Interview mit Wolfgang Joop "Ich ziehe mir die Unterhose aus, und da liegt der Penis drin"

Wolfgang Joop, Modedesigner und Medien-Persönlichkeit, hat sich wieder einmal ein neues Wirkungsgebiet erschlossen: In Oskar Roehlers Kino-Farce "Suck My Dick" spielt der 56-Jährige den Psychiater eines Penisamputierten. Mit SPIEGEL ONLINE sprach Joop über eigene Verlustängste, die Lust an der Selbstdarstellung und den Spaß am Dilettantismus.

SPIEGEL ONLINE:

Herr Joop, Sie machen Mode, entwerfen Möbel, schreiben Kochbücher und Kolumnen, betätigen sich als bildender Künstler und hegen bisweilen politische Ambitionen. Nun auch noch die Schauspielerei. Fühlen Sie sich kreativ nicht ausgefüllt?

Wolfgang Joop: Ich hatte damit in Deutschland immer Probleme. Die Leute fanden mich unberechenbar, mit mir könne man nicht kalkulieren, ich sei provokant, politisch inkorrekt und nicht einzuordnen. Oder, wie Alphons Kaiser von der "FAZ" mal sagte, ein begnadeter Dilettant, und das kann ich unterschreiben, denn Dilettant bin ich wirklich. Ich habe für die meisten Dinge, die ich mache, keine Vorbildung, ich bin da hineingesprungen wie ins kalte Wasser. Das Einzige, was ich gelernt, sogar studiert habe, ist Pädagogik, und das habe ich angewandt, als ich sechs Jahre lang an der HdK unterrichtet habe. Alles andere habe ich als Autodidakt gemacht. Aber das Wort Dilettant gefällt mir eigentlich, weil es etwas Unfertiges beinhaltet, und das Unfertige reizt mich viel mehr als das Fertige, das Arrivierte.

SPIEGEL ONLINE: Zuletzt haben Sie in den achtziger Jahren in zwei Filmen mitgewirkt. Damals bezeichneten Sie die Schauspielerei als "Ferienspaß"...

Joop: Ich habe in der Zwischenzeit entdeckt, dass man in Hollywood-Filmen sogar noch schneller outdated ist als in der Mode. Die sind verbraucht, bevor man überhaupt hingeguckt hat. Und die großen Hollywood-Gagen kamen auch nicht rübergerollt.

SPIEGEL ONLINE: Die dürften Sie mit "Suck My Dick" aber auch nicht eingefahren haben. War es doch nur der Selbstdarstellungslust, die Sie wieder vor die Kamera getrieben hat?

Joop: Nein, denn darin liegt ja gerade der Reiz der Schauspielerei für mich - den Selbstdarsteller, obwohl ich mit dieser Bezeichnung überhaupt nichts anfangen kann, aufzugeben und mich stattdessen in einem anderen Charakter auszutoben. Ich hatte allerdings Angst, dass ich mich hier nicht in der Rolle des Psychiaters sehe, sondern als Wolfgang Joop, der immer nur denkt: Warum hast du das denn gemacht, hier siehst du aber doof aus, das Licht steht dir ja gar nicht...

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie Parallelen zwischen Filme- und Modemachen entdeckt?

Joop: Nein, die beiden haben überhaupt keine Parallelen. Als Modedesigner musst du dich einerseits in einem allgemeinen, globalen Konsens befinden und dennoch deine eigene Handschrift nicht aufgeben. Du illustrierst ja keine Einzelpersonen, du bekleidest eben kein inszeniertes Stück, was mir heute mehr Spaß machen würde. Mode ist eine nicht-individuelle Geschichte, eine Verabredung mit dem Geschmack der Welt, der trotzdem immer wieder Aussichten auf das nächste Jahrhundert zeigen muss. Aber die Beschäftigung mit der Multiplikation von irgendwelchen Produkten, die kein Bekenntnis und keine Seele hat, interessiert mich nicht mehr.

