfwort. Darum ist es Unsinn zu sagen, Amerika sei ein konservatives Land.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem Buch "Im Schatten des Sternenbanners" kritisieren Sie, dass die US-Medien Hofberichterstattung machen. Die "New York Times" entschuldigte sich nach dem Irakkrieg dafür, dass sie sich zu stark auf Regierungsquellen gestützt hatte. Seither ist der Ton vieler Medien kritischer geworden. Welchen Einfluss hat dieser Stimmungswechsel auf den Wahlkampf?

Hertsgaard: Die Entschuldigung der "Times" kam nicht nur zu spät, sondern sie war auch auf den hinteren Seiten versteckt, so dass die meisten Leser sie nicht zur Kenntnis genommen haben. Zweitens: Viel wichtiger als die "New York Times" oder die "Washington Post" ist das Fernsehen, das für 86 Prozent der Amerikaner die Hauptnachrichtenquelle ist. Und kein einziger Sender hat sich dafür entschuldigt, vor und während des Irakkrieges die Bevölkerung irregeführt zu haben. Der konservative Sender Fox News verbreitet bis heute die Lüge, dass Saddam Hussein etwas mit den Terroranschlägen vom 11. September zu tun hatte.

SPIEGEL ONLINE: Wenn die Stimmung in den US-Medien weiterhin so regierungsfreundlich ist, woher nehmen Sie dann den Optimismus, dass Kerry gewinnen wird?

Hertsgaard: Früher oder später siegt die Wahrheit, sogar in den Vereinigten Staaten, sogar wenn die Medien versagen. Über tausend Amerikaner sind inzwischen in Irak gestorben, noch mehr wurden verwundet. Diese Soldaten haben Heimatorte, wo die Menschen beginnen, Fragen zu stellen. Und neben dem Krieg gibt es noch einen zweiten Grund, warum Bush verlieren wird: Die schlechte Wirtschaft. Der Durchschnittsamerikaner braucht nicht die Medien, um zu wissen, wie es der Wirtschaft geht. Er lebt die Wirtschaft jeden Tag. Er weiß, ob er einen Job hat oder nicht. Bei beiden Themen steht Bush schlecht da.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben geschrieben, dass die US-Medien immer nur so kritisch sind wie die Opposition. Was sagt das über die Opposition in den vergangenen vier Jahren aus?

Hertsgaard: Auf Grund ihres Objektivitätsanspruchs äußern US-Journalisten nicht selbst Kritik. Sie lassen Oppositionspolitiker die Kritik äußern. Und die Demokraten hatten seit dem 11. September Angst, den Präsidenten herauszufordern. Daher hat auch die Presse Bush nicht angegriffen. Das hat sich erst geändert, als der Outsider Howard Dean in den demokratischen Vorwahlen einen scharfen Ton gegen Bush angeschlagen hat. Plötzlich sind die Demokraten aufgewacht. Man muss es so sagen: Howard Dean hat John Kerry sein Skript gegen Bush gegeben.

SPIEGEL ONLINE: In den Fernsehdebatten lässt Kerry kein gutes Haar an Bush...

Hertsgaard: Die Debatten sind ein Aha-Erlebnis für viele Amerikaner. Sie sehen zum ersten Mal, wie der Präsident harte Fragen beantworten muss. Während der ersten Debatte wirkte Bush selbst überrascht, dass er so stark kritisiert wurde. Er war richtig verärgert. Das zeigt, wie leicht es ihm die Medien in den vergangenen vier Jahren gemacht haben.

Das Interview führte Carsten Volkery

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