SPIEGEL ONLINE: Dabei haben Sie sich doch gerade neulich wieder mit Pelzen beschäftigt...

Joop: Ich hatte nie etwas gegen das Thema Pelze. Natürlich habe ich etwas gegen Fallenstellen und die Ausrottung bedrohter Tierarten, aber meinen Sie denn, Ihr Hähnchen fällt von allein auf den Teller? Ich finde, in einer Zeit von BSE und Massen-Tierverbrennungen gegen Farmnerze zu protestieren, ist geradezu anachronistisch.

SPIEGEL ONLINE: Ist es eigentlich nur ein Zufall, dass der Name Ihrer Filmfigur in "Suck My Dick", Dorian, an Oscar Wildes grenzenlos narzisstische Romanfigur erinnert?

Joop: Ich glaube, das hatte sich Oskar schon vorher so ausgedacht. Ehrlich gesagt habe ich ihn nicht gefragt und sollte das vielleicht noch mal tun. Man sagt mir allerdings immer wieder, ich sähe noch immer viel zu jung und viel zu glatt aus. Ich verstehe ja auch, dass mittlerweile alle Leute reden, ich sei geliftet, denn so etwas Schönes und Glattes gibt es in der Natur nicht. Da kann ich aber auch nichts für. Aber die Narbe hinter meiner linken Wange als Lifting-Narbe zu bezeichnen, ist doch etwas albern - das würde ja bedeuten, ich wäre beim Schlachter gewesen.

SPIEGEL ONLINE: Sie leiden also nicht an Verlustängsten, wie sie Ihren Filmpatienten plagen?

Joop: Leiden Sie etwa nicht daran? Es hat mal jemand geschrieben, das Schlimmste im Leben kann einem passieren, wenn man sich in eine schöne Frau verliebt, denn genau in der Sekunde hat man Angst, sie zu verlieren. So ist es mit allen Dingen, und deswegen mag ich auch Sonnenuntergänge nicht sehen, denn: Gleich ist sie weg. Ich gebe zu, dass ich zwei Ängste aus dem Film tatsächlich kenne: Ich habe oft geträumt, ich verliere die Zähne. In der Freudschen Traumdeutung heißt das sicher Verlust von Power, von Kraft, von Penetranz. Den Penis zu verlieren ist so ähnlich - man kann einfach nicht mehr penetrieren, beeindrucken, besitzen und sich vermehren.

Ich habe selbst schon geträumt, ich ziehe mir die Unterhose aus, und da liegt der Penis drin. Im Übrigen ist aber dieser Film für mich auch ein ekstatisches Abschiedsfest von den Achtzigern und Neunzigern, von dieser hedonistischen, hysterischen Gesellschaft, in der es selbstverständlich war, Drogen zu nehmen, promiskuitiv zu leben, und so weiter. Denn nach dem Zusammenbruch der Twin Towers, für deren Bezeichnung als phallisches Symbol ich ja viel Schelte bezogen habe, steht nun auch in der Realität tatsächlich der Schritt in ein neues Zeitalter bevor.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Sexleben ist nicht erst seit Ihrem Bekenntnis zur Bisexualität ein beliebtes Klatschfutter. Stört Sie das eigentlich?

Joop: Nein, das ist ein Kompliment für mich. Ich glaube, wenn einem sexuell nichts unterstellt wird, ist man erotisch völlig aus dem Rennen. Angela Merkel zum Beispiel unterstellt man gar nichts, und für ihr Sexleben interessiert sich hoffentlich höchstens Herr Merkel.

SPIEGEL ONLINE: Werden Sie sich künftig ernsthaft für die Schauspielerei interessieren?

Joop: Ich lese gerade das dritte Drehbuch, ich plane einen weiteren Film mit Oskar Roehler, und ich werde mit Gordian Maugg mein eigenes Leben verfilmen. Aber die Schauspielerei wird mir nicht genügen, da die Gagen nicht hoch genug sind. Ich kann damit meinen Lebensstil nicht finanzieren.

Das Interview führte Nina Rehfeld

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